Volume 1
»Salzburg pur«, »À la carte«, »Lieder ohne Worte« standen bisher auf dem Programm von a3kultur-Autorin Renate Baumiller-Guggenberger beim Mozartfest.
Genau gesehen war das an Aromen reiche Viergang-Menü, das der in Ankara geborene und inzwischen international bekannte Pianist und umtriebige Komponist Fazil Say »À la carte« im ausverkauften Kleinen Goldenen Saal am Sonntagabend kredenzte, die Ausnahme des diesjährigen Mozartfests, das explizit mit »Ensemble!« überschrieben ist. Say eroberte sein Podium und das erfreulich und auffallend deutsch-türkisch gemischtes Publikum im stürmischen Alleingang. Er erwies sich als Solist mit durchaus extravagant gewürzter Note, insbesondere in puncto Auftritts-ART. Als hätte er es extrem eilig, als wären ihm Konzertkonventionen, die Publikumshuldigung inkludieren, überflüssige Formalien, die seine Konzentration und Performance behindern, ging es bei ihm verblüffend rasant in medias res.
Ohne Punkt und Komma vertiefte sich der Pianist in die vier transparent, freudig erregt und hochklassig interpretierten, mit konstantem Summ-Singsang begleiteten Scarlatti-Sonaten. Insbesondere die in »f-moll« hallte lange nach, atmete Poesie, sanfte Melancholie und mediterrane Melodien und scherte so aus dem Finger-Salto-Mortale-Schema aus. Im Anschluss tischte Fay Mozarts überaus populäre A-Dur Sonate Nr.11 (KV 331) ganz »alla Turca« auf, machte sie sich forsch ebenso zu eigen wie nach der Pause Beethovens weithin geschätzte »Appassionata«.
Mit Spannung erwartet ging es – gewohnt übergangslos – weiter mit atmosphärisch starken Eigenkompositionen, über die Say seine auch politisch engagierte Weltansicht kommuniziert. In »Kara Topak« (Black Earth) aus dem Jahr 1997, den Balladen Nazim und Ses und auch in der vor drei Jahren komponierten »Yeni Hayat«-Klaviersonate baute er musikalisch tragfähige Brücken zwischen europäischer Moderne, türkischer Volkmusik und Jazzelementen, entfaltete einen eingängigen Klangkosmos und streute feine Prise von Experimentfreude darüber. Selbst beschreibt Fazil Say seine Kompositionen treffend als weder »super Avantgarde« noch »extrem abstrakt« – sie sind definitiv gut und gerne hörbar. Nach den Standing Ovations gab es Saties »Gnossienne« als Dreingabe und ganz am Ende gar eine dezente Geste der Freude ob des intensiven Zuspruchs.
»Mehr Salzburg geht nicht!« Tags zuvor erfüllte sich mit der 1995 in eine Musikerfamilie hineingeborenen Cellistin Julia Hagen sowie dem renommierten Mozarteumorchester Salzburg und einem vielfach mozartinspirierten, in hohem Maß spielfreudig präsentierten Programm die zur Begrüßung in den Raum gestellte Behauptung von Mozartfestleiter Simon Pickel. Klug gewählt bot zum Intro der dynamische und motivische Kontrastreichtum in Carl Philipp Emanuel Bachs origineller »Sinfonie D-Dur« dem Orchester die bei den Hörnern bzw. den Holzbläsern gepackte Gelegenheit, eindrucksvoll zu glänzen. Die Attraktion im erneut ausverkauften Saal war natürlich die Solistin, in die man sich ganz einfach verlieben musste. In den »Variationen op. 33 über ein Rokoko-Thema« bestätigte sie den famosen Ruf, der ihrem Spiel vorauseilt.
