Theater & Bühne

Wie viel Freiheit verträgt die Kunst?

a3kultur-Redaktion

Sebastian Müller-Stahl wird vom Augsburger Publikum gefeiert. Ein Interview von Jürgen Kannler

Sebastian Müller-Stahl erwartet uns im Marketingbüro des Staatstheaters Augsburg. Er wirkt etwas müde, aber nicht k.o. Mitte Oktober hatte ich ihn als Rooster in Jez Butterworths Erfolgsstück »Jerusalem« gesehen. Nach vier Stunden Theater bebte der Martini-Park. Das Publikum feierte den Star des Abends anhaltend und laut. Kurz vor zwölf, in einer Mittwochnacht, und der Saal steht Kopf. Das erlebt man auch in wichtigeren Theaterstädten als Augsburg nicht jeden Abend. MüllerStahl kommt gerade von den Proben zum Weihnachtsmärchen. Im Wunderland ist er Plan B für alle. Springt ein, wenn jemand ausfällt, kennt jede Rolle und hofft, dass er nicht auf die Bühne muss. Insgeheim würde er trotzdem gerne einmal die Herzkönigin spielen. Wir haben für das Gespräch eine gute halbe Stunde Zeit. Zu Hause warten die Kinder. Also los!

a3kultur: Rooster lebt in einer zugemüllten Lichtung in einem englischen Wald. Die Menschen kommen dort hin, machen Party, sind auf Drogen und finden Ablenkung von ihrem tristen Dasein. Diese Rolle spielen Sie mit großem Erfolg. Vor wenigen Wochen, Mittwochnacht kurz vor 24 Uhr, nach vier Stunden Theater, feierte Sie das Publikum frenetisch. Haben Sie so eine Reaktion im Laufe Ihrer Karriere schon oft erlebt?

Sebastian Müller-Stahl: Richtig oft nicht. Aber doch hin und wieder. In 23 Jahren im Job gab es vielleicht eine Handvoll Rollen, in denen ich den Abend dominieren durfte. An denen ich spürte, die Leute in der Hand zu haben. Das ist ein großartiges Gefühl. Ich mag diesen Moment.

Schmerzt es wenn dieser Moment vorbeigeht?

Klar, ich bin doch Schauspieler. Man kann von so einer Reaktion des Publikums ein paar Tage zehren, dann hat sich das aber auch.

Haben sie Lampenfieber?

Vor der Vorstellung spüre ich immer einen innerlichen Widerstand, auf die Bühne zu gehen. Dabei bin ich die meiste Zeit scheinbar gar nicht aufgeregt. Aber kurz bevor der Lappen hochgeht, könnte ich mich hinlegen und sofort tief und fest schlafen. Koma. Der Körper signalisiert mir offenbar damit, genug Aufregung für heute, entspann dich. Aus dieser Entspannung heraus beginnt dann der Abend für mich.

Und dann trotzdem raus, das Publikum nicht enttäuschen.

Das sind die Spielregeln.

Wie lange braucht man nach einem solchen Abend Pause, um sich zu erholen?

Man muss erst mal wach werden. Der Tag darauf ist hart. Den Tag brauche ich.

Der Ort im Stück ist ein ebenso offener wie einsamer Platz. Haben Sie jemals an einem solchen Ort gelebt?

Nein, aber ich genieße die Ruhe und den Wald. Ich bin MTB-O, also Orientierungssportler, und mache Wettkämpfe, die bis zu 40 Stunden dauern können. Allein, maximal zu zweit in der Natur. Nur mit Karte, Kompass und Bike unterwegs in einer Landschaft, die man nicht kennt. Und ich weiß auch, wie das ist, total ausgepowert zu sein, lange Zeit keinen Schlaf zu kriegen, und dazu noch allein im Wald. Da siehst du nachts Gestalten – Sleepingmonster.

Rooster ist süchtig. Bewegt sich wie ein Junkie, der schon vor einiger Zeit von Bier und Gras auf Schnaps und diverse Pulver umgestiegen ist. Wie haben Sie sich abseits des Textlernens auf diese Rolle vorbereitet?

Jedes Stück verlangt seine eigene Herangehensweise. Man muss sich von der Figur, für die man verantwortlich ist, verführen lassen. In Relation zu ihr setzen und auch mal so denken wie sie. Dann setzt irgendwann die Reibung ein. Von dem Punkt an muss man sich trennen. Die Figur geht diesen Weg, ich einen anderen.

Machen Sie Milieustudien?

