Nicht tot zu kriegen
Ein erster Blick auf die Neuinszenierungen der Spielzeit 26/27 unserer Theaterlandschaft.
Und schon wieder ein Jubiläum. Seit 10 Jahren spielt das ehemalige Stadttheater im Herzen von Augsburg die Rolle der unzurechnungsfähigen Chaosqueen. Absurde Etatüberschreitungen, irrlichternde Verantwortungsketten, aufpolierter Nazischick. Theatertauglicher Baustellenalltag zwischen Verzweiflung und Tristesse. Aufgepumpt zu einem Staatstheater. Verstaatlicht wegen Unfähigkeit. Alleingelassen von bald allen Großsprechmimen, die das einst stolze Haus in den Wahnsinn treiben. Lernprozess: null! Wir zählen die erste ausgefallene Saison auch bei der Freilichtbühne. Zwangsschließung. Arbeitsverweigerung. Verrottete kulturelle Infrastruktur. Lebensgefahr für Leib und Seele einer Kulturregion. Und wieder einmal Chaos, Lüge, Selbstbetrug hinter den Kulissen. Das muss man erst einmal schaffen: die verbliebenen letzten beiden Spielstätten einer Stadt, die zuweilen versucht, den Ehrentitel »Kulturstadt« für sich zu vereinnahmen, in nur 10 Jahren totzureiten. All dem zum Trotz lebt und feiert die Theaterlandschaft unserer Region den Start der Spielzeit 2026/27. Das Sensemble Theater zum Beispiel mit einem großen Spielzeit-Fest am Samstag, 26. September. Und die Theatermacher*innen haben Grund zu feiern. Sie werden gebraucht, besucht und gebucht. Um die 400.000 verkauften Tickets werden es in der letzten Spielzeit in unserer Region gewesen sein. Die Hälfte davon entfiel auf Inszenierungen an Privat- und Laientheatern, in Schulen, Vereinen und den diversen Formen der freien, zuweilen Szenen. (kaj)
Sensemble Theater
Mit fünf Premieren, darunter die UA von Sebastian Seidels »DRACULA infected« (31. Oktober) und vier Wiederaufnahmen startet das Theaterteam in der Bergmühlstr. 34 in eine turbulente neue Spielzeit. Natürlich lockt auch das Kultstück »Der Messias« ab Anfang Dezember ins Sensemble – aber bemerkenswert ist in jedem Fall die Kleist- Inszenierung »Michael Kohlhaas«, in der ab 9. April 2027 die Frage um Widerstand und Selbstjustiz im Fokus steht. Was geschieht, wenn
das Vertrauen in den Staat verloren geht? Der Saison-Auftakt am 2. Oktober gebührt Miro Gavran, dem meistgespielten zeitgenössischen kroatischen Dramatiker, dessen Stücken ein eigenes, regelmäßig stattfindendes Festival außerhalb seines Heimatlandes gewidmet ist. Kalliniki Fiki führt Regie bei dessen Stück »Kreons Antigone«, das antike Geschichte als modernen Politthriller erzählt. (rbg)
www.sensemble.de
Staatstheater Augsburg
»Alles ist eine Mischung aus Lüge und Übertreibung – und klingt manchmal fast nach schrägem Broadway«, meint der Komponist Gordon Kampe zu seiner Oper »Die Verwandlung« nach Kafkas berühmter Erzählung. Das geht schon mal gut los! Zu diesem neuen Werk, das am 10. Oktober im Martinipark Premiere feiert, liefert die »interaktive Begegnung mit dem Geist von Franz Kafka« digitalen Kontext! Nicht ganz so »UNGEHEUER« (so lautet das Spielzeitmotto 26/27), doch womöglich auf die Spitze getrieben wird es beim Ballettklassiker »Cinderella«. Wie schön, dass Prokofjews Ballettmusik mit Orchesterbegleitung und in der Choreografie von Ricardo Fernando ab dem 31. Oktober im Martinipark auf die Bühne kommt. Eine spannende Uraufführung gibt es nach »Frau Yamamoto ist noch da« als Eröffnungspremiere am 2. Oktober (Dea Loher) ab dem 27. November auch im Sprechtheater, wo das Leben des Showmasters Hans Rosenthal in Felix Krakaus »Halli Galli« auf der Brechtbühne auch der Verdrängung der Vergangenheit nachspürt. (rbg)
www.staatstheater-augsburg.de
Stadthalle Gersthofen
