Wider das Klischee

15. März 2021 - 11:19 | Anna Hahn

Am Gärtnerplatztheater feierte der Liederabend »Primadonnen« online Premiere und widmete sich darin einem veralteten Klischee.

Launisch, exzentrisch, zickig, kapriziös, anstrengend, stutenbissig – das sind die nicht sehr schmeichelhaften Begriffe, mit denen man eine Primadonna in Verbindung bringt. Eine Diva, die andere weibliche Sängerinnen als Rivalinnen betrachtet und auch mal handgreiflich wird, wenn sie nicht ihren Willen bekommt. Das Bild der »ersten Dame« oder »ersten Sängerin« einer Operngesellschaft, so die ursprüngliche und vor allem neutrale Bedeutung des Wortes, ist ein Klischee – ein sehr veraltetes.

»Jeden Abend sterben wir einen anderen Tod auf der Bühne, deshalb leben wir vor unserem Tod so exzessiv«, erklärten die Sängerinnen des Münchener Gärtnerplatztheaters mit einem Augenzwinkern zu Beginn des Abends. Das Theater stellte vier vermeintliche Primadonnen auf seine Bühne und ließ sie mit dem Klischee spielen. Ganz widersprüchlich zu ihrem nachgesagten Naturell, teilten sich die Sopranistinnen die Bühne und das Scheinwerferlicht kollegial. Mit geballter Frauenpower und Sangeskunst bewiesen sie im Solo und im Duett ihr Können und erfreuten das Publikum zuhause mit großen Arien von Puccini, Verdi, Vivaldi, Mozart und einigen Musical-Nummern. Ein Genuss für die Ohren!

Wie konnte also das Klischee entstehen? Die »erste Dame« wird vor allem auch für ihr ausgesprochen großes Talent, die überragende Qualität ihres Gesangs und ihre makellose Technik geschätzt. Ihr daraus zurecht gewonnenes Selbstbewusstsein könnte ihr letztlich negativ ausgelegt worden sein. Zu Unrecht entstand daraus ein hartnäckiger Mythos, der Frauen zu Feindinnen und Rivalinnen um Aufmerksamkeit stilisiert. Nur kurz zur Vollständigkeit des Bildes: In der Oper bezeichnete man den wichtigsten Sänger, den »ersten Mann«, lange als »primo uoma«. Der Begriff findet heutzutage aber kaum mehr Verwendung. Es wäre doch interessant, welche Klischees über männliche Sänger zu finden wären.

Der Mitschnitt der Premiere kann bis einschließlich 15. März auf der Homepage des Gärtnerplatztheaters kostenlos angesehen werden.

www.gaertnerplatztheater.de

Foto (© Marie-Laure Briane): Jennifer O'Loughlin, Camille Schnoor, Judith Spießer, Mária Celeng

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