Im ausverkauften Rokoko-Festsaal des Schaezlerpalais widmeten sich vier Fortepiano-Koryphäen an ebenso vielen kostbaren Originalinstrumenten aus Augsburg, Regensburg und zwei Londoner Werkstätten der hohen Kunst des zwei- bis fünfhändigen Sonatenspiels. Nicht zuletzt die im späten 18. Jh. gebauten Augsburger Instrumente von Johann Andreas Stein waren dank innovativer Mechanik in ganz Europa rege nachgefragt und erfüllten höchste Qualitätsansprüche.
#StandWithUkraine
Im Benefizkonzert unter der musikalischen Leitung von GMD Domonkos Héja zeigte das Staatstheater Augsburg am Sonntagvormittag musikalisch eindrucksvoll Flagge. Überraschenderweise waren (zu) viele Plätze im Kongress am Park leer geblieben – so betrug der Gesamterlös 13.000 Euro, die jetzt an die Ukraine-Flüchtlingshilfe des UNHCR gehen.
Welche Ausdruckskraft besitzt die Musik zumal mit dem Potential sinfonischer Wucht! Militärexperten, Politiker oder Journalisten äußern in den tagtäglichen Ukraine-Extras »eigentlich« schon alles Wesentliche, Betroffene vor Ort ringen um Worte, um Schrecken, Leid und ihre fürchterlichen Kriegs-Erfahrungen zu schildern. Was ereignet sich in Herz und Hirn der Zuhörenden, wenn Beethoven, Schostakowitsch, Richard Strauss und zum orchestral opulenten Finale Modest Mussorgski, der »Das große Tor von Kiew« als zehntes seiner berühmten »Bilder einer Ausstellung« auf dem mit Bedacht konzipierten Benefiz-Programm stehen? Viel!
Bezeichnend, dass man nicht umhinkam, in jedem der ausgewählten Werke den »Soundtrack« zu dem erschütternden Bildmaterial zu hören, das uns jeden Tag aus der Ukraine erreicht. Besonders intensiv galt das für den 2. Satz aus der zur Kammersinfonie arrangierten Streichquartett Nr. 8 von Schostakowitsch. Fast erdrückend und gleichzeitig faszinierend galt das aber auch für das halbstündige Streicher-Lamento, das Richard Strauss 1945 angesichts der Ruinen und weltweiten Verwüstungen angestimmt hatte – die »Metamorphosen für 23 Streicher«, die in ihrer so assoziativen Tonsprache und dem in Varianten aufgetragenem melodischen Material so drastisch waren, so plastisch Trauer, Ausweglosigkeit, Entsetzen schilderten, dass hier kein Entrinnen möglich schien.
Zum Auftakt erklang alternativlos die von Mychajlo Werbyzkyj 1865 komponierte Ukrainische Nationalhymne (die nach Auflösung der Sowjetunion und der Gründung einer unabhängigen Ukraine 1991 in Artikel 20 der Verfassung als Hymne festgeschrieben wurde), für die sich die Zuschauer natürlich von ihren Plätzen erhoben. Auch die daran anschließende »Hymne der Europäischen Union« – sprich Beethovens Ode an die Freude wurde stehend gehört.
Und so traf der Aphorismus des Schriftstellers und Märchenautoren Hans Christian Andersen zu, traf womöglich den Nagel auf den Kopf: »Musik spricht dort, wo Worte fehlen.« Zitiert von Kulturreferent Jürgen K. Enninger, der stellvertretend für die Schirmherrin OB Eva Weber das Grußwort für die Stadt Augsburg sprach und ein Förderpaket in Höhe von 20.000 Euro für die Unterstützung ukrainischer Künstler ankündigte. Gewichtige, klug und klar Position beziehende Grußworte gab es im Anschluss auch von Staatstheaterintendant Bücker sowie von Tanja Hoggan-Kloubert als Vertreterin des 2019 in Augsburg gegründeten Ukrainischen Vereins Augsburg e.V.. Im Zusammenwirken mit dem Philharmonischen Orchester wandelten sie das Podium im Kongress am Park an diesem Sonntagvormittag in einen Ort der intensiven Verbundenheit mit der ukrainischen Bevölkerung um und betonten mit »Unterstützung« von Hanna Arendt, dass es die Fähigkeit zu handeln ist, die den Mensch zu einem politischen Wesen macht. Im Benefizkonzert wurde musikalisch großartig, leidenschaftlich, berührend »gehandelt« und Zusammenhalt demonstriert, Betroffenheit sichtbar und hörbar gemacht!