Tanz

Ziemlich beste Laune!

Renate Baumille...
5. Oktober 2021

Mit »Dimensions of Dance. Part 3« startete am frühen Sonntagabend im nahezu vollbesetzten Martini-Park die um einige neue Mitglieder bereicherte Augsburger Ballettcompany in die neue Spielzeit.

»Rain Dogs« zur Musik von Tom Waits, das furiose Ensemblestück »WHIM« von Alexander Ekman und das mit Rolling Stones-Hits unterlegte »Satisfaction« des Ballettchefs Riccardo Fernando machten deutlich, dass starke Musik zwar von hohem Wert, aber beileibe kein Garant für ansprechende choreografische Qualität ist.

Selten erleichtert die Programmheftlektüre den Zugang zur ursprünglichen choreografischen Idee und baut die Brücke zum Verständnis abstrakter, zeitgenössischer Tanzwerke. Und das ist völlig ok, denn meist funktioniert Tanz selbsterklärend und schöpft kreativ das Potential der Emotionen und der jeweils gewählten Bewegungssprache aus. Das Gesehene berührt intuitiv, lädt auch den nicht allzu geschulten den Betrachter über die atmosphärische Ausgestaltung im Zusammenspiel mit dem Ausdrucksvermögen der Interpret*innen zur durchaus individuell sehr unterschiedlichen Entdeckung und Entschlüsselung ein. Das alles fällt natürlich umso leichter, je besser die Choreograf*innen ihr Handwerk beherrschen: Mit Johan Inger und Alexander Ekman hatte Ballettchef Fernando zwei langjährig erfahrene, u.a. beim NDT und beim renommierten schwedischen Cullberg Ballett »sozialisierte« Gäste gewonnen. Beide äußerten sich diesmal explizit zu ihren Choreografien »Rain Dogs« (2011) und »WHIM« (2006) und beide mit jeweils 18 Tänzer*innen groß besetzten Werke hatten trotz länger zurückliegender Uraufführungen nichts an Frische, Zug-und Überzeugungskraft eingebüßt. Tom Waits, dessen Album »Rain Dogs« 1985 herauskam, inspirierte den »nebulös«-düsteren Grundton der Choreografie, die dem Chaos einer verwirrenden Welt des weißen Plüsch-Pudels Kern entgegenstellte. Das Ensemble löste im raffinierten Kleiderwechsel nebenbei und ganz en vogue Geschlechterzuweisungen auf und fokussierte sich virtuos auf (An-)Bindungen und selbstbestimmte Wohlfühl-Position.

Die Menschen als »seltsame Spezies« – uniformiert mit luftigen weißen (Anstalts-) Hängerchen – auf andere als die gewohnte Weise zeigen, das wollte Alexander Ekman in seinem Stück „WHIM“ (deutsch: Laune). Selbst wenn Choreograf*innen immer wieder mal auf die dankbare Kombination von Tänzer und Stuhl bauen, muss dieses aberwitzige Stück ohne Wenn und Aber als gelungener Geniestreich gewürdigt werden. Atemberaubend war nicht zuletzt die Präzision, mit der die verwegene emotionale Reise mit permanenten kollektiven Gefühlsausbrüchen, Positions- und Mimikwechseln, die zudem Sinn und Sinnlichkeit der Company herauskitzelten, synchronisiert worden war (Einstudierung: Mathilde van de Meerendonk!). Animiert und rhythmisiert von Vivaldi, einer Bolero-Adaption und dem hinreißenden Song »My baby just cares for me« (Nina Simone) explodierte »WHIM« vor Witz, versprühte orgiastische Energie und hätte definitiv ans Finale des dreiteiligen Tanzabends gesetzt sein müssen.

Stattdessen gab es mit »Satisfaction« (2017 für das Ballett Hagen entstanden) ein leider arg gestrig wirkendes Nummernballett vor fünf britischen Telefonzellen im Schläppchen-Retrolook, das trotz der gelungenen Solo-Gitarreneinlagen von Nikolaos Doede weder wirklich rockte noch rollte und der zeitlos starken musikalischen Energie der neun unterlegten Rolling Stones-Megahits eine adäquate choreografische Umsetzung schuldig blieb. Trotzdem lohnt der Abend allein wegen WHIM und um die starken Neuzugänge in der insgesamt hochmotivierten Company kennen zu lernen!

www.staatstheater-augsburg.de

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