Dasein

Venedig, Kassel, Pristina

a3kultur-Redaktion

Das zu Ende gehende Jahr bot große und viel beachtete Kunstausstellungen. Wie sind die Schauen in Venedig, Kassel und Pristina zu bewerten und welche Bedeutung haben diese Megaevents? Welche ihrer Konzepte sind Vergangenheit, wie positionieren sie sich in der Gegenwart und mit welchen Strukturen führen sie in die Zukunft?

Wer auf Reisen geht, kann sich vorab mit wenigen Klicks eine Ahnung davon verschaffen, welchen Einfluss der zurückzulegende Weg auf seine persönliche CO2-Bilanz hat. Ich machte meine Rechnung erst nach dem Reisen. Das wird sich ändern (Vorsatz für 2023).   
 
Als Berechnungsgrundlage wählte ich einen von M-net errechneten CO2-Ausstoß bei einer Stunde Streamen oder Zoomen. Er liegt bei 3.200 Gramm. Dieselbe Menge, die man für 100 km mit Bahn oder Bus, 20 km mit dem Pkw oder knapp 1 km mit dem Flieger produziert.
Mit meinem CO2-Ausstoß infolge der gereisten Kilometer könnten selbst Vielstreamer locker zwanzig Mona­te lang täglich fünf Stunden »American Dad« auf ihrem Handy schauen.

Documenta 15 – Kassel  
738.000 Besucher*innen | 1.000 km mit dem Zug (entspricht 10 Strea­mingstunden)
Anfang Dezember setzte die britische Zeitschrift ArtReview Ruangrupa in ihrem jährlich ermittelten »Power 100«-Kunstranking auf Platz eins der einflussreichsten Gruppen oder Persönlichkeiten der Kunstszene. Und das völlig zu Recht.

Die vielköpfige indonesische Gemeinschaft aus Künstler*innen stellte in ihrer Rolle als führendes Kurator*innenkollektiv die Documenta 15 und damit den Umgang mit Kunst auf den Kopf.

Allein schon ihr Konzept, den nach Kassel geladenen rund 1.500 Kolleg*innen aus aller Welt ein Höchstmaß an Freiheit bei der Präsentation einzuräumen und ihnen dabei gleichzeitig eine selbstbestimmte, kommerzielle Verwertungsform ihrer Arbeit anzubieten, ist wegweisend.

Dass das deutsche Feuilleton dafür kaum Worte fand und auch die Diskussion um die Arbeiten der Documenta-15-Künstler*innen in den meisten Medien nur Randnotizstatus hatte, ist ein Thema für sich. Natürlich überschattete der Antisemitismuseklat erst einmal alles. Diese Diskussion musste geführt und ausgehalten werden. Ihr Verlauf jedoch war beschämend. Hierfür trägt auch Ruangrupa Verantwortung. Aber mindestens ebenso sehr müssen der Aufsichtsrat und die Geschäftsführung der Documenta sowie die Politik, von der kommunalen Ebene bis zur Bundespolitik, in die Pflicht genommen werden.

Es macht fassungslos, dass uns in Deutschland, wo die mittelalterliche Tiermetapher der »Judensau« an den prominentesten Kirchenfassaden bis heute verteidigt wird und geduldet bleibt, zum antisemitischen Banner »People’s Justice« der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi kaum etwas anderes einfällt als Verbieten, Verhängen, Abhängen und Schuldzuweisen. Wer nur mit dem Finger zeigen möchte, sollte damit in der eigenen Nachbarschaft anfangen. Dort finden sich in den Kirchen zahllose Darstellungen jüdischer Menschen, beispielsweise im Kontext von Kreuzigungsdarstellungen, die wir als antisemitisch erkennen könnten.

Im Gespräch mit Documenta-Künstler*innen wurde deutlich, wie enttäuscht viele vom öffentlichen Diskurs waren, in dem ihre Präsenz in Kassel kaum eine Rolle spielte. Umso erstaunlicher war es zu erleben, mit welcher Offenheit und Gastfreundschaft sie die Besucher*innen bis zum Schlusswochenende zum Dialog rund um ihre Projekte einluden.

