Volume 2 – das finale Wochenende
Geschafft – und wie! Das Mozartfest und seine Macher*innen dürfen wirklich zufrieden, ja stolz sein.
»Waves« mit Quatuor Ébène & Xavier Tribolet// »Dolce Vita« mit dem Kammerorchester Basel und der Solistin Lucienne Renaudin Vary// »Mercy Seat-Winterreise« mit dem Ensemble Resonanz und Charly Hübner
Allein die Auslastung mit 91,7 % spricht erneut für das wirklich feine Händchen in Sachen Programmvielfalt und -qualität. So fiel der Showdown ganz nach Wunsch und Intention seines künstlerischen Leiters Simon Pickel aus, der sich – nebenbei bemerkt – nicht zu schade dafür war, eigenhändig z.B. die Instrumentenkästen etwa der Basler Kontrabassisten in die Jesuitengasse zum Tour-Sprinter zu schleppen.
Zwei Crossover- bzw. Fusion-Projekte umklammerten ein konventionelles Klassikkonzert am Samstagabend, bei dem man dank der französischen Trompeterin Lucienne Renaudin Vary seinen Haydn-Spaß mit Mozart hatte. Einmal mehr kam harmonisch zusammen, was auf dem Papier womöglich nur bedingt zusammenpasst, erfüllte schlüssig und Genre-Schubladen öffnend die »Ensemble«-Headline. Auch das Publikum folgte willig und dankte stehend mit euphorischem Jubel.
Über den freute sich am Sonntag kein Geringerer als Schauspielerschwergewicht Charly Hübner, der seit einigen Jahren mit seiner »Séance zwischen Nick Cave und Franz Schubert« landesweit Furore macht – ein aufwändiges Bühnenprojekt, für dessen klangliche High-Quality das fantastische, um das Jazztrio aus Kalle Kalima, Carlos Bica und Max Andrzejewski bereicherte, in Hamburg beheimatete, Streicher-»Ensemble Resonanz« und natürlich Tobias Schwencke als feinsinniger Arrangeur sorgten. Der künstlerische Mehrwert von »Mercy Seat-Winterreise« dürfte sich all denjenigen in Gänze erschließen, die eng vertraut sind mit dem Werk des australischen Punk-Lyrikers und Sängers Nick Cave. Oder denen, die kein Problem mit einer (gekürzten) Adaption von Schuberts/Müllers Liederzyklus »Winterreise« hatten, die den anspruchsvollen Singstimmenpart konzeptgemäß mit Hübners eigenwillig ausgestellt wirkender, gleichwohl intensiver Rezitationsartistik austauscht. Die zahlreichen Hübner-Fans kamen definitiv auf ihre Kosten. Sie folgten ihm und seiner starken Bühnenpräsenz gebannt in die sphärischen Höhen und Tiefen dieser abgehobenen Geisterstunde, die in 80 pausenlosen Minuten Einsamkeit, Irrlichter, Schmerz und immer wieder Schuld, Scheitern und Todesahnung heraufbeschwor. Balsam auf die geschundene Wanderer-Seele legte nicht zuletzt das klanglich feingeschliffene, ungemein delikat interpretierte Mahler-»Adagietto«. Großes Dankeschön dafür!
