Theater & Bühne

GAME OVER!

Schrilles Amüsement ist angesagt bei der aktuellen Bühnenversion der kultigen Junk-Oper »Shockheaded Peter«, die David Ortmann mit einem großartigen Team für das Staatstheater Augsburg inszenierte.

Ok – nach diesem knalligen Theaterabend schaut man die einschlägig für ihren verächtlichen Umgang mit den Kandidaten bekannten TV- Casting- und Talentformate mit anderen Augen an. Egal wie schäbig es den dortigen »Loosern« geht, man darf davon ausgehen, dass sie ihre Auftritte zumindest physisch überleben. Wer sich dagegen für eine Primetime-Mitwirkung bei »SHOCK THE PETER« beworben hat, verschwindet hübsch ordentlich und brav auf Nimmerwiedersehen entweder in den Untiefen der fiesen Moderatorencouch, wird vom schwarzen Höllenhund blutig gebissen, verbrennt oder wird anderweitig raffiniert und gnadenlos für immer zum Schweigen gebracht. Das »Game Over!« leuchtet immer dann auf, wenn die Kandidat*innen ihre Aufgaben erwartungsgemäß vergeigt haben.   

»Herbei! Herbei! Wer hilft geschwind? Im Feuer steht das ganze Kind!« oder »Er wog vielleicht ein halbes Lot - und war am fünften Tage tot.« Nicht nur die Älteren unter uns werden den »Struwwelpeter« im Regal, die genialen Leid-Figuren und die pädagogisch wertvollen Reime präsent im Kopf haben. Die englische Musical-Adaption »Shockheaded Peter« (1998) von den Tiger Lillies, Julian Crouch und Phelim McDermott feiert all das Plakative, das Doppelbödige, findet für das Subversive und das »anarchische Potential« den kongenialen Sound und bitterböse Songs. Vieles davon kann man natürlich bereits im 1845 erstmals edierten Original bzw. den großartig von Dr. Heinrich Hoffmann illustrierten und gedichteten Geschichten entdecken.

Anders als zur Intendanz von Dr. Peters, wo Schauspieler Thomas Peters die britische Junk-Oper auch noch namentlich passend im Gewölbe des »Hoffmann-Kellers« im Kleinstformat präsentierte, treibt David Ortmann als Regisseur gemeinsam mit der Liveband »Mount Adige« und sechs überschäumend spielfreudigen Darsteller*innen den Irrsinn auf der großen Martiniparkbühne mit enormem Aufwand auf die Spitze.  Julius Kuhn, Elif Esmen, Gerald Fiedler, Florian Gerteis, Marina Lötschert, Max Roenneberg überbieten sich dabei, lustvoll gequält zu wirken und psychologisch unterfüttert den Bogen vom »gestrigen« Kinderbuch in den heutigen Socialmedia-Sprech zu spannen und die Abenteuer, bzw. tödlichen Talente  ihrer Figuren nachzuempfinden.   

Allein die fantastisch aufwändigen Kostüme samt Maske von Aylin Kaip, in denen sie auf die Bilderbuch-Optik anspielt, sind diesmal den Theaterbesuch dieser aberwitzigen Show wert. Im Scherenschnitt-ähnlichen Design erzielen sie effektvoll eine absurd wirkende Zweidimensionalität. Monströs und wattedicht scheinen die darunter verborgenen »Charaktere« eingepackt, deren Bewegungsradius bewusst einschränkt ist. Die entsprechenden Tribute wie die Zwangsjacke des Zappel-Philipp oder das im Klettverschluss-Verfahren minimierte Suppen-Kaspar-Kostüm machen aber die Essenz schnell deutlich. Doch auch der Rest der TV-Bühnenshow ist diesmal ziemlich großes Kino!

Weitere Termine: www.staatstheater-augsburg.de

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