Mahnende Erinnerung
Zur Arbeit der Fachstelle für Erinnerungskultur in Augsburg. Ein Gastbeitrag von Dr. Felix Bellaire
Der Begriff »Erinnerungskultur(en)« begegnet uns verstärkt seit der Intensivierung der erinnerungswissenschaftlichen Forschung in den 1990er Jahren. Eine feste, allgemein anerkannte Definition gibt es allerdings nicht. Die Auslegung des Begriffs kann unterschiedlich erfolgen und hängt von jeweiligen zeitlichen, räumlichen und gesellschaftlichen Kontexten ab.
Bei der Einrichtung der städtischen Fachstelle für Erinnerungskultur im Mai 2017 waren Absicht und Aufgabengebiet jedoch klar definiert: die kritische Auseinandersetzung mit dem wohl dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte, der NS-Zeit. Im Vordergrund sollten die mahnende Erinnerung an die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes und das Gedenken an dessen Opfer stehen.
Damals standen zwei Aufgaben im Raum, derer sich die Fachstelle unmittelbar anzunehmen hatte: Erstere war die Umsetzung des »Augsburger Wegs der Erinnerungskultur«, welcher einen bundesweit beachteten Kompromiss zwischen Gegner*innen und Befürworter*innen der »Stolpersteine« Gunter Demnigs bezeichnete und der die Schaffung eines eigenen Augsburger Gedenkzeichens für die Opfer des Nationalsozialismus beinhaltete. Seitdem werden dank engagierter Augsburger Stifter*innen jedes Jahr viele neue »Erinnerungsbänder« und »Stolpersteine« geschaffen.
Dazu kam die kritische Auseinandersetzung mit mehreren, als problematisch angesehenen Straßennamen. Der Stadtrat hatte hierzu eine Expert*innenkommission einberufen, die sich unter Moderation der Fachstelle fundiert mit der Thematik befasst und Empfehlungen zum Umgang mit den Benennungen erarbeitet. Bislang resultierte dies nicht nur in der Kontextualisierung mehrerer Straßennamen über Zusatzschilder, sondern auch in zwei Umbenennungen. Dieser kritische Umgang mit Stadtgeschichte fand positiven Widerhall in vielen Kommunen.
Basierend auf dem Selbstverständnis der Fachstelle, dass Erinnerungskultur – gerade in ihrer institutionalisierten Form – weder »von oben verordnet« noch bequem sein darf sowie sich fortwährend selbst zu hinterfragen hat, gewann ein drittes Arbeitsfeld stetig an Bedeutung: die Zusammenarbeit mit in der Erinnerungsarbeit engagierten Vereinen und Initiativen, die in Augsburg erfreulich zahlreich sind. Die Fachstelle dient hier als Ansprechpartner und Koordinationsstelle für alle Akteur*innen und unterstützt diese, je nach Bedarf, logistisch, organisatorisch, fachlich oder finanziell. Zusammen mit Partner*innen wie der ErinnerungsWerkstatt Augsburg, der Stolpersteininitiative, dem VVN-BdA, dem Jüdischen Museum oder auch Schulklassen, organisiert sie Veranstaltungen und Vorträge und setzt Schwerpunkte bei der Ausrichtung der Erinnerungsarbeit in Augsburg. Gemeinsam mit diesen gestaltet sie zudem das Programm zu Gedenktagen wie dem 27. Januar oder dem Porajmos-Gedenken am 2. August – dieser wurde 2021 neu in den Gedenkkalender der Stadt aufgenommen.
Ein weiteres zentrales Projekt fußt ebenso im zivilgesellschaftlichen Engagement: Dass der Erinnerungs- und Lernort »Halle 116« am 28. Oktober 2023 endlich eröffnen kann, ist letztendlich dem langjährigen ehrenamtlichen Engagement zahlreicher Augsburger*innen zu verdanken. Die dortige Ausstellung, die sich schwerpunktmäßig den Themen KZ- und Zwangsarbeit in Schwaben widmet, aber auch den Brückenschlag zu aktuellen Fragen der »Friedensstadt« versucht, wurde von der Fachstelle gemeinsam mit den lokalen Initiativen und Expert*innen erarbeitet, die sich einst erfolgreich gegen den geplanten Abriss des Gebäudes eingesetzt haben.
Dr. Felix Bellaire hat Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie studiert und promovierte 2015 mit einer kulturgeschichtlichen Arbeit über Augsburg im Nationalsozialismus. Nach Stationen beim Haus der Bayerischen Geschichte und der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit arbeitete er im Wissenschaftsbereich. Seit 2017 hat er die Leitung der Fachstelle für Erinnerungskultur bei der Stadt Augsburg inne.
Erinnerungskultur?
Ein Begriff, der häufig verwendet wird. Oft in sensiblen Kontexten. Die Bedeutung des Wortes ist nicht wirklich definiert. Das führt zu Missverständnissen. Manche verorten Erinnerungskultur in einem Zeitkorsett zwischen 1933 und 1945. Sie fokussieren damit jedoch nur die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Der a3kultur-Redaktion erschien dieses Fenster nie als passend. Sofern es zum Erinnern überhaupt Zeitmarken braucht, wären diese vielleicht zuerst mit den Jahren 1848 oder 1871, samt ihren bedeutenden Umbrüchen, zu setzen.
Wo endet Geschichte? An welchem Punkt beginnt Erinnerungskultur? Und, bedingt das eine nicht das andere? Diese Fragen und Themen diskutieren wir in der a3kultur-Redaktion – ergebnisoffen.
Wir ahnen nur, mit welchen Ereignissen die Erinnerungskultur – oder das, was wir darunter verstehen – einsetzen könnte. Wir wissen jedoch, wie aktuell Erinnerungskultur zu verhandeln ist. Sie reicht immer in die Gegenwart. Sie behandelt auch das Heute. Von jedem Tag aufs Neue.
Beim Versuch, der Erinnerungskultur, oder sollte man von den Erinnerungskulturen sprechen, einen Rahmen zu geben, entwickelt sich die Idee zu dieser Sonderveröffentlichung. Wir baten Expert*innen in Gastbeiträge der Frage nachzugehen, was sie unter Erinnerungskultur verstehen. Sie sollten unseren Leser*innen von Projekten berichten und welche Bedeutung Erinnerungskultur in diesem speziellen Arbeitsfeld hat. Hier sind die Ergebnisse.
An der a3kultur-Sonderveröffentlichung haben sich folgende Expert*innen mit Gastbeiträgen beteiligt: Carmen Reichert (Leiterin Jüdisches Museum Augsburg Schwaben), Cosima Götz (Leiterin Stabsstelle Stadtgeschichte in Augsburg), Petra Weber (Leiterin Stadtmuseum Kaufbeuren), Michael Friedrichs (Engagiert in der Erinnerungswerkstatt Augsburg und beim Brechtpreis), Felix Bellaire (Leiter Fachstelle Erinnerungskultur Augsburg)
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