Architektur
Politik & Gesellschaft

Schande

a3kultur-Redaktion

Die Stadt Augsburg, das Land Bayern, aber auch der hier ansässige Global Player MAN entziehen der Gesellschaft wertvollen Wohnraum und Platz für Kulturräume. Wie lange soll dieser Irrsinn noch weitergehen?

Sebastianstraße, Karmelitengasse, Calmbergstraße, Mietek-Pemper-Weg, Karl-Nolan-Straße, Sommestraße. Wer einen Eindruck davon gewinnen will, mit welcher Kaltschnäuzigkeit in Augsburg der Gesellschaft möglicher Wohn- und Kulturraum entzogen wird, kann sich anhand dieser Orte selbst ein Bild davon machen.

Seit Jahrzehnten lässt die MAN stattliche Wohnblocks in bester, zentrumsnaher Lage verrotten. Lange Zeit bildeten diese Häuser in der Sebastianstraße, gegenüber der Hauptzufahrt zum Werk, so etwas wie den Teil einer eigenen kleinen Siedlung.

Einige der Blocks wurden im Laufe der Jahre abgerissen. Auch um zum Beispiel die Kindertagesstätte MAN Diesel & Turbo, vorwiegend für Kinder von Werksangehörigen, zu bauen. Hinter diesem Kindergarten erhebt sich aus dem lichten Herbstlaub eine ebenfalls leer stehende Villenarchitektur.

Über einen kurzen Fußweg gelangen wir in die Karmelitengasse. Hier, in direkter Nachbarschaft zum Gymnasium St. Stephan, lebten in der Strafanstalt des Freistaats Bayern bis 2016 bis zu 270 Häftlinge. Seit dem Umzug des Gefängnisses nach Gablingen steht der Bau leer. Eine Wohnnutzung des Objekts steht nach letzten Auskünften aus dem Justizministerium derzeit nicht zur Debatte.

Über die Straßenbahnlinie 2 gelangt man durch einmaliges Umsteigen in die Linie 1 Richtung Göggingen in 15 Minuten zur Calmbergstraße. Hier dominiert der unter Denkmalschutz stehende Nordflügel der ehemaligen Hindenburg-Kaserne eine komplette Straßenseite. Bis vor sechs Jahren lebten in dem heruntergewirtschafteten Komplex Asylbewerber*innen. Das Gebäude befindet sich ebenfalls im Besitz  Bayerns und steht leer. Es soll an die Meistbietenden zur Luxussanierung verkauft werden. Ein weiterer, viertelstündiger Fußweg genügt, um zum Mietek-Pemper-Weg zu gelangen. Er ist Teil der ehemaligen Sheridan-Kaserne. Hier verkommt seit Jahrzehnten das ehemalige Offizierskasino der bis 1998 in Augsburg stationierten US-Streitkräfte. Das Filetstück ist im Besitz der Stadt und lässt diese mit ihrem Besitz ratlos zurück. Gegenwärtig fantasiert man im Rathaus über die Nutzung als Tagungshotel.

In unmittelbarer Nachbarschaft findet sich in der Karl-Nolan-Straße die Halle 116. Die Nazis nutzten den Bau als KZ-Außenstelle für die nahe liegenden Fabrikationsstätten der Rüstungsindustrie. Seit Jahren streiten Politik und Bürgerinitiativen um die Nutzung des Gedenkortes.

Hier endet unser Rundgang der Schande – vorerst.

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