Die Stadthalle Gersthofen setzt in dieser Saison ganz auf komödiantische Verwicklungen. Den Anfang macht Murat Yeginers musikalische Komödie »Das Fräulein Wunder«: Ende der 40er-Jahre wollen drei ungleiche Frauen – eine Aushilfslehrerin, eine Opern-Schneiderin und eine jodelnde Melkerin – einen Gesangswettbewerb gewinnen und vor der Queen im Garten des Buckingham Palace auftreten. Mit einem Augenzwinkern und viel Musik aus den 30er- und 40er- Jahren geht es am 26. September los. Deutlich düsterer, aber nicht minder komisch wird es am 12. Dezember, wenn das EURO-STUDIO Landgraf mit »Achtsam morden durch bewusste Ernährung« Karsten Dusses Bestseller-Krimikomödie auf die Bühne bringt.Zum Jahresauftakt sorgt das Chiemgauer Volkstheater für Verwechslungschaos: In »Hosen runter! Ein Kleiderschrank voller Geheimnisse« finden gleich drei Ehemänner fremde Hosen im heimischen Schrank – und die Suche nach dem »Hosenkavalier« nimmt ihren Lauf. Den Schlusspunkt setzen Manuel Rubey und Simon Schwarz, die als Schauspielstars mit »vier linken Händen« ein Nobelrestaurant eröffnen, das prompt abbrennt – am 25. Februar müssen die beiden klären, ob nicht am Ende doch der Rubey war's. (mag)
www.stadthalle-gersthofen.de
Theater Eukitea
Bücherverbrennungen, ein sprechender Fuchs und ein Kater in Stiefeln – das Theaterhaus in Diedorf zeigt in der neuen Saison, wie unterschiedlich Geschichten von Mut sein können. Den Anfang macht am Sonntag, 11. Oktober, ein ernstes Kapitel: In »Friedenskinder« werden Originaltexte von neun 1933 verfemten Autor*innen – darunter Nelly Sachs, Erich Kästner und Stefan Zweig – wieder lebendig. »Heute ist nicht damals – und morgen kann mehr sein als alles, was gestern
war«, heißt es im Epilog des bildintensiven Schauspiels, das bereits zur Berliner Premiere für Aufsehen sorgte. Weitaus beschwingter geht es sechs Tage später zu, wenn das Duo Gambelin mit »all'improvviso« Barockmusik, Jazz und freie Improvisation aufeinanderprallen lässt – Diego Ortiz trifft auf Bach, Bach trifft auf Christian Elins Kompositionen für diese seltene Instrumentenpaarung zu lauschen am Samstag, 17. Oktober. Zur Adventszeit wird es dann märchenhaft: Ab 29. November entführt »Der goldene Vogel« nach den Brüdern Grimm große und kleine Zuschauer*innen in eine Welt voller goldener Äpfel, sprechender Füchse und königlicher Prüfungen – mit Puppen, Live- Musik und einer Begleitausstellung rund ums Federvieh. Und weil ein Kater in Stiefeln bekanntlich mehr kann als nur schnurren, verwandelt das Figurentheater Luftsprung zum Faschingssonntag das Theaterhaus in eine Bühne für den gestiefelten Kater – samt Verkleidung, Mitraten und Faschingsfest im Anschluss. (rbg)
www.eukitea.de
Junges Theater Augsburg
Im Wissen um das transformative Potential von Kunst, Kultur und kultureller Teilhabe hat sich das freie und professionelle Junge Theater Augsburg mit seinem positivem Team-Geist und drei Sparten – Kinder- und Jugendtheater, Bürgerbühne und Theaterpädagogisches Zentrum - seine Zukunftsfähigkeit gesichert. Nicht von ungefähr wurde dem Haus im Vorjahr der Zukunftspreis der Stadt Augsburg verliehen! Nach der Sommerpause beschäftigt sich das Junge Theater Augsburg intensiv und mobil mit »Wahrheit oder Wackelpudding« – Premiere ist am Freitag, den 18. September. Spielerisch wird deutlich gemacht, wie allgegenwärtig Verschwörungsnarrative sind und wie subtil der Einstieg sein kann. Regisseurin Momo Mosel und ihr Team entwickelten dieses Stück in engem Austausch mit verschiedenen Schulklassen der fünften Jahrgansstufen aus dem Augsburger Raum, insbesondere der Theaterklasse des Holbein Gymnasiums. (rbg)
www.jt-augsburg.de
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Die Brechtbühne am Gaswerk ist voll. In der Sekunde, in der das Licht auf die Bühne fällt, verstummt der Saal. Die Kulisse, die nur aus kargen, grauen Wänden besteht, zieht schon ab dem ersten Moment in ihren Bann. Das dadurch entstehende beklemmende, fesselnde Gefühl ist gewollt, denn die Handlung des Theaterstücks ist genauso grau, hart und erschreckend: Depression bei Kindern und Jugendlichen. Das Staatstheater schafft mit unglaublicher Bildsprache, Symbolik und herausragender Schauspielleistung der Darsteller*innen eine Stimmung, die noch Tage anhält.