Architektur

Was tun?

Zum Umgang mit dem jungen Bauerbe in Augsburg. Ein Gastbeitrag von Dr. Olaf Gisbertz 
 

Seit Jahren wird in Fachkreisen um den angemessenen Umgang mit dem jungen Bauerbe der Nachkriegsmoderne gerungen: um deren Denk­malwürdigkeit, ihre Identifikationsressourcen und schließlich um ihre Potenziale für eine Weiternutzung und ein Weiterbauen. So alt diese Dis­kussion mittlerweile auch ist, Hinweise auf geeignete Sa­nierungsstrategien sind trotz des frühen Appells an ein »Reduce, Reuse, Recycle« (Muck Petzet, 2012) in Zeiten der »Klimawende« selten. Umso mehr ist es vonnöten, sich immer wieder von Neuem einer Bewertung des Vorgefundenen im Bestand zu nähern. Schließlich macht das Gebaute aus dieser jungen Bauepoche zwischen 1960 und 1980 heute noch mehr als 60 Prozent des Gesamtbestands aus. Und das ist in einer Stadt wie Augsburg mit einer langen Bautradition nicht ganz einfach, die geprägt ist von den Bauten Elias Holls genauso wie von opulenten Stadterweiterungen des Historismus und einigen Siedlungsanlagen der 1920er-Jahre. Aber auch im Wiederaufbau unter Stadtbaurat Walther Schmidt wurde in Augsburg Beachtliches geleistet. Der von ihm betriebene Stadtumbau bildete den planerischen Hintergrund für den Bauboom, der das Stadtzentrum ebenso erfasste wie die städtische Peripherie. Einen wichtigen Impuls gab dann 1966 der Zuschlag des IOC für die Olympischen Sommerspiele in München, von denen Augsburg besonders profitierte.

Am Hochablass entstand nach den Planungen der Landschaftsarchitekten Gottfried und Anton Hansjakob eine um das künstliche Wildwasser mäandernde Sport- und Grünanlage unter Federführung der Augsburger Architekten Brockel und Müller. Die Landschaftsarchitektur mit geschwungenem Eiskanal am Lech ist mit aufsteigenden Sitzreihen, die mit Holzbohlen be­festigt wurden und mit Rasen bedeckt waren, sanft modelliert. Markant geschnittene Bauten, allesamt mit Sichtbetonelementen, Pultdächern und Holzverkleidungen ausgestattet, flankieren den Eiskanal, darunter das Start- und das Zielgebäude, Presse- und Organisationsgebäude für die Wettkampfleitung sowie das inzwischen durch einen Neubau ersetzte Bundesleistungszentrum für Kanuslalom und Wildwasser. Es ist ein Glücksfall, dass diese Anlage nach der erfolgreichen Bewerbung ein Teil des Augsburger UNESCO-Welterbes wurde. Nach anfänglichen Zweifeln konnte die Sportstätte im Dialog mit der Denkmalpflege zu einer zeitgemäßen Wettkampfstrecke für den Kanusport transformiert werden.

Die Boomjahre waren geprägt von einer hohen Planungseuphorie und großem Bauaufkommen mit autogerechten Verkehrswegen, aber auch einer neuen Infrastruktur für Bildung, Sport und Kultur. Nicht selten wurde dabei auch der Verlust des noch überlieferten Altbestands hingenommen. So beim Abriss des Hotels Kaiserhof am Königsplatz, einem neobarocken Hotelbau, dessen bauzeitliche Ausstattung im Inneren zwar schon früher verloren ging, aber an dessen Stelle ab Mitte der 1970er-Jahre eine Architektur trat, die als »gesichts- und geschichtslose« Betonarchitektur gebrandmarkt ist. Das trifft auch für die Kongresshalle zu, wo sich die alte Stadthalle im Wittelsbacher Park nach Entwürfen von Otto Holzer von 1912 ins Gedächtnis der Stadt eingeschrieben hatte. An ihre Stelle trat die im Olympiajahr 1972 eröffnete Stadt- und Kongresshalle, die seit ihrer Sanierung vor rund zehn Jahren als Kongress am Park firmiert. Zusammen mit dem im gleichen Jahr fertiggestellten Hotelturm nach dem Vorbild der Marina-Towers in Chicago bildet sie im Wittelsbacher Park eine weit ins Umland ausstrahlende Landmarke. Ihre Sanierung ist als Best-Practice-Beispiel für den denkmalgerechten Umgang mit dem jungen Erbe zu werten. Dabei wurde die Struktur wenig angetastet, vielmehr die Raumatmosphäre der spätmodernen Betonarchitektur mit wenigen Mitteln in Szene gesetzt.

