Politik & Gesellschaft

Geschichte ist Gegenwart!

Gastautor

Augsburger Stadtgeschichte ist viel mehr als die Geschichte der Fugger-, Renaissance-, Mozart- oder Brechtstadt. Zum Beispiel: die Geschichte des Schwabencenters. Ein Gastbeitrag von Cosima Götz
 

Heute gelten die drei Hochhäuser samt Ladenpassage als städtebaulicher Problemfall – ein Schicksal, das sie mit vielen Großsiedlungen der 1960er- und 1970er-Jahre teilen. Dabei war das Schwabencenter einmal Augsburgs ganzer Stolz. In der boomenden Stadt sollte der Gebäudekomplex nicht nur Wohn-, sondern auch Geschäfts-, Freizeit-, Begegnungsort sein. »Gesellschaft durch Dichte« lautete das Schlagwort der Zeit. Und lange funktionierte das auch: Noch vor zehn Jahren gab es in der Ladenpassage dreißig Anbieter, darunter Supermarkt und Drogerie, allerlei Einzelhandelsgeschäfte, Postfiliale und Friseursalon, außerdem Restaurants und Cafés. Übrig geblieben sind drei.

Wie haben die Menschen, die im Schwabencenter oder der Umgebung wohnen, diese Entwicklung erlebt? Welche Ressourcen lassen sich durch gemeinschaftliches Erinnern aktivieren? Und wie können künstlerisch-kreative, museale oder theatrale Interventionen den Leerstand beleben, vielleicht gar Mut für die Zukunft machen? – Darum geht es in einem Projekt, das ich nächstes Jahr gemeinsam mit Bluespots Productions verwirklichen möchte; mit Initiativen vor Ort, der Universität Augsburg sowie städtischen Einrichtungen, etwa der Stabsstelle Kulturelle Bildung und dem Stadtarchiv, bin ich derzeit im Gespräch.


Tätigkeiten wie diese gehören zu den Kernaufgaben der neu geschaffenen Stabsstelle Stadtgeschichte der Stadt Augsburg. Die Stelle hat den Auftrag, vor allem diejenigen Themen der Augsburger Geschichte zu erforschen und in Interventionen, Ausstellungen oder digitalen Formaten greifbar zu machen, die die städtischen Museen in ihren Zuständigkeiten bislang nicht abdecken können. Sie nutzt dafür Ansätze der partizipativen Museumsarbeit, das heißt, sie lädt verschiedenste Gruppen der Stadtgesellschaft ein, andere an ihren Erfahrungen, Wahrnehmungen, Hoffnungen teilhaben zu lassen. Und sie geht gezielt an »neue« Orte, an Orte, die nicht unbedingt als Zentren der Augsburger Kulturszene gelten. Kurz: Die Stelle ist der erste Schritt zu einem (mobilen) Augsburger Stadtmuseum.

Während das Schwabencenter-Vorhaben gerade in der Konzeptionsphase steckt, entsteht eine Open-Air-Ausstellung der Stabsstelle bereits. Sie wird unter dem Titel »We are City!« im Frühjahr verschiedenste Augsburger*innen und ihre Geschichte porträtieren. Andere Projekte befinden sich noch im Ideenstadium, etwa zur (post)migrantischen oder zur (post)kolonialen Geschichte der Stadt.

Sie alle gründen in derselben Überzeugung: Geschichte ist nicht Vergangenheit! Vergangenheit ist vergangen, unwiederbringlich vorbei. Ganz anders Geschichte – unser Blick auf Vergangenes. Wie wir uns erinnern, entscheiden wir heute, jede*r für sich ebenso wie (hier kommt die Erinnerungskultur ins Spiel) wir als Gesellschaft. Und dies ganz unabhängig davon, ob wir die entsprechenden Ereignisse, Strukturen oder Ideen nun vor zehn, hundert oder tausend Jahren verorten.

In anderen Worten: Geschichte ist Gegenwart.

Cosima Götz leitet seit Herbst 2022 die Stabsstelle Stadtgeschichte im Referat für Kultur, Welterbe und Sport der Stadt Augsburg. Sie war zuvor als Ausstellungskuratorin und -mitarbeiterin an verschiedenen Museen tätig, darunter dem Deutschen Historischen Museum in Berlin. In ihrer Dissertation erforschte sie, wie Stadtgesellschaften im frühen 20. Jahrhundert um den Stadtraum stritten – und welche Rolle der internationale Wettbewerb dabei spielte.

Erinnerungskultur?

Ein Begriff, der häufig verwendet wird. Oft in sensiblen Kontexten. Die Bedeutung des Wortes ist nicht wirklich definiert. Das führt zu Missverständnissen. Manche verorten Erinnerungskultur in einem Zeitkorsett zwischen 1933 und 1945. Sie fokussieren damit jedoch nur die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Der a3kultur-Redaktion erschien dieses Fenster nie als passend. Sofern es zum Erinnern überhaupt Zeitmarken braucht, wären diese vielleicht zuerst mit den Jahren 1848 oder 1871, samt ihren bedeutenden Umbrüchen, zu setzen.


Wo endet Geschichte? An welchem Punkt beginnt Erinnerungskultur? Und, bedingt das eine nicht das andere? Diese Fragen und Themen diskutieren wir in der a3kultur-Redaktion – ergebnisoffen. 
Wir ahnen nur, mit welchen Ereignissen die Erinnerungskultur – oder das, was wir darunter verstehen – einsetzen könnte. Wir wissen jedoch, wie aktuell Erinnerungs­kultur zu verhandeln ist. Sie reicht immer in die Gegenwart. Sie behandelt auch das Heute. Von jedem Tag aufs Neue. 


Beim Versuch, der Erinnerungskultur, oder sollte man von den Erinnerungskulturen sprechen, einen Rahmen zu geben, entwickelt sich die Idee zu dieser Sonderveröffent­lichung. Wir baten Expert*innen in Gastbeiträge der Frage nachzugehen, was sie unter Erinnerungskultur verstehen. Sie sollten unseren Leser*innen von Projekten berichten und welche Bedeutung Erinnerungskultur in diesem speziellen Arbeitsfeld hat. Hier sind die Ergebnisse. 


An der a3kultur-Sonderveröffentlichung haben sich folgende Expert*innen mit Gastbeiträgen beteiligt: Carmen Reichert (Leiterin Jüdisches Museum Augsburg Schwaben), Cosima Götz (Leiterin Stabsstelle Stadtgeschichte in Augsburg), Petra Weber (Leiterin Stadtmuseum Kaufbeuren), Michael Friedrichs (Engagiert in der Erinnerungswerkstatt Augsburg und beim Brechtpreis), Felix Bellaire (Leiter Fachstelle Erinnerungskultur Augsburg)  
 

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