Eine musikalisch fruchtbare Seelenverwandtschaft
Mit überwältigenden und brillant interpretierten Werken der sich freundschaftlich nahestehenden Komponisten Mieczysław Weinberg und Dmitri Schostakowitsch startete die Bayerische Kammerphilharmonie am Sonntagabend im Kleinen Goldenen Saal in ihre Jubiläumssaison.
Seit 35 Jahren bürgt das Augsburger Exzellenz-Kammerorchester für anspruchsvolle, häufig zeitgenössische Konzertprogramme und beweist immer wieder sein Gespür für namhafte Solist*innen, die mit ihrer Virtuosität die kammermusikalische Klangvorstellung bereichernd erweitern – wie etwa der Klarinettist Thorsten Johanns, der 2014 dem Ruf als Professor an die Weimarer Musikhochschule folgte.
Starke Emotionen, Erfahrung, Erinnern und (Er)Leiden, Schmerz, Trauer und Andacht prägen die jeweils auf höchstem Niveau interpretierten Partituren – die Kammersinfonie Nr. 4 für Klarinette und Streichorchester op. 158 von Weinberg, die nach der Pause um die kurze »Aria« seines Streichquartetts op. 9 ergänzt wurde, und die Kammersinfonie op. 110a von Schostakowitsch (in der Bearbeitung von Rudolf Barschai). Nicht von ungefähr waren es auch die Moll-Tonarten, die diese ergreifende Atmosphäre grundierten, der sich das zutiefst beeindruckte Publikum nicht entziehen konnte – und wollte. Musikalisch nahm das Programm intensiven Bezug auf zwei Jahreszahlen: Vor 50 Jahren starb Schostakowitsch in Moskau, vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg.
Einen überzeugenden Vorgeschmack auf die musikalische Qualität der aktuellen CD »Mieczysław Weinberg« gab die zur Eröffnung gespielte vierte Kammersinfonie – ein veritabler »Akt des Gedenkens« an das Erleben von Exil sowie inneren wie politisch motivierten Kämpfen. Die geniale, komplex strukturierte Verschmelzung von Humor und Tragik charakterisiert das Schaffen des 1919 geborenen und erstaunlich produktiven polnisch-jüdischen Komponisten. Nicht zuletzt mit seiner im Vorjahr auch an der Münchner Staatsoper inszenierten Auschwitz-Oper »Die Passagierin« (2010 bereits in Bregenz) wurde sein Können endlich stärker ins Licht gerückt. Im Repertoire der Bayerischen Kammerphilharmonie sicherte man ihm schon länger den verdient prominenten Platz.
So fügte es sich bestens, dass man mit Klarinettist Thorsten Johanns einen Solisten an der Seite – beziehungsweise vor sich – hatte, der souverän das Potenzial des in allen Klangfarben parlierenden, hell leuchtenden oder tief seufzenden Instruments auskostete. Mit Klezmer-Finesse schmiegte er sich in den kraftvollen Streicherapparat (der auch mit Soli zu glänzen wusste), leitete diesen mimisch und spielerisch an, sendete immer wieder motivierende Impulse aus und löste subtil – auch via Triangel – finale Gänsehautmomente aus. Kein Wunder, dass Weinberg den 13 Jahre älteren »Kollegen« Schostakowitsch für sich einzunehmen wusste, der ihm den Weg nach Moskau ebnete, wo Weinberg bis zu seinem Tod im Jahr 1996 lebte.
Deren künstlerische Seelenverwandtschaft übertitelte den Abend, der nach der melancholischen »Aria« Weinbergs im zweiten Teil offenbarte, wie kunstvoll Schostakowitsch auch mit den kleineren Formaten umzugehen wusste. In den fünf Sätzen des hier in der kammersinfonischen Bearbeitung gespielten 8. Streichquartetts verbirgt sich eine Fülle an Zitaten früherer Kompositionen. Sie schöpfen leitmotivisch aus dem Künstler-Monogramm »D S (es) C H« und vermitteln attacca konträre Weltwahrnehmung, Drohgebärden, Angst oder enormes Feuer (2. Satz). Ein Fest für die fulminanten Streicher, deren Elan und deren auffallend delikate dynamische Gestaltung konzertmeisterlich vom ersten Pult aus gelenkt wurde, an dem sich diesmal ein vorzüglicher Sebastian Casleanu zu behaupten wusste.
Das Konzertprogramm der Bayerischen Kammerphilharmonie finden Sie hier.
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