Koloniale Grausamkeiten
Was hat der Brechtkreis mit Erinnerungskultur zu tun? Ein Gastbeitrag von Michael Friedrichs
Am 17. September fand im Münchner »Museum Fünf Kontinente« eine Filmvorführung zu den deutschen Kolonialverbrechen in Kamerun statt. Der in Deutschland ausgebildete Rudolf Duala Manga Bell, der sich nicht zur Marionette verbiegen ließ, wurde dort von den Deutschen 1914 wegen angeblichen Hochverrats hingerichtet. Heute (wirklich erst seit Kurzem) gibt es in Aalen, Ulm und Berlin, wo Manga Bell jeweils eine Zeitlang lebte, Straßen oder Plätze, die seinen Namen tragen. Die Initiative dafür ging von einem Nachfahren aus, Jean-Pierre Félix-Eyoum. Er hat 2019 in Augsburg im Augustanasaal über seinen Großonkel vorgetragen, auf Einladung des Brechtkreises. Er hofft nun, dass die Bundesregierung Manga Bell noch in diesem Jahr rehabilitiert.
Was hat der Brechtkreis mit Erinnerungskultur zu tun? Es ging um die Frage, was Brecht in seiner Augsburger Zeit vom deutschen Kolonialismus mitbekommen haben kann und wie er darauf reagiert hat. Sein frühester einschlägiger Text ist wohl das Gedicht »Der Tsingtausoldat« von 1915, möglicherweise angeregt durch ein Buchcover (siehe Dreigroschenheft 3/2021): Brechts Soldat kämpft nicht, sondern stürzt sich in den Tod. Und in Brechts frühem Drama »Trommeln in der Nacht« kommt ein Kriegsheimkehrer aus der Gefangenschaft in Afrika zurück – vielleicht aus Kamerun, wo das deutsche Militär länger gekämpft hat als in anderen Kolonien. Aktuell berichteten damals die Augsburger Neuesten Nachrichten (siehe Dreigroschenheft 3/2023), und es gab diverse wirtschaftliche und persönliche Verbindungen Augsburg–Kamerun. Brechts Heimkehrer hat genug von kolonialen Grausamkeiten und will eine Familie gründen.
Vor ein paar Wochen ist ein umfangreicher Band mit dem Titel »Erinnerungskämpfe: Neues deutsches Geschichtsbewusstsein« erschienen, mit Beiträgen von 26 Autor*innen. Hier wird der Begriff »Erinnerungskultur« in vielerlei Facetten beleuchtet, Kaiserreich, Nationalsozialismus, Holocaust, Wiedervereinigung, Berliner Republik: Diskussionsbedarf überall. Dabei geht es auch um die These, Erinnerungskultur zum Beispiel an den Holocaust werde in Deutschland von oben verordnet. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt/Main, widerspricht entschieden und verweist unter anderem auf die Stolpersteine – es gehe um »›Graswurzelbewegungen‹, die sich nicht selten gegen Widerstände haben durchsetzen müssen« (S. 249).
Der Begriff »Erinnerungskultur« ist laut Wikipedia kaum älter als zwanzig Jahre. Er hinterlässt keinen zweifelhaften Nachgeschmack, wie die früheren Begriffe »Wiedergutmachung« oder »Vergangenheitsbewältigung«. Die jüngeren und älteren Leute, die sich in Augsburg und Umgebung dafür engagieren, dass an NS-Verfolgte aus allen Opfergruppen Erinnerungszeichen gesetzt und kleine Biografien für das gedenkbuch-augsburg.de verfasst werden, haben noch viel zu tun. Auch die deutschen Kolonialverbrechen müssen aufgearbeitet werden.
Michael Friedrichs ist freiberuflicher Redakteur (u.a. Dreigroschenheft) und aktiv vor allem in der ErinnerungsWerkstatt Augsburg und im Brechtkreis.
Erinnerungskultur?
Ein Begriff, der häufig verwendet wird. Oft in sensiblen Kontexten. Die Bedeutung des Wortes ist nicht wirklich definiert. Das führt zu Missverständnissen. Manche verorten Erinnerungskultur in einem Zeitkorsett zwischen 1933 und 1945. Sie fokussieren damit jedoch nur die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Der a3kultur-Redaktion erschien dieses Fenster nie als passend. Sofern es zum Erinnern überhaupt Zeitmarken braucht, wären diese vielleicht zuerst mit den Jahren 1848 oder 1871, samt ihren bedeutenden Umbrüchen, zu setzen.
Wo endet Geschichte? An welchem Punkt beginnt Erinnerungskultur? Und, bedingt das eine nicht das andere? Diese Fragen und Themen diskutieren wir in der a3kultur-Redaktion – ergebnisoffen.
Wir ahnen nur, mit welchen Ereignissen die Erinnerungskultur – oder das, was wir darunter verstehen – einsetzen könnte. Wir wissen jedoch, wie aktuell Erinnerungskultur zu verhandeln ist. Sie reicht immer in die Gegenwart. Sie behandelt auch das Heute. Von jedem Tag aufs Neue.
Beim Versuch, der Erinnerungskultur, oder sollte man von den Erinnerungskulturen sprechen, einen Rahmen zu geben, entwickelt sich die Idee zu dieser Sonderveröffentlichung. Wir baten Expert*innen in Gastbeiträge der Frage nachzugehen, was sie unter Erinnerungskultur verstehen. Sie sollten unseren Leser*innen von Projekten berichten und welche Bedeutung Erinnerungskultur in diesem speziellen Arbeitsfeld hat. Hier sind die Ergebnisse.
An der a3kultur-Sonderveröffentlichung haben sich folgende Expert*innen mit Gastbeiträgen beteiligt: Carmen Reichert (Leiterin Jüdisches Museum Augsburg Schwaben), Cosima Götz (Leiterin Stabsstelle Stadtgeschichte in Augsburg), Petra Weber (Leiterin Stadtmuseum Kaufbeuren), Michael Friedrichs (Engagiert in der Erinnerungswerkstatt Augsburg und beim Brechtpreis), Felix Bellaire (Leiter Fachstelle Erinnerungskultur Augsburg)
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