Heilige Reise
In einer Koproduktion von Musiktheater und Ballett brachte das Staatstheater Augsburg am Samstagabend das »Mozart-Requiem« (UA) von Choreograf Peter Chu auf die Bühne des Martiniparks.
Im ästhetischen »Zwischenwelten«-Bühnenbild von Felix Weinold führte die Inszenierung das Publikum auf eine archaisch-rituelle, kontemplativ grundierte Reise mit dem Fernziel des ewigen Lebens. Auch wenn es auf der Bühne eng wurde, gelang es Ivan Demidov als klangfarbenversiertem Reiseleiter vom Pult aus, die zeitlose Qualität von Mozarts sakraler Komposition, die Augsburger Philharmoniker, den leuchtenden Opernchor und das Solist*innen-Quartett (Jihyun Cecilia Lee, Natalya Boeva, Yury Makhrov, Avtandil Kaspeli) als tonangebende Akteur*innen im Tanzgeschehen sichtbar zu machen.
Selbst ein gefällter Baum, den man im Bühnenhintergrund durch das große Glasfenster erblickte, kann noch grüne Triebe ausbilden, und auch der Mensch besitzt die Fähigkeit zur Resilienz, die dabei hilft, Verlust und Schmerz zu bewältigen. Peter Chu definiert sein »Mozart-Requiem« im Programmheft explizit als Widmung an Mutter Natur und bringt mit dem Ausblick auf natürliche Nebenschauplätze die Koexistenz von Mensch und Umwelt ins Spiel. Mitfühlende Begegnungen und »ein stilles Gewahrwerden davon, wie unsere Energie die Räume prägt, die wir teilen«, stehen im Fokus. Das kann und darf alles bedeuten. Als Konzept nimmt es raffiniert denjenigen den kritischen Wind aus den Segeln, die sich eine konkrete, tänzerisch eindeutigere und mit emotionaler Strahlkraft und Klarheit aufgeladene »Bebilderung« von Mozarts unsterblicher, in seinem Todesjahr 1791 bekanntlich nicht mehr komplett auskomponierten Totenmesse vorgestellt hatten.
Und doch blieb Peter Chu mit seinen organischen, von der Bewegungspraxis des Qigong inspirierten, tänzerisch ausgestalteten Erfahrungen von Werden, Vergehen und Erneuerung nahe im Assoziationsraum, den das Requiem textlich wie musikalisch tröstend und intensiv öffnet. Diese heilige Reise, die mit dem »Lux aeterna« so versöhnlich ausklang, startete bereits auf der Foyerbühne mit einer intimen Duo-Sequenz von Giulia Finardi und Thomas Krähenbühl. Sie umkreisten sich animalisch, schlängelten sich später durchs Publikum und zogen es, Achtsamkeit gebietend, hinein in die von warmem Lichtdesign (Marco Vitale!) geprägte Sphäre des Requiems. Mozarts Totenmesse ergänzend, die Verweildauer dehnend, wurden immer wieder einmal Klänge des portugiesischen Komponisten André Barros »zwischengespielt« und im schwebenden Intro die mit einem weißen Schleier bedeckten Geschöpfe sanft zum Leben erweckt.
Chu ist nicht der erste zeitgenössische Choreograf, der Mozarts »Requiem« im Tanz spiegelt. Er musste bei dem spartenübergreifenden Projekt allerdings die begrenzten Bühnendimensionen im Martinipark mitdenken. Die Verschmelzung des vor der Bühne prominent platzierten Orchesters, die Bewegungen von großem Opernchor im dynamischen Mit- und Nebeneinander der vier Solist*innen und der 18-köpfigen Ballettcompany zum »großen Ganzen«, bei dem sich Musik und Tanz gewinnbringend bereichern, strapazierte nicht selten den vorhandenen Rahmen. Die Tänzer*innen traten im Ensemble auf und durchschritten kollektiv die Phasen eines Trauerprozesses, drückten in wiederkehrenden Bewegungsmustern Verstörung, Auflehnung, Wut und Akzeptanz aus. Erst in den einfallsreicher choreografierten, mit sinnlichen Videos verdichteten Duo-Sequenzen wurde die tanztheatralische Fieberkurve stimuliert. Um Sichtbarkeit ringend und unisex in erdfarbige Kostüme gekleidet, reagierte das Ballettensemble physisch auf den vokal enorm präsenten Chor, der an die Erhabenheit und Würde von Hohepriestern gemahnte. Es interagierte auch mit den Solist*innen, rüttelte und zerrte an ihnen, bot Stabilität oder forderte Beistand ein, gab und suchte Halt. Bisweilen war das zu viel und zu dicht und ging auf Kosten der Konzentration auf die musikalisch exquisiten und bedeutungsvollen Requiem-Momente. Auch über die Bedeutung, die den abgestellten Schuhen zukommt, darf weiterhin gerätselt werden …!