Theater & Bühne

Sieben Frauen

Eine unter die Haut gehende Uraufführung beleuchtet das Schicksal von sieben Frauen, die von den Nationalsozialisten in einer Heil- und Pflegeanstalt ermordet wurden.

Ann Esser, Journalistin, Kommunistin, lesbisch, eine unbequeme Frau, setzt sich auch in der Anstalt für Gerechtigkeit ein. Johanna, eine »neue Frau«, erfolgreich, lebt ohne Trauschein mit dem Vater ihrer Kinder. Oder Frieda, die als Sexarbeiterin, irgendwie ihre Kinder durchbringen möchte. Sie und viele andere werden in der Nazizeit in sogenannte »Irrenanstalten« gesperrt, werden zwangssterilisiert, malträtiert und schließlich ermordet.

Tine Rahel Völcker erzählt in »Frauen in der Unterwelt. Sieben hysterische Akte« von unangepassten Frauen, die zwischen 1940 und 1941 in Pirna-Sonnenstein getötet wurden. Sieben von mehr als 10.000 Menschen, nach Nazi-Diktion »unwertes Leben«, die in dieser Tötungsmaschine, zuvor eine Heil- und Pflegeanstalt, ermordet wurden. Schon der Titel des Stücks öffnet sich für Gedankenbilder: die magische Sieben, die Unterwelt als Totenreich, Hysterie als Diagnose für jegliches männlicherseits unerwünschte weibliche Verhalten. Und der Begriff Akte verweist neben der Einteilung des Stücks ebenso auf die Bedeutung als Dokument, die Darstellung eines nackten Körpers und das Handeln.

Diese sieben Frauen lösen sich auf der Bühne aus dem Tod, sind nicht nur Opfer. Sie steigen aus der Unterwelt empor und ergreifen das Wort. In einer collagenartigen Struktur aus persönlichen Äußerungen, Patientenakten und Fiktion gestaltet das Ensemble (Ute Fiedler, Florian Gerteis, Sarah Maria Grünig, Christina Jung, Andrej Kaminsky, Katja Sieder und Musiker Fabian Löbhard) intensiv die Facetten der jeweiligen Persönlichkeiten. Fluide und überblendend, mit Worten, Musik und Tanz (Körperarbeit: Gabriella Gilardi), entwickelt sich ohne fixierte Rollen ein Bild, das die Frauen nicht auf ihren gewaltvollen Tod reduziert, das ihrem Leben Raum gibt.

Bühne und Kostüme (Miriam Busch) halten sich zurück, über multifunktionalen Eisengerüsten schwebt eine Wolke transparent-weißer Kittel. Raum und Atmosphäre entstehen zudem durch die Videoarbeit von Stefanie Sixt. In diesem Setting agieren die Protagonist*innen in neutraler beige-hautiger Kleidung, einer Projektionsfläche persönlicher Möglichkeiten. Das stärkste Bild des Abends ist dennoch opulent und licht: Ein die gesamte Bühne einnehmendes weißes Tuch in ständiger Bewegung, im Zentrum Lina, deren Liebe zu einem reichen Bauernsohn gewaltsam unterbunden wird, erweist sich als fatale Mischung aus Zwangsjacke und Brautkleid.

In gut zwei Stunden ohne Pause wird der Besucher*in einiges an Konzentration abgefordert, doch die durch eine großartige Ensembleleistung bestechende und zwingend unter die Haut gehende Inszenierung (Nicole Schneiderbauer) überzeugt rundum: Hingehen, unbedingt.

Weitere Termine: 7.3., 11.3., 16.3., 25.3., 1.4., 15.4., 21.5., 4.6., 1.7., 13.7.

www.staatstheater-augsburg.de

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