Im ausverkauften Rokoko-Festsaal des Schaezlerpalais widmeten sich vier Fortepiano-Koryphäen an ebenso vielen kostbaren Originalinstrumenten aus Augsburg, Regensburg und zwei Londoner Werkstätten der hohen Kunst des zwei- bis fünfhändigen Sonatenspiels. Nicht zuletzt die im späten 18. Jh. gebauten Augsburger Instrumente von Johann Andreas Stein waren dank innovativer Mechanik in ganz Europa rege nachgefragt und erfüllten höchste Qualitätsansprüche.
Songs of Love and Death
Mit Anne Sofie von Otter war am vergangenen Samstag ein echter Weltstar zu Gast im Parktheater im Kurhaus Göggingen.
Franz Schubert meets Rufus Wainwrigt: Nichts weniger als ein kammermusikalischer Coup gelang im Konzert, das mit »Songs of Love and Death« überschrieben ist. Dafür schloss sich das das amerikanische Streichquartett »Brooklyn Rider« mit der schwedischen Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter zusammen – jetzt stellen die international gefragten Ausnahmekünstler ihr musikalisches Projekt auf Europatour vor. Ein derart geballtes Virtuosentum trotzte aller Düsternis, spendete Trost und schürte am Samstagabend als kreativer Appetizer im nahezu ausverkauften Parktheater schon einmal mächtig Hunger auf ein Weiter & Mehr im angesagten »State of the Art«– Modus des Mozartfest Augsburg 2022!
Wie hört es sich an, wenn ein Mädchen auf seiner düsteren Winterreise dem Tod begegnet? Wieviel haben der Romantiker Franz Schubert, der 1817 das Matthias Claudius-Gedicht »Der Tod und das Mädchen« im Streichquartett Nr. 14 d-Moll vertonte und die sechs lautmalerischen, von der Naturbeobachtung inspirierten und sinnlichen Lieder aus der Feder des kanadisch-amerikanischen Singer-Songweiter Rufus Wainwright (seine Oper »Primadonna« stand vor einigen Jahren auf dem Spielplan des Augsburger Theaters) gemein? Und wie sinnvoll oder mutig ist das Konzept, Schuberts kühn und klar in vier Sätze gepacktes Zwiegespräch zwischen einem angsterfüllten, zitternd-bebenden »Mädchen» und dem unerbittlichen, um Freundschaft, Nähe, Verständnis werbenden »Tod« mit Liedern aus dem Zyklus »Die Winterreise« zu kombinieren? Fragen, auf die Primarius Johnny Gandelsman und Colin Jacobsen (Violine), Bratschist Nicholas Cords und Cellist Michael Nicolas alias Brooklyn Rider eindeutige und überzeugende Antworten parat hatten.
Seit über 15 Jahren erobern die vier vielseitigen, Crossover-affinen Musiker die Bühnen der Welt. Ihnen eilt der Ruf voraus, Kammermusik zeitgemäß und mitreißend, mit der Energie und Attitüde von »Rockstars« zu interpretieren. In diesem Programm allerdings stellten sie insbesondere die unmittelbare, besonders intime Atmosphäre eines Hauskonzerts, wie es zu Schuberts Zeiten stattgefunden haben könnte, in den Fokus. Mit perfekter Bogenführung, ausgefeilter klanglicher Substanz, einem Zusammenspiel, in dem blindes aufeinander Vertrauen vom Wissen um dynamisch klug kalkulierten Ausdrucks getoppt wurde, fesselten sie ein hoch aufmerksames, am Ende hellauf begeisterte Publikum von der ersten bis zur letzten Minute dieses intensiven Konzerts, das mit der Schubert-Zugabe »Leb wohl, Du liebe Erde« nahezu magisch ausklang. Mit dem Risiko, das sie eingingen, den stringenten dramaturgischen Spannungsbogen des Schubert-Quartetts zu unterbrechen, gewährten sie dem Weltstar Anna Sofie von Otter elegant die Chance, ihre langjährig gereifte Kunst der intimen Liedgestaltung aufblühen zu lassen. Subtil, weich, innig kostete sie die jeweilige Stimmung aus, schlich sich in die tief-düsteren Klangräume ein, brachte präzise die Grauschattierungen zur Geltung, verschmolz in den Schubert-Werken ebenso nahtlos mit dem fein gewobenen Streicher-Teppich wie in den Songs von Rufus Wainwrigt, von denen die »Trois Valses Anglaises« im farbenreichen Arrangement von Colin Jacobsen ihre Erstaufführung erlebten.
Fotos:Fabian Schreyer