Theater & Bühne

Theater und Macht

Anna Hahn
29. Juli 2021

Unter dem Titel »Theater und Macht – Beobachtungen am Übergang« wurden unter anderem acht identische Fragen an zehn Intendant*innen und Leitungsteams aus deutschsprachigen Theatern gestellt. Mit dabei in der prominenten Runde: Kathrin Mädler vom Landestheater Schwaben und André Bücker vom Staatstheater Augsburg. Teil 1 der a3kultur-Reihe »Theater. Macht. Zukunft.«

Wie führen Sie Ihr Haus? Beschreiben Sie kurz Ihren Führungsstil und die Werte, die ihm zugrunde liegen.
Mädler: Alle Mitarbeiter/innen am Theater sind Idealist/innen, sie bringen ihre Kreativität und ihre Leidenschaft ein. Sie müssen nicht vom Sinn unserer Arbeit überzeugt werden, höchs-tens von der gemeinsamen Laufrichtung. Einen offenen, angstfreien und inspirierenden Raum zu schaffen, in dem es möglich ist, Mut zu fassen, verrückte Dinge zu tun, sich mit der eigenen Empfindsamkeit auszuprobieren – das ist die Aufgabe der Theaterleitung. [...] Dieser Prozess braucht so viel Freiheit und Ermutigung wie möglich und so viel verlässliche Struktur wie gerade nötig.

Bücker: Ich habe immer viel Wert auf kooperative Arbeit gelegt. In Augsburg bin ich Teil einer gleichberechtigten Doppelspitze aus Intendant und Geschäftsführendem Direktor. Im Schauspiel haben wir schon vor vier Jahren eine geschlechter-paritätische Teamleitung aus Hausregisseur/innen und Dramaturg/innen etabliert. Die Belegschaft muss sich darauf verlassen können, dass notwendige Entscheidungen – in jedem Bereich – durch die Leitung zügig und nachvollziehbar getroffen und verlässlich kommuniziert werden. Darauf hat jeder Beschäftigte einen Anspruch. Nur so fühlen sich die Mitarbeiter/innen ernst genommen und begreifen das Theater insgesamt als ihr eigenes, als gemeinsames Projekt. Als Intendant sollte man immer ansprechbar sein und interne Kommunikationsstrukturen aufbauen, die Offenheit nicht nur simulieren, sondern tatsächlich angstfrei Diskussion und Kritik ermöglichen. Transparenz und Glaubwürdigkeit in den Entscheidungsprozessen, auch in künstlerischen Fragen, ist letztlich wichtige Voraussetzung für das Funktio­nieren des gesamten Hauses.

In den letzten Jahren werden Fälle von Machtmissbrauch an Theatern verstärkt diskutiert. Sind sie Zeichen einer strukturellen Schieflage?
Mädler: Jede Form von Verletzung, von Macht-missbrauch, von Manipulation, die im sensiblen Prozess Theater passiert, ist für ihn existentiell schädigend und zutiefst enttäuschend – weil es im Kern der Theaterkunst um Empathie, Sehnsucht und Utopie geht. Traurig, wenn wir da so radikal scheitern. Es ist eine sehr gute Entwicklung, dass dieses Scheitern in der letzten Zeit deutlich benannt und zunehmend bearbeitet wird – wenn auch noch nicht genug. Zu häufig wird Verantwortung immer noch als Macht genutzt. Je diverser die Aufstellung der Teams an Theatern ist, desto größer die Chance, dass Positionen in Frage gestellt, Strukturen verändert und Prozesse neu gedacht werden. Eine Tatsache lässt sich nicht aus der Welt schaffen: Gute Führung bleibt immer auch eine Frage souveräner Persönlichkeiten.

Bücker: Machtmissbrauch kann in jeder Struktur und in jeder Institution vorkommen, in der Wirtschaft, in der Politik, im Kulturbereich. Im Theater wird diese Thematik besonders leidenschaftlich diskutiert, manchmal aber auch politisch aufgeladen, pauschalisiert und instrumentalisiert. Nicht jede Leitungsentscheidung, die einzelnen nicht gefällt oder nicht in die eigene Agenda passt, ist gleich ein Fall von Machtmissbrauch. Große Theaterbetriebe sind, ähnlich wie z.B. Ministerien oder Konzerne, hierarchisch aufgebaut. Das ist per se nichts Negatives oder Verdächtiges. [...]

Gibt es an Ihrem Haus einen Kodex für den Umgang miteinander? Wie stellen Sie sicher, dass die Regeln befolgt werden?
Mädler: Wir haben in einem gemeinsamen Prozess mit allen Mitarbeiter/innen des Hauses den wertebasierten Verhaltenskodex des Deutschen Bühnenvereins für unser Haus interpretiert, diskutiert und ergänzt und so einen eigenen, von allen unterzeichneten Wertekodex erarbeitet, der für uns und alle Gäste gilt. [...]

Bücker: Ja, wir haben in einem über ein Jahr andauernden Prozess unter Leitung eines externen Experten ein Leitbild erstellt, welches von der Belegschaft verabschiedet wurde. Dieser Prozess wurde unter persönlicher Beteiligung von zahlreichen Mitarbeitern aus allen Abteilungen äußerst tiefenscharf geführt. Mit der Verabschiedung des Leitbildes ist der Prozess allerdings nicht beendet, sondern es hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet, die das Leitbild in die alltägliche Praxis umsetzt und weiterentwickelt. Mitarbeiter können sich bei Problemen auf dieses Leitbild beziehen. Partner bei Konflikten ist immer auch der Personalrat oder die Ensemblevertretung.

Wo ist in Ihrer Institution »der Sitz der Macht«? Und wer sitzt dort?
Mädler: Der Sitz der Macht ist die leere Bühne, die mit herausragender Kunst zu füllen ist. [...]

Bücker: Der »Sitz der Macht« ist im Theater der Feuerwehrplatz. Ohne die Genehmigung der Feuerwehr und der Brandschutzbehörde geht gar nichts. [...]


Der Auszug stammt aus: »Theater und Macht. Beobachtungen am Übergang«, Band 15 der Schriftenreihe »Bildung und Kultur« (Foto: Cover). Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung und nachtkritik.de in Zusammenarbeit mit weltuebergang.net. Redaktionelle Leitung: Sophie Diesselhorst, Christiane Hütter, Elena Philipp, Christian Römer. Inspiration erfuhren die Autor*innen auch von Daniel Ries Text »Unternehmensethik für den Kulturbetrieb« von 2012. Verwendung der Texte mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber*innen. Publikation erhältlich unter: www.boell.de


Wie keine anderen Kulturorte stehen die Theater im Fokus der Diskussion um Machtmissbrauch und Hierarchiestrukturen. Zum Startbeitrag der neuen a3kultur-Reihe

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