Theater & Bühne

Die rechte Hand Gottes

Anna Hahn
13. September 2021

Ein Hotelzimmer, drei Frauen, ein gemeinsamer Plan – Das Staatstheater feierte Premiere und widmet sich dem Rape and Revenge-Genre.


Vor der Brechtbühne im Gaswerk tummeln sich die Premierengäste bei einem Glas Prosecco oder sitzen noch beim Abendessen in der Sonne im Biergarten des Ofenhauses. Die Stimmung ist ausgelassen, voller Vorfreude und daher heute schon fast ungewohnt. Endlich wieder ein Theatererlebnis, fast wie früher, sieht man vom Tragen der Maske ab, die im Theaterhaus stets aufbehalten werden muss. Das geht aber vollkommen in Ordnung.

Die Uraufführung von »Die Antwort auf alles« (Regie: Maik Priebe) steht als erste Schauspielpremiere der neuen Spielzeit auf dem Programm – keine leichte Kost, so viel ist zu sagen. In dem Stück treffen sich drei Frauen in einem Hotelzimmer. Die Spannungen im Raum sind deutlich zu spüren, unbeholfen agieren die Protagonistinnen miteinander, die Luft ist zum Schneiden dick, ein Elefant steht im Raum, man weiß bloß noch nicht, was er zu bedeuten hat. Erst müssen einige Zeit, viel Small Talk und peinliches Schweigen überwunden werden, bis sich den Zuschauer*innen der wahre Grund für das Treffen offenbart. Es zeigt sich, dass – im starken Kontrast zum komplett in Weiß (bekanntlich die Farbe der Unschuld, aber auch der Reinheit) gehaltenen Hotelzimmer – diese Bezeichnungen nicht (mehr) auf die Protagonistinnen zutreffen (Bühne und Kostüme: Susanne Maier-Staufen).


Da dieses Stück davon lebt, wenig vorab über die Handlung zu wissen, soll an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen werden. Eins ist aber klar, dieses Schauspiel ist intensiv, verstörend, macht wütend. Aber vielleicht geht es vor allem den weiblichen Zuschauerinnen so (die Autorin dieses Textes zählt sich zu dieser Spezies). Schließlich erzählt »Die Antwort auf alles« von Frauen, die selbst von sich sagen, sie seien zu einem »Gespenst«, zu einem »Monster« geworden. Sie wurden vielmehr zu Opfern gemacht und treten aus dieser Rolle heraus: Sie werden zur »rechten Hand Gottes«, wie eine der Rächerinnen es bildlich beschreibt. Dabei wollen oder können sie sich nicht auf das (amerikanische) Justizsystem verlassen und werden schließlich selbst zur Justiz. In Neil LaButes Schauspiel kommt aber letztlich noch ein weiteres Problem zutage: Was ist, wenn eine Frau lügt und gar nicht zu einem Opfer gemacht worden war?

Spannend könnte sein, wie Frauen diese Debatte aufgreifen und welchen Fokus sie setzen werden. Die geschilderten Geschichten aus der Vergangenheit der jungen Frauen sind dramatisch und spuken einem noch länger im Kopf herum. Letztlich stellt man sich viele Fragen, denn man wird das Gefühl nicht los, dass der Fokus im Stück letztlich auf der Lüge einer Frau liegt und dieses Lügen alles überschattet. Geraten dadurch nicht die »wahren« Opfer in den Hintergrund? So viel ist sicher, einfache Wahrheiten, ein Schwarz und Weiß gibt es in dieser Debatte nicht.

Die Leistung der Schauspielerinnen ist grandios. Ute Fiedler, Katja Sieder und Elif Esmen reden sich um Kopf und Kragen, streiten, kämpfen (nicht nur verbal), zerbrechen, scheitern und bauen sich wieder auf. Hierfür gab es verdient lang anhaltenden Applaus aus der fast ausverkauften Publikumstribüne.

www.staatstheater-augsburg.de

 

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