Naturkraft
Im Konzert der Augsburger Philharmoniker unter der Leitung von Ivan Demidov ging es sinfonisch und solistisch dank Präsenz von »Artist in Residence« Alexej Gerassimez so richtig zur Sache.
Kein Wunder, denn auf dem kontrastreichen Programm standen von Natur und Kultur inspirierte Kraft-Werke von John Psathas (Leviathan – Konzert für Schlagzeug und Orchester) und Kaija Saariaho und nach der Pause die Sinfonie Nr.1 e-Moll op. 39 vom finnischen Komponisten Jean Sibelius.
Wollte man ein Orchesterwerk ausfindig machen, das per se für raffiniert generierte, konstant gehaltene Hochspannung steht – im 2013 geschriebenen »Winterhimmel« der finnischen Komponistin Kaija Saariaho (1952-2023) hätte man es gefunden. Der Blick ins geheimnisvolle Universum mit hell aufblitzenden Sternenbildern ebenso wie die intellektuelle Auseinandersetzung mit der mythologischen Orion-Figur motivierten den transparent-schimmernden Klangteppich, in dem Harfe, Klavier, Piccoloflöte und später Holz- und Blechbläser subtil irritierende Farbfäden einweben, bis der musikalische Klangzauber sanft verebbt.
Mit seinen früheren Auftritten als amtierender Artist in Residence hat der ebenso virtuose wie charismatische Perkussionist Alexej Gerassimez schon für Furore gesorgt. Umso schöner, dass er im 6. Sinfoniekonzert noch einmal ton- und rhythmus(an)gebend im Programmzentrum stand, um die fünf Sätze des Konzerts für Schlagzeug und Orchester namens »Leviathan« zum Erlebnis für Auge und Ohr zu machen. Erschüttert vom vermüllten Zustand unseres Planeten komponierte der 1966 in Neuseeland geborene Ioannis (John) Psathas einen orchestralen Weckruf. Der erste Satz heißt »Auf dem Weg zur Hölle« und beschwört den dämonischen, gefährlich außer Kontrolle geratenen Ritt der Menschheit in die Katastrophe.
Das Orchester punktet mit voluminöser Gruppen-Dynamik nicht nur im Blech, die Pauke geht durch Mark und Bein, Gerassimez sprintet gewohnt athletisch von rechts nach links am Dirigenten vorbei, um dann wieder hochkonzentriert als zugleich cooler Hexenmeister an der Percussion-»Straße« zu verblüffen. Nur logisch, dass Psathas die Meeres-Verschmutzung mit Plastikmüllbergen auch über Extra-Instrumente spiegelt: Marimba, Xylofon und Trommeln ergänzt er mit Wasser in einer Glasschale, Regen-Sieb und Plastikflasche sowie einer präparierten Blechtonne, auf und mit denen Gerassimez kreativ-perkussiv-exzessiv klopfen, patschen, spielen darf. Zuhören und zusehen stehen bei derartigen »Events« immer in Konkurrenz. So würde man am Ende eines derart komplex durchdachten Werks, das auch noch eine Beethoven-Reminiszenz mitnimmt, am liebsten alles »da capo« erleben, um dann die Aufmerksamkeit noch einmal anders zu gewichten. Erst im Finalsatz keimte kompositorisch ein Funken Hoffnung auf, instrumental mit der Kraft im Blech befeuert und beflügelt von der flehenden Intensität, die sich im Dialog von Solisten und Solovioline Bahn brach. Anders als Psathas, der im Programmheft explizit die Motivation zu seinem Stück beschreibt, verstand sich der 1865 geborene Jean Sibelius nicht als »Literaturmusiker«. Seine Musik finge dort an, wo das Wort aufhört. Und doch kennt man ihn hier insbesondere dank der einnehmenden Sinfonischen Dichtung »Finlandia«. Seine erste Sinfonie scheint mächtig aufgeladen von dem spätromantischen Drang, sich als Meister sinfonischen Form- und Motivspielereien zu präsentieren.
Trotz der thematischen Verklammerung der Sätze fand man als Hörer*in in all diesem motivischen Mäandern nur schwer einen roten Faden und ließ sich von der im Dirigat von Demidov reichlich und mit hohem Tempo ausgekosteten eruptiven Fülle und Energie mitreißen, um knapp 40 Minuten später staunend in der apotheotischen Schluss-Klimax zu landen.
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