Julia Hagen vereint Frische, Natürlichkeit, Gestaltungs- und Risikofreude auf technischem Spitzenniveau und bereichert das alles mit der nahezu magischen Klangfarbe, die sie ihrem kostbaren Instrument entlockt (ein aufwändig instandgesetztes Cello von Francesco Ruggieri, Cremona 1684, das ihr privat zur Verfügung gestellt wird). Sie betörte vom ersten Moment an, in dem sie sich sachte in den eloquent geführten Dialog mit dem Orchester schlich, um sich dann voller Substanz ton(an)gebend und minutiös Tschaikowskys graziler Verzierungskunst hinzugeben und das »Rokoko«-Juwel zum Highlight des Abends zu machen. In Jonathan Bloxham hatte der traditionsreiche Salzburger Klangkörper einen schwungvollen Dirigenten, dem es glückte, Energie, Dynamik und Spannung auf konstant höchstem Level zu halten. Gemeinsam transportierten sie zum großen Finale den aufrüttelnden Ton, den Beethoven fast provokant schon bei seiner ersten Sinfonie anschlug, nahtlos ins Hier und Jetzt. Entsprechend enthusiastisch fiel der Dank des Publikums für dieses sensationelle Mozartfest-Erlebnis aus, bei dem selbst die fehlenden Mozartkugeln in Salzburger Originalrezeptur den Genuss nicht schmälerten.
Auch am Montagabend war es wieder Beethoven, der mit seinen Variationen über das Zauberflöten-Duett »Bey Männern, welche Liebe fühlen« und dem fulminanten »Gassenhauser-Trio« die Klammer um ein Kammerkonzert setzte, das sich als bezaubernde musikalische Wundertüte herausstellte. Das erstmalige Sonderkonzert der Deutschen Mozart-Gesellschaft (DMG) soll fortan beim Mozartfest Tradition werden. Bravo dafür!
Wirklich exquisit, ebenso überraschend wie lehrreich war das zweistündige Programm, das deren Präsident Prof. Christoph Hammer, ausgewiesener Experte für Alte Musik und als Koryphäe am Hammerklavier weithin verehrt, zur Premiere unter der thematischen Prämisse »Lieder ohne Worte« konzipiert hatte. Ideal fügte sich das prunkvolle, mit Spiegeln und Gold verzierte Rokoko-Ambiente des vollbesetzten Festsaals im Schaezlerpalais zu all den Stücken und Werkauszügen, die wortlos wirken, weil sie die bewegte Seele des Komponisten widerspiegeln, weil sie die Emotion in Melodien und klangliche Raffinesse umwandeln. Dazu zählen u.a. Norbert Burgmüllers 1834 entstandenes Duo für Klavier und Klarinette. Ein Komponist, der zu seiner kurzen Lebenszeit Schumann und Mendelssohn Bartholdy als Fürsprecher hatte, dann aber völlig vergessen wurde und den zu entdecken heute unbedingt lohnt!
Man traute seinen Ohren kaum, wie verführerisch, wie heutig dieses Stück klang, zumal in dieser virtuosen, die Bögen mitdenkenden Interpretation. Klassischer Fall von Ohrwurm-Qualität! »Das Reden oder Singen, das unmittelbare Erzählen in Tönen mit der Charakteristik eines Instrumentes ist die Grundidee eines jeglichen Musizierens«, merkte Hammer, der zudem das Programm moderierte, in seinem klugen Programmtext an. Und wie ließe sich das besser nachvollziehen als mit den beiden Soloinstrumenten, die seit jeher der menschlichen Stimme nahestehen, sie im virtuosen cantabile-Spiel, im espressivo-Modus so herrlich »imitieren« können?
Ein feines Händchen auch für eine hochkarätige Trio-Besetzung zeigte Christoph Hammer mit dem Engagement des bereits mehrfach preisgekrönten, in Augsburg beheimateten Cellisten Andreas Schmalhofer und mit Markus Schön, dem Soloklarinettisten der Bayerischen Staatsoper München. Als Pianist vertiefte er sich mit Schuberts »Impromptu« ebenso wie Schumanns C-Dur Arabesque in den sogartigen Rausch romantischer Empfindsamkeit, artikulierte fein die pulsierenden Wellen aus. Ausdrucksstärke, musikalisches Verständnis und die präzise lebendige Kommunikation, deren Basis spieltechnische Exzellenz ist, zelebrierten die drei Virtuosen nicht zuletzt im 2. Satz der »Es-Dur Sonate« aus der Feder des schon genannten Mendelssohn Bartholdy, der mit seiner Klavierlied-Sammlung das Motto des Abends inspiriert hatte – wundervoll adaptiert dann auch das in D-Dur op.109 für Cello und Klavier. Musik spricht immer mit uns – wie schön, wenn dabei so virtuose und erfahrene »Übersetzer« zur Verfügung stehen, die alle klanglichen Nuancen einsetzen, um das Verstehen zum Genuss zu machen – belohnt mit tosendem Beifall eines sichtlich beeindruckten Publikums!
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