Protest

16. Juli 2013 - 0:00 | Jürgen Kannler

Interview mit Timo Köster – Im September wird der Projektleiter für Frieden und Interkultur die Stadt in Richtung Bochum verlassen, wo er als Geschäftsführer der »Zukunftsakademie NRW« tätig sein wird.

In Augsburg organisiert er in diesem Jahr zum vierten Mal das Rahmenprogramm zum Hohen Friedensfest am 8. August. Aus diesem Grund trafen sich Patrick Bellgardt und Jürgen Kannler von a3kultur mit dem bundesweit vernetzten Fachmann und sprachen mit ihm über die Rolle des Themas Frieden in der Stadtgesellschaft.

In diesem Jahr bewerbt ihr das Rahmenprogram zum Augsburger Hohen Friedensfest mit dem Slogan »Niemand hat das Recht zu gehorchen – Protest!«. Wieso dieses Thema?

Das Thema des diesjährigen Friedensfestes verbindet Menschen weltweit über politische, kulturelle, religiöse und sprachliche Grenzen hinweg gleichermaßen. Dem Thema liegt auch die Erkenntnis zugrunde, dass gesellschaftliche Erneuerung und sozialer Wandel oftmals über Formen der Auseinandersetzung, des Protests, des Widerstands ausgelotet werden. Insofern gehören zum »Frieden« immer auch Konflikte. Nicht der Verzicht auf Konflikte oder deren Lösung machen Frieden aus, sondern es geht vor allem um die Frage, wie man sie konstruktiv bearbeitet bzw. austrägt. In diesem Zusammenhang sind unter anderem Fragen wichtig wie: Welche Perspektiven birgt Widerspruch für den Einzelnen und für die Gesellschaft? Welche Rolle spielen soziale Medien bei den aktuellen Protestbewegungen? Welche Bedeutung hat Kunst in diesem Kontext?

Nach welchem Konzept bauen sich die knapp drei Festwochen auf?

Man kann eine Art Dreiteilung vornehmen. Zum einen gibt es das Rahmenthema Protest, zu dem eine Vielzahl von Veranstaltungen stattfindet – sowohl mit Gästen von außerhalb als auch mit lokalen Akteuren. Zum anderen ist es der religiöse Bezug des Friedensfestes, der vor allem von der evangelischen Kirche mit einigen Veranstaltungen getragen wird. Außerdem haben wir in diesem Jahr erneut den Umstand, dass der Ramadan in das Zeitfenster des Friedensfestes fällt. Da war es naheliegend, wie schon vor zwei Jahren auf dem Rathausplatz ein Fastenbrechen zu organisieren. Der dritte Bereich ist weniger thematisch gefasst, sondern zielt auf die Kontinuität des Festes durch etablierte Formate – oder nennen wir sie »Friedensfestklassiker« – wie die Friedenstafel, das Festival der Kulturen, das Kinderfriedensfest oder das theater.interkultur.

Wie würdest du die Rolle des Festivals in der Stadtgesellschaft definieren?

Ich bin überzeugt, dass die Einzigartigkeit des Friedensfestes vor allem im Angebot an die Stadtgesellschaft liegt, sich mit »Friedensthemen« zu befassen. Das macht es sicher im Zusammenspiel mit anderen Kulturangeboten der Stadt besonders. Der historische und religiöse Hintergrund sollte weiterhin wirken und im Bewusstsein bleiben, seine Impulse sollten jedoch dynamisch im Hier und Jetzt verhandelt werden. Machen wir uns nichts vor: Wenn man junge Leute fragt, was sie mit dem Friedensfest verbinden, dann sind die Antworten mitunter ernüchternd. Das Ziel kann nur sein, das Thema Frieden auch über den 8. August hinaus nachhaltig in der Stadtgesellschaft zu verankern, und das gelingt sicher nur, wenn man mit dem Rahmenprogramm zum Friedensfest sowie den vielfältigen und über das ganze Jahr angebotenen Veranstaltungen ein gewisses Identifikationspotenzial schafft.

Ihr deckt mit den Veranstaltungselementen ein breites Spektrum ab. Hat das Festival die Funktion, das Thema Frieden aus einem intellektuellen Elfenbeinturm heraus in die Bauchgegend zu holen?