Auch der Abend im Parktheater begeisterte kurz vor dem EM-Anpfiff und brachte unter dem Motto »Acoustic meets electronic« das Innere der anfangs noch leicht irritiert lauschenden Hörerschaft in Einklang mit dem Außen des edlen Raumambiente. Eine vollkommen synthetisierte Schwingung! Das französische Ensemble »Quatuor Ébène« zählt zu den besten Streichquartetten der Welt – 2004 nahm die Karriere dorthin mit dem Sieg beim ARD-Wettbewerb ihren Anfang. Für das aktuelle Projekt »Waves« holte es sich den Belgier Xavier Tribolet – Experte für Schlagzeug und Synthesizer – ins Boot bzw. auf das Konzertpodium. Es brauchte ein wenig Anlaufzeit, bis man sich hörend in dieser faszinierend neuen musikalischen Zwischenwelt zurechtfand, die virtuos, selbstbewusst und experimentierfreudig Klassik, Jazz und eine Brise Swing vereint. Bald vertraute man sich voller Wonne dem Flow der fast spirituellen, vibrierend und frappierend in ein unerwartetes Ende mündenden Stücke an, war fasziniert vom betörenden Klangfarbenrausch, den dieses herausragende Streicher-Quartett gemeinsam mit dem immer wieder dazwischenfunkenden Tribolet auf hochwertigsten Instrumenten zustande brachte. Klassische Moderne, etwa mit Messiaens »Der Kuss des Jesuskinds« oder mit Arvo Pärt gesellte sich nahtlos zu Stücken von Thelonious Monk und Raymond Scott sowie den »Elegant People« und »Young and Fine« aus der Weather Report Komponistenwerkstatt. Insbesondere die verschmitzten kleinen Klangkunst-Stücke, die Xavier Tribolet selbst mit lautmalerischen Titeln wie »L’air de l’autoroute«, »Clix & Botanic« (über ein verrückt gewordenes Metronom) oder »Au-dela des Pyrénnées« beisteuerte, stellten das Potenzial dieser besonderen künstlerischen Fusion ins Zentrum – bleibt zu hoffen, dass die sich die fünf Künstler*innen zeitnah gemeinsam ins Aufnahmestudio begeben oder eines der folgenden »Waves«-Livekonzerte auf CD verewigen.
Mit vier weithin beachteten Alben – 2021 etwa wurden ihre »Piazolla Stories« mit dem Opus Klassik geadelt – glänzt die französische Trompeterin Lucienne Renaudin Vary schon lange und bringt frischen, femininen Wind in die Szene. Sie war das solistische Zugpferd im »Dolce Vita« überschriebenen Konzert, in dem das Kammerorchester Basel unter der Leitung des Klarinettisten Andreas Ottensamer am Samstagabend gastierte. Als bekennender Chat Baker-Fan ist die zierliche und charismatische, 1999 geborene Musikerin extrem sattelfest, sprich technisch exzellent im Jazz wie in der Klassik unterwegs. Ihr Markenzeichen ist das Barfuß-Spielen, das ihr mehr Freiheit verleiht und ihrem offensichtlichen Bewegungsdrang zugutekommt – kaum ein Moment, in dem sie auf der Bühne stillsteht, dabei dennoch in sich ruhend. Entsprechend hatte sie auch Gourmet-Kostproben von Vertretern beider Musikrichtungen im Gepäck. Nach dem beschwingten Orchester-Warmup mit einer Rossini-Ouvertüre vereinnahmte sie das Publikum zunächst mit d e m Standardwerk für Trompetensolisten. Joseph Haydns »Es-Dur Konzert« – gespielt auf einer B-Trompete! – wurde mit erdig-dunkler Klanggebung ausgestaltet, blieb dadurch mehr Hörgenuss denn funkensprühendes Feuerwerk. Nahtlos schmiegten sich die beiden sinfonischen Arrangements von Gershwins »I loves you Porgy«-Song und Richard Rogers Bluesballade »My funny Valentine« an. Tief tauchte sie ein in deren berührende Melancholie, verschmolz voller Hingabe mit ihrem Instrument und verströmte cool-sattes Jazzfeeling. Das »Wow!« aus dem Zuschauerraum war die konsequente Reaktion. Temperamentvolle Aneignung einer berühmten Sinfonie, die Felix Mendelssohn Bartholdy im Anschluss an seine Italienreise 1833 komponierte, war nach der Pause mitzuerleben. Ottensamer schleuderte seinen Elan via Taktstock ins Orchester, das seiner Angriffslust auf konstant hoher Siedetemperatur Stand hielt und Satz für Satz – mit kleiner Atempause im Andante – ins Moll schattierte Finale galoppierte - womöglich ein wenig zu fortissimo-kraftstrotzend für die Raumgröße!
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