Theater & Bühne

Ois Chicago – auch heute noch!

Marion Buk-Kluger
23. Juni 2021

Das Musical bestimmt die Freilichtbühnen-Spielzeit in Augsburg bis zum 31. Juli … und bringt Leichtigkeit, durchaus gepaart mit Kritik an einer schnelllebigen, oberflächlichen Zeit mit sich!

Es geht um verschmähte Liebe, Sex, Mord, Schlagzeilen, die Schnelllebigkeit im Journalismus, Machtspielchen, Rechtsverdreher und geplatzte Träume, und letztendlich um die Erkenntnis: Am Ende des Tages kannst du dir nur selbst helfen. Doch irgendwie geht es zumindest zu zweit dann doch etwas leichter, wie es im Song einer der Hauptfiguren, der Tänzerin Velma Kelly, zum Ausdruck kommt: »I Can’t Do It Alone«. Gespielt wurde sie am Augsburger Premierenabend von Sidonie Smith mit beeindruckender Bühnen- und Stimmpräsenz. Smith gibt den ehemaligen Star, der zugleich Mörderin ist, mit großer Leidenschaft in ihrem Kampf, den eins-tigen Ruhm und vor allem die Freiheit wiederzuerlangen. Womit wir beim Premierenensemble wären.

Der Hauptcast

Katja Berg als Roxie Hart interpretiert deren Promisucht genial dümmlich und erinnert an so manches Social-Media-Sternchen der Jetztzeit, das, sich naiv gebend, knallhart am Erfolg arbeitet und bereit ist, seine Seele dafür zu verkaufen, angebliche Schwangerschaft zwecks Aufmerksamkeitserregung inklusive. Als Kontrapunkt agiert Pascal Herington als ihr Gatte Amos Hart, der die Eskapaden der Gattin lieber zunächst übersieht, um am Ende allerdings ernüchtert festzustellen, dass er wohl zu gut für diese oberflächliche Welt ist und daher permanent übersehen wird. Sein Solo »Mr. Cellophane« interpretiert er so mitleiderregend, dass er spätestens in diesem Moment aus dem Schatten von Alexander Franzen tritt, der den windigen Anwalt Billy Flynn gibt. Franzen macht dies aber auch wirklich genial zynisch. Unterstützt werden seine Auftritte durch eine optimale Kostümwahl, die vor allem in der Gerichtsszene im zweiten Akt, in der er als Zirkusdirektor ausstaffiert die ganze Farce von angeblicher Rechtsprechung konterkariert, auch das gesamte Ensemble perfekt in Szene setzt.

Die Inszenierung

Überhaupt sind Maske, Kostüm (Aleksandra Kica) und Bühne (Harald B. Thor) gut gewählt und in bunter Kreativität (Kostüme) gepaart mit einem nur auf den ersten Blick einfachen Bühnenbild völlig ausreichend: ein großes Gitter-Halbrund vor der Mauer, das neun Gefängniszellen zweistöckig übereinander symbolisiert, unter dem das Büro von Aufseherin Mamma Morton (von Marianne Larsen gut in Szene gesetzt: mütterlich daherkommend, aber schlicht und ergreifend egoistisch-korrupt) angeordnet ist. Die Showtreppe am rechten Rand des Gitterbaus als Sinnbild für die unglaubliche Show im Drama ist neben einer kleinen Drehbühne für ein vielfach genutztes Boudoir oder zweites Anwaltsbüro Ort des Geschehens.

Hier ist auch der Soloauftritt (»A Little Bit of Good«) von Chris Kolonko als Society-Reporterin Mary Sunshine angesiedelt. Kolonko, der sonst in seinen eigenen Shows stets der Mittelpunkt des Geschehens ist, reiht sich mühelos ins Ensemble ein und erinnert im schwarzen Witwenlook an Vogue-Chefin Anna Wintour, permanent auf der Suche nach der Story und der Schlagzeile.
Grell auftretend hält Cedric Lee Bradley als Conférencier die Story als roter Faden zusammen.  Justin Pambianchi leitet vom Keyboard aus die »Swing«-Besetzung der Augsburger Philharmoniker. Opernchor und Ballett des Staatstheaters Augsburg sowie die weiteren Akteure runden die Welt in den1920er-Jahren in der Gangsterstadt Chicago ab und bescheren durch komödiantische Momente und Varieté-Anmutung einen leichten Abend in schwierigen Kulturzeiten.

Musikalische Leitung: Justin Pambianchi
Inszenierung & Choreografie: Gaines Hall
Dramaturgie: Sophie Walz
Choreografieassistenz & Dancecaptain: Melanie Oster

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