Tanz

»Nimm Platz« – Seid mutig!

Die zeitgenössische Tanzperformance des freien Augsburger Tanzensembles Choreoloop fordert zu Selbstbewusstsein und Selbstermächtigung auf und fand bei ihrer Premiere auf der brechtbühne im Gaswerk großen Anklang beim Publikum.

Wie meist im abstrakten, zeitgenössischen Tanz kreiste auch dieser Abend um Energie und Emotionen, bzw. die Intention, diese sichtbar zu machen, zu analysieren, wahrzunehmen und in körpersprachliche Ausdrucksweisen zu transformieren. Als künstlerische Leiterin und Choreografinfokussierte sich Diana Wöhrl für ihr aktuelles Tanzprojekt diesmal gemeinsam mit den sieben freischaffenden und hoch motivierten Tänzer*innen Soleil Veronique Jean-Marain, Melanie Lopez, Ivana Orsolic, Dergin »Stix« Tokmak, Vito Vidovic Bintchende und Anna Zesakes (2017 Preisträgerin des Augsburger Kunstförderpreises in der Kategorie Tanz/Ballett) konkret auf das Phänomen der Unsicherheit, das als körperliche Konsequenz eine Art Verlangsamung nach sich zieht und sich damit auch von den (Flucht)-Reflexen unterscheidet, die u.a. unsere Ängste auslösen. 

Allerdings äußert sich dieses Unbehagen individuell sehr unterschiedlich. Schon zum Einlass empfingen die in einer Reihe direkt vor der ersten Sitzreihe positionierten Mitwirkenden das Publikum mit konstant repetierten, mehr oder weniger subtil zur Schau gestellten kleinen mimischen und gestischen »Ticks«, die dieses Unbehagen und Defizit an Selbstsicherheit andeuten sollten. Dann lösten sich die Tänzer, suchten sich ihre Komfortzonen, ihre Plätze im Raum, doggten an die fünfzehn in Rotlicht getauchten, Friseurhauben nachempfundenen Gestänge an, fanden dort Wärme und Halt, schienen hier gelöst, lachten, freuten sich ihres Lebens. Die ebenfalls dort montierten Mikrophone forderten dazu auf, diese Gemütszustände auch sprachlich zu benennen. Schnell bildeten sich spontane Allianzen und Begegnungen – zu zweit, zu dritt, die aber ebenso abrupt auch wieder abgebrochen wurden. Kollektiv oder im Alleingang wurde Kontakt aufgenommen, wurde abgetastet, wie weit Gemeinsamkeiten, geteilte Leidenschaften, wahre Empathie und Ehrlichkeit stärken, wohin Öffnung und Vertrauen führen, inwieweit geteiltes Leid die große Einschränkung und Belastung durch Schüchternheit aus dem Weg räumen kann.

Der Percussions-lastige Technosound (Alexander Fick) pushte das Geschehen energetisch und rhythmisch stark auf, blieb tendenziell aber doch zu monoton. Diesen Eindruck stärkte leider auch die Choreografie, deren Bewegungsrepertoire wenig Abwechslung bot, zu wenig motiviert und strukturiert und bald am Limit schien. Oft musste man als Zuschauer zwischen parallel stattfindenden Aktionen und Sequenzen entscheiden, die tänzerisch aber selten die Spannung hielten und nicht ausreichend Qualität hatten, um wirklich zu faszinieren, zu berühren oder nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Sehr eindrücklich dagegen war, wie selbstverständlich und gekonnt der im Rollstuhl sitzende Dergin »Stix« Tokmak, der bis 2011 als einziger deutscher Artist und einziger körperbehinderter Künstler im Ensemble des Cirque du Soleil weltweit mit dem »Varekai«-Programm auf Tour war, hier mit dem Ensemble verschmolz, welch starke Bilder und Szenen er gemeinsam mit den Tänzer*Innen mit und ohne Rollstuhl kreierte. Momente, die für eine wertvolle, achtsame und ganz natürliche Gleichberechtigung sprachen. So kam Diana Wöhrl ihrem choreografischen Ziel, ihrer Vision eines »Nimm (Dir) Platz für Deine Entfaltung und Deine Stimme« dann doch sehr nah.   

www.choreoloop.com

Fotos: Nikolaos Doede/Diana Wöhrl

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