Traumhaft, nicht nur beim Aufwachen!
Musikalische Kostbarkeiten aus dem multinationalen Schmelztiegel des barocken Londons – eingespielt von Iris Lichtinger und Axel Wolf. Lichtinger wurde nun mit der CD für den Opus Klassik 2023 nominiert.
»Achtung Suchtgefahr!« könnte im Hörer-Beipackzettel der jetzt veröffentlichten CD »Dreaming and Waking« stehen. Aufgenommen haben sie die Flötistin Iris Lichtinger und Lautenist Axel Wolf noch in Lockdown-Zeiten 2021 im Augsburger Maximilianmuseum. Nachdem ein wiederholtes Abspielen musikalischer Kostbarkeiten ja noch niemandem geschadet hat, sei dieses Album allen Liebhaber*innen barocker Instrumentalmusik ans Herz gelegt. Nicht zuletzt teilen die beiden Virtuosen die Vorstellung, dass Musik, dass Klang und berührende Melodien sehr wohl auch Heilendes, Tröstliches kommunizieren können. Voraussetzung dafür: Die Hörer*innen sollten sich dieser teils sehr sinnlichen, besänftigenden, die Affekte gekonnt nutzenden Musik mit Muße hingeben. Dann verlangsamt sich die Zeit und gewährt die Ruhe, in der sich der magische Klangraum erleben lässt, den die beiden Solist*innen im virtuosen Dialog von Barock und Renaissance-Blockföte(n) mit Theorbe oder Laute aufleuchten lassen. Als Duo kennen und ergänzen sich Iris Lichtinger und Axel Wolf schon seit vielen Jahren. Beide sind exzellente Musiker*innen, die sich dank ihres spieltechnischen Vermögens sehr bewusst dem Ausdruck, dem Spiel im jeweiligen Moment hingeben und damit die »Spontanität des unmittelbar aufeinander Reagierens« auskosten. Nachzulesen ist dies im feinsinnigen Interview, das Prof. Dr. Stephanie Waldow für das Booklet führte. Insbesondere aber zu hören ist das in den elf »grounds«, Sonaten und Chaconnen, die galant und voller tänzerischem Elan den diffusen Zustand zwischen Traum und Erwachen umspielen und ein feines Gespür für Raritäten sowie Klassiker der barocken Blockflöten-Repertoires offenbaren. Vermutlich kennen insbesondere Barockspezialisten die Namen der Komponisten, die im 17. und frühen 18. Jahrhundert im inspirierenden »multinationalen« meltingpot des barocken London aufeinandertrafen. So kam etwa Godfrey Finger, mit dessen betörenden vierminütigem »A Ground« (= eine Melodie, die meistens im Bass liegt und als Fundament für eine oder mehrere Oberstimmen dient) das Album beginnt, als Gottfried Finger aus Olmütz, reiste über München an den englischen Hof König Jakobs II und kehrte dann wieder zurück nach u.a. Neuburg und Mannheim, wo er 1730 starb. Und sicher lohnt auch der Blick auf den Lebenslauf von Komponisten wie Giacomo Carissimi, dessen vier nobel-tändelnde Sonaten-Sätze hier seinem Namen alle Ehre machen. Des Weiteren zu entdecken sind Solomon Eccles, Giovanni Girolamo Kapsberger, Benedetto Marcello, Giuseppe Sammartini oder Sylvius Leopols Weiss. Sie alle sind auf dieser »traumverlorenen«, atmosphärisch reichen CD mit ihren Instrumentalwerken für Flöte und/ oder Laute ganz exquisit repräsentiert und interpretiert.
Die CD »Dreaming and Waking« erschien im Label Perfekt Noise PN 2022
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