Ja, indem ich mit offenen Augen durch die Gegend laufe. Einer meiner Wege führt mich zum Beispiel regelmäßig am Oberhauser Bahnhof vorbei. Bei »Jerusalem« hatte ich aber eher eine giftige Dorfidylle vor Augen. Vielleicht die Uckermark. Ein bis zwei Autostunden weg von Berlin. Dort, wo heute die Hauptstädter hinziehen, ein großes Haus bauen mit hohem Zaun drum herum und von nichts im Ort etwas mitkriegen. Ich bin im Osten geboren. Da kenne ich mich aus. Als ich mir »Der Kick« von Andres Veiel erarbeitete, bin ich nach Potzlow gefahren. Auf der Mordgeschichte an einem Jugendlichen dort, von der keiner im Ort etwas gewusst haben wollte, basiert ja das Stück. Da hängen die 14-Jährigen mit den Erwachsenen rum, kiffen und saufen mit ihnen und kriegen sonst nicht viel mit vom Leben.

Wie viel Sympathie für Rooster steckt in Ihnen?

Ich muss ihn lieben, wenn ich ihn spielen will. Urteilen über ihn sollen andere.

Das Stück von Jez Butterworth ist im Original sprachlich direkter. Hatten sie Gelegenheit, das Stück auf Englisch zu sehen?

Ich wollte es mir ansehen, als ich zuletzt auf der Insel war. Aber keine Chance auf Karten. Ist immer ausverkauft. Und auf gut Glück an der Abendkasse zu stehen, dazu hatte ich keine Lust. Auch wenn Mark Rylance von Zeit zu Zeit einmal nach draußen kommen soll, um mit seinen Fans eine Flasche Whiskey zu trinken.

Rylance spielt den Rooster seit einigen Jahren am Apollo Theatre in London. An manchen Tagen bis zu zwei Mal. Würde Sie so ein Engagement auch reizen?

Das habe ich tatsächlich noch nie gemacht. Es hätte einen gewissen sportlichen Reiz. Mit der Zeit könnte man die Rolle auch weiterentwickeln.

In »Jerusalem« geht es nicht zuletzt um einen Ort, der allen offensteht. Hält unsere Gesellschaft genügend dieser Räume vor?

Vor zwei Jahren habe ich in Kopenhagen genau so einen Ort im Stadtzentrum gefunden und sehr bewundert. Es gibt dort genau zwei Regeln: Hunde an die Leine und noch eine … Wegen mir dürfte es gerne mehr solcher Orte geben.

Machen Sie sich im Ensemble Gedanken über die Bedeutung solcher Orte?

Klar. Wir sprechen über alle Themen, die das Stück berührt. Auch über die Risse in unserer Gesellschaft.

Die Bereitschaft sich für Rooster einzusetzen, hält sich im Stück in Grenzen. Sind sie jemand, der sich für Dinge die ihm wichtig sind, einsetzt?

Wenn die Idee stimmt, bin ich dabei. So bin ich aufgewachsen. Auch in der Schauspielerei. Wenn der Regisseur bei der Konzeptionsprobe eine gute Idee auf den Tisch knallt, hat er mich. Da darf man dann auch mal scheitern. Man muss das Recht haben, Dinge auszuprobieren. Am Schluss muss man jedoch sagen können: »Hat nicht funktioniert, ist aber genial gescheitert«.

In zu vielen Ländern ist es mit der Kunstfreiheit nicht so weit her – Türkei, Polen, Ungarn, von Russland gar nicht zu sprechen. Empfinden Sie Solidarität mit Künstler*innen und Kulturorten in diesen Ländern?

Ich versuche, mich nach meinen Möglichkeiten einzubringen. Das größte Theater kann in Diktaturen entstehen. Ich bin unweit des Deutschen Theaters in Berlin aufgewachsen. Mein Vater hat dort gearbeitet. Damals reichten sie drei Stücke ein, um dieses eine machen zu können, das sie in Planung hatten. Es war ein Akt des dialektischen Denkens, damit an der Zensur vorbeizukommen. Heute ist die Frage: Wie viel Freiheit verträgt die Kunst? Für was oder gegen was mache ich Theater? Die Themen liegen nicht sofort auf der Hand. Wir sollten mehr versuchen konkret zu gucken: Was geht mich an?

Haben Sie Verständnis für Kolleg*innen, die diese Solidarität nicht aufbringen?

Jeder muss machen, was er tun muss.

Was machen Sie, wenn kein Rooster auf dem Plan steht?

Mein Hinken ist nicht gespielt. Ich habe noch einen Bänderriss auszukurieren, den ich mir zwei Tage vor der Premiere zugezogen hatte. Und dann kommt mit »Drei Schwestern in Moskau« im Frühjahr das nächste große Ding.

Und was wurde eigentlich aus dem Hündchen des Professors in »Jerusalem«? Hat man es inzwischen gefunden?

Keine Ahnung, wo das steckt. Der Grill ist ja aus feuertechnischen Gründen aus dem Stück genommen worden. Es wird wohl noch im Wald sein.

 

Weitere Termine: 29.12.2022, 7.1./21.1./3.2./17.3./18.5.2023

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