Klassik

Wenn Staub zur Orchesterpartitur wird

Patrick T. Schäfer © Maria Svidryk

Die Herbstkonzerte 2024 des Schwäbischen Jugendsinfonieorchesters stehen unter dem Motto »Utopie«

Das Publikum darf sich auf die Uraufführung von Patrick T. Schäfers »Konzert für Orchester« freuen, das der Förderverein des SJSO in Auftrag gegeben hat. Zu hören sind neben »Dust« auch die »Sinfonie Nr. 5« von Tschaikowski sowie zwei Stücke von Jan Koetsier, interpretiert vom Imtromtus Quartett. 

In seiner Geburtsstadt Augsburg ist der mehrfach preisgekrönte, vielbeschäftigte und in Köln lebende Komponist Patrick T. Schäfer (*1993) kein unbeschriebenes Blatt. Er beherrscht nicht nur das Komponieren von instrumentalen Solo-Kammermusik bzw. Orchesterwerken, sondern ist ebenso in der Elektronik-Musik wie im Musiktheater zuhause. Wie Schäfer im Gespräch mit unserer Autorin Renate Baumiller-Guggenberger verriet, besitzt Augsburg noch immer einen hohen Stellenwert, was seine musikalische Karriere betrifft. In Augsburg wurde 2017 seine erste Oper »Letzte Nacht« unter der Leitung von Caroline Nordmeyer uraufgeführt, ein Jahr später wurde er mit dem Augsburger Kunstförderpreis, im Vorjahr mit dem Musikförderpreis des Bezirks Schwaben ausgezeichnet. Auch für die Bayerische Kammerphilharmonie entstand ein Auftragswerk. Jetzt sieht Schäfer mit großer Spannung der Uraufführung des Konzerts für Orchester entgegen, in der auch die Frage, ob und wie Materie wie Staub zum Klingen gebracht werden kann, eine ganz wesentliche Rolle spielt.

a3kultur: Wie sind Sie an Ihr aktuelles Orchesterprojekt herangegangen?

Patrick T. Schäfer: Ich beschäftigte mich schon lange mit der Idee, ein Stück über das Thema Staub zu machen. Als dann die Anfrage kam, ein Orchesterstück für das Schwäbische Jugendsinfonieorchester zu schreiben, schien mir »Dust« als Projekt dafür ideal, weil ich eine Vielzahl unterschiedlicher »Klangpartikel« durch die Luft fliegen lassen wollte und das Orchester der Klangkörper mit den meisten unterschiedlichen Klangfarben ist. Im Vorfeld hatte ich mich auch mit anderen künstlerischen Arbeiten beschäftigt wie Nadja Küchenmeisters Gedicht »Staub« oder Klaus Pichlers Fotobildband »Dust«. Mein erster Ansatz war dann: Man hat irgendein Material, das aber mit Staub überzogen ist, den man wegwischen muss, um die darunter liegende Beschaffenheit zu erkennen. Dadurch entstehen Wischgesten, Klangwolken aus verschiedensten »Klangpartikeln« ebenso wie das vom Staub zu befreiende klangliche Material. Die Palette der Klänge reicht von Geräuschen über »normal« gespielte Klänge bis hin zu Atemgeräuschen der Musiker*innen.

Schreibt oder denkt man ein Werk anders, wenn man weiß, dass es von jungen, Noch-nicht-Berufsmusiker*innen uraufgeführt wird? 

Für Jugendliche zu arbeiten, finde ich grundsätzlich spannend und wertvoll. Speziell bei diesem Stück hatte ich nicht explizit den Gedanken, für Jugendliche zu schreiben. Das SJSO spielt ja ständig Werke, die von und für Profimusiker*innen komponiert wurden. Warum hätte ich da einen Gang runterschalten sollen, wo ich doch genau weiß, was dieser Klangkörper zu leisten und zu spielen im Stande ist?

Wie wichtig ist es Ihnen, aktiv in den Probenprozess involviert zu sein? 

Das ist mir sogar extrem wichtig. Innerhalb der gesamten Arbeit als Komponist ist es vermutlich der wichtigste Moment; hier höre ich erstmals, was ich über Monate aufs Papier gebracht habe. Das ist spannend, voller Energie und es besitzt großes kreatives Potenzial, direkt mitzuerleben, was die Dirigentin, in dem Fall Carolin Nordmeyer, die ich ja schon gut kenne, gemeinsam mit den Orchestermusiker*innen aus und mit meinem Stück machen. Ich selber habe die Tendenz mit beim Schreiben eher schnellere Tempi zu wählen, als sie dann am Ende gespielt werden. Darüber zu einem gemeinsamen, musikalisch überzeugenden Ergebnis zu kommen, ist eine von vielen Stellschrauben, an denen bei Probenarbeiten noch gearbeitet wird.

Als wie wichtig schätzen Sie eine verständnisfördernde »Vermittlung« gerade bei zeitgenössischer Musik – etwa in Form von Moderationen direkt im Konzertsaal – ein? 

Das hängt sehr davon ab, wie es gemacht wird. Weniger spannend fände ich, wenn meine Musik vorher in Art eines Musiktheorie-Seminars analysiert, erklärt wird, denn das bringt den Zuhörenden wenig bis gar nichts. Musik ist und bleibt ein sinnliches Erlebnis, obwohl darin viele objektive Parameter sind, mit denen ich arbeite. Mein Eindruck ist eher der, dass allzu viel Theorie im Konzertsaal ein unvoreingenommenes, sinnliches, unmittelbares Erleben beeinträchtigt.

Sie sind für Ihr theatrales Denken bekannt und die Entwicklung neuer, für Sie stimmiger Methoden. In Ihren Stücken gehen Sie auf die Suche nach musikalischen Entsprechungen für soziokulturelle Entwicklungen und visuelle Phänomen. Gilt das auch für ihr Konzert für Orchester »Dust«? Wie würden Sie es selbst in Worten beschreiben? 

In »Dust« habe ich unter anderem über das gemeinsame Atmen des Orchesters versucht, trotz der verschiedenen Ebenen von Partikeln und Material das Orchester zu einer Einheit werden zu lassen und dem Stück in seinem Verlauf eine existenzielle Wendung zu geben: Atem ist nochmal näher an den Musik*innen und an jedem von uns dran. Er ist ein universelles Symbol für Leben und Nicht-Leben. Durch ihn werden also die Musiker*innen an ihren Instrumenten als Körper, als Menschen sichtbarer und es offenbart sich die Größe der Bedeutung, die Staub als vielleicht »kleinste wahrnehmbare Einheit« aktuell hat.


Die Herbstkonzerte des SJSO: 

•    Freitag, 13. September, 19 Uhr, Anton-Fugger-Realschule (Aula), Pestalozzistraße 7, 87727 Babenhausen
•    Samstag, 14. September, 19 Uhr, Forum am Hofgarten, Jahnstraße 2, 89312 Günzburg
•    Sonntag, 15. September, 19 Uhr, Kongress am Park, Gögginger Straße 10, 86159 Augsburg

Alle Infos und Tickets unter www.sjso.bezirk-schwaben.de

 

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