Mythos als gutes Geschäft
Webbers Musical »Evita« ist auf der Augsburger Freilichtbühne zu sehen. a3kultur-Autorin Iris Schmidt war bei der Premiere – und berichtet von engelsgleichen Stimmen und der offenen Frage: Hure oder Heilige?
Die liebevoll und detailreich gestaltete argentinische Häuserwand teilt sich wie das Rote Meer unter Moses' Hand. Heraus fährt ein mächtiger Balkon. Auf ihm thront – in einem über und über glitzernden weißen Kleid – eine strahlende Evita, die »Don’t Cry for Me Argentina« zum Besten gibt: die wohl berühmteste Szene aus dem gleichnamigen Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice. Sanft schwebt die engelsgleiche Stimme der berühmten Präsidentengattin (schön und überzeugend: Katja Berg) durch die Reihen der Augsburger Freilichtbühne, zieht das Volk auf und vor der Bühne gleichermaßen in ihren Bann – und wir alle gehen der polarisierenden Populistin auf den Leim.
Von den einen geliebt, von den anderen gehasst, spaltete die historische Figur der Eva Perón das argentinische Volk wie keine andere. Sie changiert zwischen heiliger Wohltäterin und intriganter Show-Künstlerin. Immer wieder stellt sich die Frage: »Spricht Evita die Wahrheit – oder möchte sie uns nur einlullen für ihre Zwecke?« Dieser Widerspruch zeigt sich auch in der Musik: Liebliche Klänge werden von harten und schmerzhaften Dissonanzen gebrochen – sinnbildlich für das Stück und für das Leben der berühmten Argentinierin. Denn bei ihr geht Süßholzraspeln stets mit Säbelrasseln einher.
Aus einfachen Verhältnissen stammend, schafft sie es mit viel Durchsetzungskraft und eisernem Willen an die Spitze der Macht. Glamour und Revolution, Armut und Reichtum, Wahrheit und Lüge – bei Evita liegen diese Extreme nah beieinander. Auf diese zwiespältige Reise nimmt das Publikum gekonnt Hannes Staffler in seiner Rolle als Che mit. Er ist Erzähler, kritischer Beobachter und Publikumsadressat – ein Zwischenweltler, der über Zeit und Raum steht und, ähnlich wie die Figur des Todes im Musical »Elisabeth« von Sylvester Levay, als Allegorie fungiert und dem Superstar Eva Perón einen kritischen Blick entgegensetzt.
Mit der – etwas erzwungenen – Hilfe des Tangosängers Agustín Magaldi (herrlich unterhaltsam: Gerhard Werlitz) gelangt sie nach Buenos Aires. Dort beginnt ihr gesellschaftlicher Aufstieg, und sie begegnet schließlich dem Militärpolitiker Juan Perón (Alexander Franzen). Die beiden erkennen sofort das Potenzial des jeweils anderen und schließen sich zusammen – auch hier zeigt sich die Ambivalenz von Liebe und Zweckgemeinschaft. Denn: Der Mythos ist ein gutes Geschäft – für beide.
Webbers »Evita«-Songs gehören nicht gerade zu den eingängigsten Melodien. Die Schauspielszenen werden in rezitativischem Gesang dargeboten, was bei der Premiere zu einigen Verständlichkeitsproblemen in den Chorszenen führte. Das Werk erinnert eher an eine tragisch-satirische Oper als an ein schwungvolles Musical. Angesichts der gegenwärtigen Populismus-Problematik ist es natürlich hochaktuell und relevant – aber vielleicht nicht unbedingt die beste Wahl für einen gemütlich-romantischen Abend auf der Freilichtbühne.
Nach einem etwas schleppenden ersten Teil nimmt das Stück im zweiten Akt spürbar an Fahrt auf. Es überzeugt mit gelungenen Ballettnummern, einem zauberhaften Kinderchor (den man nicht nur hören, sondern auch gerne sehen wollte) und einer unterhaltsam inszenierten »Regenbogentour« durch Europa. Unterstützt wurden die Hauptdarsteller*innen und der Opernchor tatkräftig von Mitgliedern des Young Stage Vereins, die als Ensemble mit viel Energie immer wieder die Bühne bespielten. Besonders ausdrucksstark: die Bühnenpräsenz von Nina-Noëlle Ingiliz O, die als La Vida – eine junge Version der Maria Eva Duarte alias Evita – auftrat.
Die Inszenierung von Florian Mahlberg lässt das Publikum mit einer offenen Frage zurück: Hure oder Heilige? Die Wahrheit liegt wohl – wie so oft – irgendwo dazwischen.
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