Und es gab viel zu entdecken in Kassel. Neben dem Fridericianum und der Documenta-Halle in der Stadtmitte waren mehr als zwanzig institutionelle und Pop-up-Kulturorte in die Schau eingebunden. Einige davon waren altbekannt, andere, wie die fantastische Grimmwelt, eine Entdeckung. Die starke Erweiterung des Ausstellungsraums, weit hinein in die Stadtquartiere, hat in Kassel Tradition. Sie macht international Schule und ist ein Gewinn für die Bevölkerung. Beim Projekt »Eine Landschaft – Lokales Wissen Kassel Ost« wurden Stadtgeschichten der Gegenwart in den Fokus gestellt und bei einem hervorragend ausgearbeiteten Spaziergang erlebbar gemacht. Die Menschen vor Ort und ihre Geschichten rückten in den Mittelpunkt. Gleichzeitig funktionierte dieser Weg als gangbare Verbindung zwischen den Documenta-Hotspots Hallenbad Ost (das indonesisches Kollektiv Taring Padi präsentierte hier sein Archiv), Hübner-Areal (mit einer Ausstellung von Arbeiten, die sich gegenseitig beeinflussten) und St. Kunigundis (Atis Rezistans – Ghetto Biennale aus Haiti) im Stadtteil Bettenhausen, der Stadtmitte, den Kunstprojekten entlang der Fulda und den Kulturorten in der Nordstadt.

Der Besuch in Kassel zeigte, wie Kunstprojekte Menschen und Ideen zusammenbringen können. Die Documenta 15 hat aber auch bewiesen, wie kompliziert dieses Zusammentreffen werden kann und dass der Weg zu einem Miteinander nicht ohne Gefahren und Risiken ist.

Biennale di Venezia
270.000 Besucher*innen | 1.200 km mit dem Pkw (entspricht 60 Strea­mingstunden)


2022 konnte es kaum einen stärkeren Kontrast zur Documenta geben als die Biennale. Das war nicht immer so. Kassel hat sich mit den Jahren stärker bewegt. Venedig jedoch ist immer schon in Bewegung gewesen. Bei 28 autonom kuratierten Länderpavillons in den Giardini (der russische blieb 2022 geschlossen) und gut 50 weiteren in den Arsenale-Hallen und über die ganze Stadt verteilt hat Verkrustung kaum eine Chance.
Die absoluten Höhepunkte waren jedoch die von der Biennale-Kuratorin Cecilia Alemani zusammengestellten Ausstellungen. Alemani belegte beim »Power100«-Kunstranking der ArtReview den zweiten Platz. Unter dem wolkigen Titel »The Milk of Dreams« schuf die in New York lebende Italienerin eine Plattform, an die sich Arbeiten, Konzepte und Ideen aus dem internationalen Kunstbetrieb hervorragend andocken ließen. Einen besonders breiten Raum schuf sie für die Arbeiten von Frauen. Sie stellte Verbindungen zwischen diversen zeitlichen Schaffensebenen, unterschiedlichsten Milieus und Hintergründen her. Diese Formate als inspirierend zu bezeichnen ist zu kurz gegriffen. Aspekte wie Verblüffung, Schönheit, Reibung spielen hier eine wichtige Rolle.

Interessant waren auch die Positionen, die sowohl in Kassel als auch in Venedig aufgegriffen wurden. Sei es die Arbeit des queeren Kollektivs FAFSWAG aus Neuseeland mit dessen multimedialer Auseinandersetzung im Kontext von Kolonialismus, traditionellen Selbstverständnissen und der Notwendigkeit, diese zu hinterfragen, oder die große Plattform, die den beiden Schauen mit haitianischer Kunst geboten wurde.     
 
Davon abgesehen führt die Biennale im skizzierten Städtetrio ein Eigenleben. Die venezianischen Probleme mit Stadtflucht und Übertourismus sind längst beschrieben, der drohende Untergang bestätigt. Trotzdem gefällt die Serenissima als Hotspot. Prominenten, um dort gesehen zu werden. Reichen ebenfalls, um dort gesehen zu werden – aber auch, um Geschäfte zu machen. Den fast unverdächtigen Bildungsreisenden, die Airbnb buchen und damit dem Markt echten Wohnraum entziehen. Und dem Rest, der großen Masse von 19 Millionen Besucher*innen pro Jahr. Weniger als 1,5 Prozent davon lösten übrigens ein Ticket für die Berlinale.

 

Manifesta 14 – Pristina 151.000 Besucher*innen | 3.100 km mit dem Flugzeug (entspricht rund 3.000 Streamingstunden)  

»Die Manifesta hat den Kosovo ins Bewusstsein der Welt gebracht.« Auf diese Formel brachte Përparim Rama, Bürgermeister von Pristina, die Bedeutung dieses nomadisierenden Biennalekonzepts auf den Punkt. Das mag etwas überzogen klingen. Dennoch konnte die Manifesta nach ihrer Laufzeit von hundert Tagen Ende Oktober über achthundert Beiträge, vorwiegend in internationalen Medien, für sich verzeichnen.