Das Spektrum der Nachkriegsmoderne in Augsburg ist vielfältig; es reicht vom anerkannten »Masterpiece« bis hin zu einer großen Anzahl weniger bekannter und dennoch sehenswerter Gebäude öffentlicher, kirchlicher und privater Auftraggeber*innen. Zu den bedrohten Bauwerken der Epoche gehören so sicherlich einige Kirchen, für die es neue Nutzungen zu finden gilt und die nicht selten ohne Zweifel eine hohe Denkmalwürdigkeit besitzen. Aber auch bei einigen kommunalen Bauten der Stadt Augsburg gibt es Handlungsbedarf, vor allem bei der Hauptwache der Feuerwehr (Architekten Pröll & Müller), die sich trotz einer späteren Aufstockung durch ein roh belassenes Betonraster an der Fassade auszeichnet. Für dieses Meisterwerk des Brutalismus in Bayern könnte es eng werden. Es erfüllt nicht mehr in Gänze die aktuellen Standards an den Feuerwehrbetrieb. Allein die Breite der Toreinfahrten entspricht kaum mehr den immens wachsenden Fahrzeuggrößen im Fuhrpark einer zeitgemäßen Feuerwehr. Es bleibt also nicht nur hier die Frage: Was tun?

Das Buch »Reallabor Nachkriegsmoderne«, das soeben im renommierten Jovis-Verlag erschienen ist, gibt Antworten. Es fasst die Ergebnisse einer fünfjährigen Netzwerkarbeit zusammen, bei der verschiedene Expert*innen ihre Projekte im Umgang mit dem Bestand exemplarisch zusammengetragen haben. Die Buchvorstellung fand am 23. Juli als Sonntagsmatinee zum Abschluss der Architekturwoche »www.nachholl.de« im Kongress am Park statt.
 

PD Dr. (habil.) Olaf Gisbertz ist Privatdozent für Baugeschichte und Denkmalpflege an der Technischen Universität Braunschweig.

Das könnte Sie auch interessieren

Malte Günther
Architektur, Politik & Gesellschaft

Bauen, bauen, bauen

Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, der Augsburger Wohnungsmarkt angespannt – und dennoch bewegt sich etwas. Rund 100 Gäste verfolgten das Gespräch mit den Spitzenkandidat*innen Eva Weber (CSU), Florian Freund (SPD), Martina Wild (Bündnis 90/Die Grünen) und Hannes Aigner (Freie Wähler).

Anna Hahn
Architektur, Literatur

Caspar Walter – Ein Wegbereiter des Augsburger Welterbes

Bei einer öffentlichen Buchvorstellung stehen Werk und Wirken des bedeutenden Stadtbrunnenmeisters im Zentrum
Malte Günther
Architektur, Politik & Gesellschaft

C-Stadt Augsburg

Die Idee klingt vielversprechend: Der ehemalige große Teleskopgasbehälter, ein denkmalgeschütztes Industrierelikt mit 53 Metern Durchmesser, soll zur Multifunktionshalle werden. Bis zu 1.500 Menschen könnten hier künftig Konzerte erleben oder Sportveranstaltungen besuchen – ein Basketballfeld würde problemlos hineinpassen. Die Zusammenarbeit zwischen SWA, dem Metallbauer Johannes Ankner (B.A.R GmbH) und der Club- und Kulturkommission Augsburg zeigt: Es gibt Willen und Engagement.