Club & Livemusik

Der Sound von Wut und Wehmut

Die »Brechtnacht« 2021 legte nach und präsentierte am Freitagabend mit der Poetry-Slammerin Tanasgol Sabbagh – begleitet von der Drummerin Steffi Sachsenmeier und dem Jazzer André Schwager an den Synthies - und der Allround-Musikerin Charlotte Brandi zwei charismatische Künstlerinnen auf der leider nur mäßig besuchten Kulturbühne im Gaswerk.

Merkwürdig, dass sich nach dem großartigen Feedback der digitalen Auftritte im Rahmen des letzten Brechtfestivals nicht mehr Publikum zum Live-Miterleben einfand, zumal traumhafte Temperaturen im Open-Air-Ambiente am Gaswerk ein optimales Ambiente boten.

Die lichten Reihen hielten weder die in Berlin lebende Poetry-Slammerin Tanasgol Sabbagh noch die nach ihr auftretende Singer/Songwriterin Charlotte Brandi von jeweils intensiven und lange im Ohr nachhallenden Performances ab. Mit dem ihr eigenen, ziemlich süffisanten Unterton »warnte« Charlotte Brandi davor, all das, was an diesem Abend auf der Bühne so passiere, als repräsentativ für ihr künstlerisches und damit stets wandelbar-vielseitiges Profil zu halten. »Nichts ist hier und heute so, wie es scheint…« und doch schienen, bzw. strahlten ihre älteren und die ganz neuen Songs wie »Wut«, »Jenny in the Spirit«, »Frieden« mit der emotionalen Bandbreite von Sehnsucht, Angst, Liebe, Verlust und Wut direkt ins Herz der von ihr eingenommenen Hörerschaft. Vor ihrer Solokarriere sang Brandi (*1986) im erfolgreichen Berliner Indie-Pop Duo »Me and My Drummer«; jetzt formieren sich ihre Texte, die in komplexe musikalische Arrangements (in Augsburg unterstützten sie dabei Theresa Stark am Schlagzeug und Bassistin Shanice Bennett) gebettet sind, zu einer mit überraschenden Wendungen verzierten Mixtur aus erotisch-melancholischem Chanson, frech-parodierten Schlagersound samt einer feinsinnigen Prise Folk. Wer Brandi nicht kennt, kann sich z.B. über ihr erstes Soloalbum »The Magician« einen ersten Eindruck verschaffen und sich auf den Sog ihrer alle Register ziehenden Sopranstimme einlassen.

Eine nicht minder hörenswerte Stimme hat, bzw. ist definitiv auch Tanasgol Sabbagh, die 1993 im Iran geboren wurde, Orientwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politik studierte und derzeit in Berlin lebt. Als Spoken-Word-Performerin begann sie, die ihr Publikum bereits seit über zehn Jahren begeistert, diesen Abend. Und einmal mehr war man sofort eingenommen von ihrer Souveränität im Umgang mit Rhythmus und Sprachmelodie, ihrer auffallenden Bühnenpräsenz und der wunderbar tief timbrierten Stimme und einer klaren Artikulation. Virtuos versteht sie es, Spannung aufzubauen und diese bis zum Ende der Texte auf höchstem Niveau zu halten. Unaufdringlich, eher lakonisch und mit subtil-dosiertem »Biss«, setzt sie ihre ganz persönlichen Weltansichten und Alltagsbeobachtungen mit Themen wie Rassismus, Geschlechterungleichheit, Sexualität oder Sexismus in Beziehung, fabuliert, fantasiert und fabriziert leichthändig sehr tiefsinnige Pointen. Aufmerksam und meist mit einem inneren Lächeln hingen die Hörer*innen an den roten Lippen und freuten sich an Texten wie »Die Sache mit den Tauben«, »Die Unterschrift meiner Mutter« oder der mit viel Esprit konstruierten »Frau im Museum«. Danke und gerne mehr davon, liebes Brechtbüro!

Das könnte Sie auch interessieren

Martin Schmidt
Club & Livemusik, Film

Press REC!

Die Augsburger Kegelbahnkonzerte gehen in die 12. Staffel. Mit dabei sind Lillian Hampson, Josy, Marcoca, Janikeliah und Picky Eater.

Martin Schmidt
Club & Livemusik

Indigo, Indie go!

Die Konzertreihe »Sound of Schwaben« präsentiert in Wohnzimmeratmosphäre die Musikerin Pauli und die Augsburger Indie-Band Indigo Skies.

Martin Schmidt
Club & Livemusik

Whoiswelanski and thisisroshko

Tanzbarer Hyperpop und souly-jazzy Folkpop: Whoiswelanski und Roshko live im City Club.