Diese Öffentlichkeit hat Gewicht. Besonders in einem Land, das von zahlreichen Staaten, auch in der EU, noch immer nicht offiziell anerkannt ist. Wer aus dem Kosovo nach Deutschland reisen möchte, benötigt nicht nur ein Visum. Wer keine Einladung und keine finanziellen Garantien vorweisen kann, bekommt keine Einreiseerlaubnis. Bleibt ausgesperrt. 90 Prozent der Menschen in diesem Westbalkanland sind Albaner*innen, der Rest verteilt sich auf eine gute Handvoll weiterer Ethnien. Der brutale Krieg mit dem großen Nachbarn Serbien ist noch gegenwärtig. Die Bedrohungslage wird von vielen immer noch als aktuell empfunden. Der Kosovo leidet unter Korruption, Arbeitslosigkeit und Nepotismus. Er hat die jüngste Bevölkerung Europas. Man trifft hier auf die herzlichsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Das kulturelle Erbe ist reich. Die kulturelle Gegenwart ist spannend, ausgelassen und voller Poesie.   

In solch einem Land einen internationalen Kunstevent umzusetzen, ist eine Herausforderung. Aber, nach dem Selbstverständnis der Manifesta-Macher*innen, auch eine selbst gestellte Aufgabe. In Pristina wurde man dieser Aufgabe gerecht.

Rund zweihundert Künstler*innen und Kollektive konnten an fünfundzwanzig Orten, über die gesamte Stadt verteilt, entdeckt werden. Rund 60 Prozent davon leben im Kosovo und in seinen Nachbarländern oder wurden dort geboren. Ein breiteres Spektrum an Kunst der Gegenwart aus dem Westbalkan hat es in den letzten Jahrzehnten nicht gegeben.

Allein die Präsentation von fünfundsiebzig Künstler*innen auf fünf Etagen des Grand Hotels Pristina war den Besuch wert. Das in den Sechzigerjahren erbaute Hochhaus im Stadtzentrum mit seinem leicht muffigen Wes-Anderson-Charme wurde mit Bohrhammer und Brechstange zu einem Kunstraum von internationalem Format umgeformt, mit Bars, Ballsaal (in dem am Ende Oktober eine Party von Dragqueens ausgerichtet wurde, bei der 1.500 Menschen tanzten) und dem Pristina Fight Club.

Der atemberaubende Rundumblick von dort verschaffte Orientierung zwischen Manifesta-Außenposten wie dem spektakulären Bau der Nationalbibliothek, einer alten Ziegelfabrik, dem Hügel am Stadtrand mit dem Hertica School House und dem Partisan Martyrs’ Cemetery Monument auf der anderen Seite der Stadt.

Prominente Namen, die in unserem Kunstmarkt eine besondere Rolle spielen, suchte man hier vergebens. Was nicht weiter schlimm war. Dafür punktete die Manifesta mit nachhaltigen Projekten, wie dem Kino Rinia, der alten Ziegelfabrik oder dem Centre for Narrative Practice.

Allesamt Orte, deren Verfall durch die Biennale gestoppt und die mit neuer Energie in Form von kultureller Zukunft aufgeladen wurden. So ist der Betrieb des Centre for Narrative Practice bis 2026 gesichert. In dieser alten Villa mit großem Garten werden Geschichten der Menschen aus der Region gesammelt und dokumentiert. Es gibt Werkstätten, Ateliers, einen Vortragssaal mit Bibliothek und natürlich eine Bar. Das Kino Rinia wurde zum erhaltenswerten Kulturort erklärt und ist damit, zumindest vorerst, vor dem Abriss im Zuge des brutalen Baubooms, der Pristina heimsucht, geschützt. Die Zukunft der alten Ziegelfabrik ist noch offen. Doch erste Schritte für eine nachhaltige Umwidmung der Brache in einen Kulturort sind mithilfe von Raumlabor Berlin gemacht.

Welche Spuren der Manifesta 14 in einigen Jahren in Pristina noch zu finden sein werden, ist ungewiss. Einige Experimente erweisen sich schon heute als unbrauchbar für eine Stadt mit diesem ganz besonderen Zuschnitt. Andere haben gute Chancen, fortzubestehen und den Impuls weiterzugeben, den sie in diesen besonderen hundert Tagen aufgenommen haben. Wir werden sehen.