Tanz

Verbunden durch Berührung

Renate Baumille...
10. Januar 2022

Auch mit Hilfe von 40 Umzugskartons erkundeten die 15 Tänzer*Innen im neuen Tanztheater »left behind (you)right« von Peter Chu den analogen und den digitalen Raum.

Nichts, was es in dieser »irren« Performance nicht gab! Für die aktuelle Augsburger Uraufführung »Moving« hatte sich der amerikanische und ganzheitlich arbeitende Choreograf Peter Chu so einiges vorgenommen. Entsprechend geistreich und bunt, impulsiv und intuitiv,  intensiv rhythmisiert, bisweilen leicht magisch wirkte das 75 Minuten währende Tanztheater »left behind (you) right«. Auf der lichttechnisch ansprechend gestalteten Bühne im Ofenhaus bewegte sich ein alle Sinne forderndes Ensemblewerk als kreatives Potpourri aus Sound, Spiel, Begegnung, Hokuspokus mit Kartons und Perücken und Tanzsequenzen in 14 raffiniert ineinander verschachtelten Bildern vorwärts, seitwärts und rückwärts. Bald schaltete man als Zuschauer vom Modus des Interpretieren-Wollens um auf die pure Wahrnehmung, ließ sich erwartungsfrei und im Moment ein auf all das, was die Tänzer*innen diesmal nicht allein körpersprachlich, sondern auch konkret verbal kommunizierten.

Womöglich entsprach man damit auch als Rezipient dem choreografischen Ansatz von Peter Chu. Er will alle Bewegung ohne allzu große Anstrengung erarbeiten und aussehen lassen. Die erneut auffallend homogen und diesmal stark mit ihrer individuellen Persönlichkeit  involvierten Tänzer*innen inspirierte er ebenso mühelos dazu, seinem achtsamen Stil und einer partnerschaftlich fundierten Arbeitsweise zu folgen. Natürlich, organisch, mitatmend und »easy«, fokussiert auf den inneren Rhythmus, die Schwerkraft umwandelnd in den Widerstand, auf den man etwa im Wasser trifft. All das auch Mittel zum Zweck, um Peter Chus Faszination für die »Endlichkeit unserer Emotionen innerhalb der Bewegung« aus der tänzerische Perspektive heraus zu erkunden. 

Um den Livesound zu empfangen, waren zuvor portable Kopfhörer ans Publikum verteilt und die mit Sprechpassagen beauftragten  Tänzer*innen mit Mikroports verkabelt worden. Unmittelbar übertrug sich zu Beginn im ersten Duo die liebevolle »Beziehung«, die

Ana Isabel Casquilho etwa zu ihren glänzenden roten Haare empfindet. Haare, die das Ich prägen, die Selbstwert und Selbstbewusstsein verleihen. Bindung und Beziehung waren hier das ambitionierte Forschungsziel des Choreografen. Wie er im Programmheft mitteilt, wollte er »einen Raum schaffen, der es den Menschen ermöglicht, ihre Wahrnehmung dahingehend zu befördern, das sie besser verstehen, wie sie friedvoll mit sich selbst und anderen umgehen können, auch wenn sich die sie umgebenden Perspektiven und Ideen ändern.«  Wie verändert sich also die Qualität unserer Beziehungen beim Wechsel vom analogen in den digitalen Raum? Wie formen menschgemachten Algorithmen unsere Interaktionen, welchen Einfluss haben »Influencer« auf unser Dasein und unsere Selbstwahrnehmung? Wie schotten wir uns ab, wie schützen wir uns vor kräftezehrender Manipulation und Lenkung, wann drehen wir durch und öffnen uns dem Chaos? Wie die Antworten sich dann auf der Bühne formten, durfte jeder Zuschauer für sich erschließen…

www.staatstheater-augsburg.de

 

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