Preis verdächtig
Die Vergabe der Augsburger Kunstförderpreise hat eine lange Tradition. In diesem Jahr sollen sie zum 62. Mal verliehen werden. Um die Struktur des Vergabemodus der jährlich wechselnden preiswürdigen Kategorien zu veranschaulichen, wäre ein komplexes Diagramm hilfreich. Um zu erklären, warum für die Stadt einzelne Bereiche der Kunst in welchem Vergabejahr förderwürdig sind und andere nicht oder nie, bräuchte es mehr als ein Schaubild. Es bräuchte eine neue Struktur im Wertebild der städtischen Kulturpolitik. Gesucht wird nichts weniger als eine Antwort auf die Frage, was Kunst ist und damit vom Augsburger Kunstpreis zu fördern und was nicht.
Das bisherige Regelwerk treibt seltsame Blüten
Das bisherige Regelwerk treibt seltsame Blüten. Es verdeutlicht die oft willkürlich wirkenden Maßstäbe, an der sich die städtische Kulturverwaltung zu orientieren hat. So erachtet es energieeffizientes Planen und Bauen als kunstförderpreiswürdig, Illustrationen, beispielsweise für Comics, nicht. Jazzer*innen haben die Möglichkeit, sich für eine Ehrung zu bewerben und der Jury zu stellen. Bandprojekte und Solokünstler*innen anderer Genres, von Gangsta-Rap bis Schlagerpop, werden hingegen von Fachleuten auserkoren und im besten Fall mit dem Augsburger Poppreis »Roy« geehrt. Dieser wird in fünf Kategorien vergeben, wobei alle bis auf den für das Lebenswerk mit jeweils 1.000 Euro dotiert sind. Für den Jahrgang des Kunstförderpreises gab es zuletzt 3.600 Euro pro Kategorie. 2020 durften sich sechs Preisträger*innen aus fünf Sparten über das Preisgeld freuen und erhielten zudem eine Urkunde. Das finanzielle Ungleichgewicht ist offensichtlich.
In diesem wirren Kontext wäre noch die Eingabeberechtigung aller im Raum Augsburg lebender Künstler*innen zu erwähnen. Zum Kunstförderpreis lädt die Stadt – völlig zu Recht – demnach auch Künstler*innen ein, die ihren Wohnsitz außerhalb der engen Stadtgrenzen haben. Also genau die Klientel, die keinen Anspruch auf städtisch geförderten Atelierraum – beispielsweise auf dem Gaswerkgelände – hat. Logisch geht anders.
Wenn es nach den ersten Plänen aus dem Kulturreferat ginge, könnten sich in Zukunft auch Design-Fachleute um den Augsburger Kunstförderpreis bewerben. Ob diese weitere Öffnung in den Bereich Kreativwirtschaft eine gleichzeitige Schwächung der Kunst bedeuten muss, ist unter den bisher vom Referat zum Thema befragten Expert*innen umstritten. Einhellig stellen diese jedoch den Reformbedarf der Preispolitik fest. Explizit wird das Münchner Modell mit den Kategorien Angewandte Kunst, Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Literatur und Musik und einer Dotierung von jeweils 6.000 Euro als Orientierungshilfe genannt. Das Modell dürfte dem Wahlmünchner und Augsburger Kulturreferenten Jürgen Enninger vertraut sein.
Enninger fordert im Interview mit a3kultur »einen echten Neustart Kultur«
Es ist zu begrüßen, wenn der seit nunmehr einem halben Jahr amtierende Referent die Diskussion um eine längst notwendige Reform der zumindest als fragwürdig zu erachtenden Kunstförderpreis-Kriterien in Schwung bringt. Enninger forderte zuletzt im Interview mit a3kultur zu Recht »einen echten Neustart Kultur«. Da sich nicht nur die Kunstförderpreis-Politik der Stadt zumindest der partiellen praktischen Unbrauchbarkeit verdächtigt macht, wäre nun der geeignete Zeitpunkt, die kulturpolitischen Ziele der Stadt zur Diskussion zu stellen.