Sowohl als auch. Zum Friedensfest gehört auch immer die intellektuelle Auseinandersetzung. Das liegt schon an den Themen an sich. Wir hatten große Denker wie Ilija Trojanow oder Navid Kermani zu Gast. In diesem Jahr wird der Sozialpsychologe Harald Welzer hier sein. Wir versuchen darüber hinaus auch eine breite gesellschaftliche Masse zu erreichen. Dafür steht beispielsweise das Festival der Kulturen. Das muss der Ansatz sein, wenn man vor dem Hintergrund eines erweiterten Kulturbegriffs unterschiedliche Zielgruppen ansprechen möchte. Mit Blick auf das Budget hat das aber natürlich auch Grenzen.

Das Festival hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der stärksten Musikevents der Region entwickelt. Im aktuellen Programm ist – unter anderem mit Juliane Stiegele – auch die zeitgenössische Kunst stark vertreten. Wie kam es dazu?

Ja, das Weltmusikprogramm ist sicher eines der Highlights. Die Headliner spielen allesamt auf den großen Weltmusikfestivals. Zeitgenössische Kunst war auch in den vergangenen Jahren vor allem durch die Ausstellungsprojekte ein Teil des Friedensfestes. Ein Grandhotelaktivist machte mich auf Juliane Stiegele aufmerksam. Ihre »Utopia Tool Box« war genau das, wonach ich gesucht habe. Hier passen Thema, Art der Performance (im öffentlichen Raum), gesellschaftspolitische Relevanz und die Beteiligung vortrefflich zusammen. Im Rahmen dieses Projekts werden Bürgerinnen und Bürger auf dem Rathausplatz nach ihren Zukunftsvisionen gefragt. Im Moment ist es ja so, dass die Menschen vielerorts mit Infos versorgt werden, aber wer fragt nach ihren Wünschen, nach ihren Utopien? Das möchten wir tun. Die Ergebnisse werden dokumentiert und im Anschluss den politischen Entscheidungsträgern übergeben. Sich im Themenkomplex Protestkultur auch mit Streetart zu befassen ist sehr naheliegend, ist sie doch ein mittlerweile gängiges Mittel der Artikulation von Protest, unabhängig von der Art und dem Ort des Konflikts.

Euer Programm zeichnet sich an einigen Stellen auch durch das Zusammenspiel verschiedener Akteure aus. Wie habt ihr diese Interaktionen moderiert?

Das Friedensfest ist per se derart angelegt und wird von einem progressiven Netzwerk mit vielen unterschiedlichen Akteuren getragen. Die Interaktion ist je nach Projekt sehr unterschiedlich. Wir loten zusammen mit den Akteuren aus, was möglich ist. Es geht hier nicht darum, jeden irgendwie und beliebig einzubinden, sondern konstruktiv zu überlegen, wo eine Zusammenarbeit sinnvoll ist. Den Prozess von der ersten Idee bis hin zum fertigen Projekt zu gestalten, ist gerade bei diesen Themen immer eine spannende Angelegenheit. Im Fall des Ausstellungsprojekts zur Streetart haben wir den glücklichen Umstand, dass die Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung seit fast vier Jahren in der Friedensstadt ansässig ist. Ihre Geschäftsführerin, Lisa Bogerts, ist auch bei der Augsburger Kunstinitiative In Your Face aktiv, die erst kürzlich für ihre kleine »Urban-Art-Kunstmesse« im Riedinger Park den Roy-Preis erhielt. Gerade das Ausstellungsprojekt steht exemplarisch für die Verknüpfung von Wissenschaft, Politik und Kunst. Grundsätzlich ist der Ansatz unserer Arbeit immer, Kunst und Kultur im Zusammenspiel mit Bildung, Sozialem und Wissenschaft zu denken und zu verbinden.

Das funktioniert, weil die Veranstalter selbst aktiv in den Szenen unterwegs sind.

Klar. Es ist einfach toll, mit etablierten Akteuren wie Girisha Fernando, der das Festival der Kulturen kuratorisch mitbetreut, Judith Bohle oder Tobias Vogt vom Theater, den Kollegen vom Grandhotel und vielen anderen zusammenzuarbeiten.

Wie sieht es mit der finanziellen Unterstützung seitens der Stadt aus?

