Theater & Bühne

Auf der Suche nach dem Glück

Dieter Ferdinand
10. Mai 2022

Im Martini-Park spielt das Staatstheater Augsburg das Schauspiel »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Ödön von Horváth.

 

»Der Witz verdeckt zeitweise die Tragik«, sagte nach der Aufführung ein junger Mann zu seiner Begleitung. Ödön von Horváth zeichnet in seinem Stück wie im Brennglas Menschen mit ihrer Sehnsucht nach Glück; es geht um Hoffnung, Verzweiflung, Scheitern und auch um Krieg. Regisseur Sebastian Schug hat in Zusammenarbeit mit dem Ensemble eine Textfassung für 95 Minuten erarbeitet. Selbst die für Horváth so wichtige Stille ist zu hören.

 

Marianne, eine junge Frau (Jenny Langner), verlässt ihren Verlobten Oskar (Thomas Prazak) und brennt mit dem Galan Alfred (Alexander Küsters) durch. Der lebt auf Pump und drängt Marianne ins Varieté. Sie sagt: »Über uns webt das Schicksal Knoten in unser Leben.« Die Gesellschaft, der sie entflohen ist, feiert ausgelassen. Mariannes Vater, der »Zauberkönig« (Gerald Fiedler), ist mit Blick auf die Zukunft pessimistisch. Auf die Frage, was er denn habe, sagt die Trafikantin Mathilde (Natalie Hünig): »Wenn er sich besoffen hat, kommandiert er sich selber.« Der streng nationalistische Student Erich (Patrick Rupar) ist Mathildes neuer Liebhaber, kehrt aber bald zu den Nazis nach Deutschland zurück. Gespielt wird die Suche nach dem Glück. Als Spielerin erkannt wird Marianne, die von ihrem Vater verstoßen wird: »Wer nicht hören will, muss fühlen.« Sie: »Das kann ich mir nicht leisten, dass ich mich schäm.«

 

Das Drama steuert auf sein Ende zu. Der Zauberkönig geht auf Krücken, Mathilde und Alfred sind wieder zusammen. Oskar sagt dräuend zu Marianne: »Ich hab dir mal gesagt, Marianne, du wirst meiner Liebe nicht entgehen.« Sie: »Ich kann nicht mehr.« Er küsst sie, dann erschießt sie ihn, was bei Horváth so nicht vorgesehen ist.

 

Horváth selbst bezeichnete sein Stück als »Synthese von Ernst und Ironie«, er wollte eine neue Form des Wiener Volksstücks finden. Die »Geschichten aus dem Wiener Wald« wurden am 2. November 1931 am Deutschen Theater Berlin mit großem Erfolg uraufgeführt. Es entbrannte ein »Kulturkampf« zwischen Freunden Horváths und der Nazipresse. Nach der Machtergreifung Hitlers wurden Horváths Stücke nicht mehr aufgeführt.

 

Knapp sieben Jahre nach der Uraufführung der »Geschichten aus dem Wiener Wald«, am 1. Juni 1938, wurde Horváth in Paris vom Geäst eines umstürzenden Baums erschlagen – bei Gewitter und Sturm auf den Champs-Élysées.

Am Ende großer, begeisterter Applaus für einen sehr empfehlenswerten Theaterabend.

 

www.staatstheater-augsburg.de


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