Mehr Wir, weniger Ich
Ein Treffen mit Birgit Linner und Jörg Schur.
»Marathon«, »Hamlet for you«, »Der Messias« – seit 2002 stehen Jörg Schur und Birgit Linner gemeinsam auf der Bühne des Augsburger Sensemble Theaters. Vor allem die Komödie der etwas anders erzählten Weihnachtsgeschichte avancierte unter der Regie von Sebastian Seidel schnell zum Augsburger Adventskult, der alle Jahre wieder auf die Bühne gebracht wird. Uns verrieten die beiden das Freundschaftsgeheimnis ihrer langen Zusammenarbeit: »Klar gibt es auch Stressmomente und wir fetzen uns, aber über die Jahre haben wir eine gesunde und konstruktive Streitkultur entwickelt und es läuft immer noch gut«, erklärt Birgit Linner entspannt. »Wie in einer Paarbeziehung«, ergänzt Kollege Jörg Schur. »Wir sind verschiedene Persönlichkeiten, interpretieren unsere Bühnenfiguren unterschiedlich, aber gerade das macht es ja spannend. Das Ausschlaggebende ist, sich immer weiter zu entwickeln, auch beim Messias.«
Der Erfolg gibt ihnen Recht, denn die Vorstellungen sind jedes Jahr schnell ausverkauft. »Bei manchen Familien ist der »Messias«-Theaterbesuch schon ein Ritual geworden«, freuen sich die beiden Schauspieler, die ab Freitag, 12. Januar bei der Wiederaufnahme der Shakespeare-Komödie »Hamlet for you« erneut gemeinsam auf der Bühne stehen. »Privat streiten wir uns da nicht mehr, im Gegensatz zu unseren Bühnenfiguren. Die müssen als Gegenparts auftreten, was funktioniert, weil Birgit und ich eine gute Basis haben«, erklärt Schur. Und genau das macht die beiden Mimen aus – ihr Spiel ist stets unterstützendes Miteinander, was auch beim Publikum ankommt. »Wir sind nicht mehr die jungen Rampensäue, die jeden Gag bringen müssen, wir schauen eher auf die Geschichten – zusammen erarbeitet man sich die Gunst des Publikums besser«, erklärt Linner.
»Du kannst dein Gegenüber nicht ändern, also akzeptier es!«
»Marathon«, das Lieblingsstück der beiden, markiert ihren Karrierebeginn als Duo. »Ich spiele gerne Stücke für die Zuschauenden, damit sie für ein paar Stunden dem Alltag entfliehen und mal so richtig durchlachen können. Man spürt die Liebe des Publikums und umgekehrt, das tut uns allen gut«, erläutert Linner. Ihr Weg zur Komik hat sich einfach gefügt, wie sie es selbst beschreibt: »Als Kind war ich sowohl Klassenclown, als auch -sprecherin. Ich habe meine Aufgaben erfüllt, aber alles locker genommen. Über einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung kam ich zur Clownsschule in Hannover, danach zum Improvisationstheater in München und dann hierher nach Augsburg.«
Jörg Schur hingegen wusste schon in der sechsten Klasse, als er beim Krippenspiel als Josef besetzt wurde, dass er Schauspieler werden möchte. »Ich habe mich an Schauspielschulen beworben, Kinder-, Jugend- und Improtheater gespielt, eine Weile Lehramt studiert und seit 1997 ist das Sensemble meine künstlerische Heimat.« Seit 2003 führt der freischaffende Schauspieler auch Regie, z. B. bei »Der Hässliche« mit Birgit Linner: »Da funktioniert unsere Zusammenarbeit noch besser, denn die Rollen sind klar verteilt, er macht die Ansagen und ich führe aus. Unter Jörgs Regie bin ich schauspielerisch gewachsen.«
Schur, der auch als Kommunikationstrainer arbeitet, freut sich auf seinen Improtheater-Workshop im Januar und auf weitere Inklusionsprojekte wie FreiSpiel21, einem inklusiven Spielclub am Jungen Theater Augsburg, den er ein Jahr lang künstlerisch betreute. Und Birgit? »Ich würde gerne einmal eine Frau spielen, die seriös ist und etwas zu sagen hat. Außerdem interessiere ich mich sehr fürs Schreiben und würde gerne an einem Stück über Depression arbeiten, mit Tiefe und Humor.«
Seit über 20 Jahren gemeinsam auf der Bühne – wie schafft ihr das? »Ehrlichkeit, Transparenz, Reflexion und Raum für Austausch. Du kannst dein Gegenüber nicht ändern, also akzeptier es!«
Jörg und Birgit – zwei unterschiedliche Persönlichkeiten, die sich dennoch oder gerade deswegen keinen besseren Theaterpartner vorstellen können. Nicht gegeneinander arbeiten, sondern miteinander. Weniger Ich, mehr Wir lautet (nicht nur hier) die Devise. Gute, authentische Komik zu machen, ist schwierig – bei diesen beiden klappt’s.