Die städtischen Zuschüsse für das Festival der Kulturen betragen 80.000 Euro. Das Friedensfest bekommt 50.000 Euro. Hinzu kommen Sponsorengelder. Mit diesem Etat realisieren wir jedoch nicht nur das Friedensfest, sondern auch den Rest unseres Jahresprogramms wie die Redereihe »Zusammen leben – Augsburger Reden zu Vielfalt und Frieden in der Stadtgesellschaft«, die Tagung anlässlich des Jahrestages zum Augsburger Religionsfrieden oder Sonderformate wie in diesem Jahr den »Diversity-Tag« und unterstützen zusammen mit der Universität das Wirken der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung sowie einige kleinere Projekte.

Frieden stellt eine Dachmarke im Kulturkalender der Stadt dar. Wäre es nicht langsam an der Zeit, die verschiedenen Formate wie eure Programme, das Festival der 1000 Töne oder die interkulturelle Akademie stärker zu verschränken?

Ich sehe das Thema Frieden vor allem als eine ganzjährige Herausforderung. Es hat sicher viel Potenzial für die Stadt, wenn man die Historie, die aktuellen gesellschaftlichen Wirklichkeiten vor Ort und die Internationalisierung der Stadt im Kontext der Zukunftsthemen Diversity und Vielfalt sinnvoll zusammenführt. Das ist dann jedoch ein Bereich, der über die Projekt- und Netzwerkarbeit des Friedensbüros hinausgeht. Denn Migration wird weiterhin zunehmen und somit auch zukünftig ein bedeutendes Thema für die Politik sein.

Vor einigen Wochen hast du den städtischen Bereichsleitern Kultur einen Leitfaden Interkultur vorgestellt. Einige Tage nach dieser internen Präsentation wurde das Thema plötzlich öffentlich. Auf diversen Plattformen waren Stellungnahmen dazu zu lesen. Das Niveau dieser Beiträge war zum Teil indiskutabel, der Wortlaut nicht selten verletzend. Was war geschehen?

Das erste große Missverständnis war, dass der Leitfaden als dezidierter Angriff auf Kultureinrichtungen gewertet wurde, was wohl an der Formulierung bestimmter Aussagen lag. Zum Zweiten wurde nicht darüber informiert, dass das Papier mit allen Leitern der Kultureinrichtungen im Vorfeld abgestimmt war und der Kulturausschuss das Papier einstimmig verabschiedet hatte. Im Leitfaden ging es eben nicht nur darum, wie man das Thema Trans- oder Interkultur in den verschiedenen Kultureinrichtungen angeht. Es sollte darüber hinaus auch die Frage aufgeworfen werden, inwieweit sich die Kultureinrichtungen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels in Zukunft aufstellen. Das beinhaltet Fragen, wie das Publikum von morgen aussieht, kulturelle Bildung etc. Mit diesen Fragen setzt man sich allerorts auseinander, sie sind ein zentrales kulturpolitisches Thema der Gegenwart und Zukunft. Und im Übrigen hat dies eine Vielzahl von Kultureinrichtungen selbst auf der Agenda. Ich würde mir wünschen, dass wir vielleicht des Öfteren einen Blick über den Augsburger Tellerrand hinaus wagen.

Die Diskussion offenbarte ein gewisses Informationsdefizit. Gleichzeitig machte sie aber auch die Prägnanz des Themas klar. So geschmacklos diese Debatte zum Teil auch geführt wurde – sind wir jetzt weiter als vorher?

Ob wir bei dem Thema wirklich einen Schritt vorangekommen sind, kann man heute noch nicht sagen. Man hatte mitunter das Gefühl, es würde hier ein neues Kulturleitbild der Stadt Augsburg diskutiert werden. Es war lediglich ein internes Papier, das sich dezidiert an die Leiter der Kultureinrichtungen richtete. Dass das aus dem Kontext enthoben zu Missverständnissen führt, ist völlig klar und verständlich. Was in der sogenannten Debatte ziemlich untergegangen ist, ist die Tatsache, dass viele transkulturelle Projekte unter Einbindung postmigrantischer Perspektiven und damit verbundener Themen längst realisiert werden oder derzeit in Planung sind.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg beim Protest.

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