Brennende Briefe treffen göttliches Schweigen
Berlin als Ankara, Hamburg als Istanbul, Rom als Zentrum der Macht: In der Kolumne »Projektor« werden Filme über das Mahlwerk unerbitterlicher Systeme und einen scheidenden Präsidenten vorgestellt.
Nachdem das Thalia von den Betreiber*innen des Liliom gerettet wurde, widmen wir uns in dieser Woche zwei Filmen, die sich inhaltlich mit der Zerbrechlichkeit von Existenzen auseinandersetzen:
Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer), ein gefeiertes Künstlerehepaar aus Ankara (Berlin), führen mit ihrer 13-jährigen Tochter Ezgi ein erfülltes Leben, bis ein Vorfall bei der Premiere ihres neuen Theaterstücks alles verändert. Über Nacht geraten sie ins Visier des Staates und verlieren ihre Arbeit und ihre Wohnung. Sie gehen nach Istanbul (Hamburg), wo sie vorläufig bei der Mutter von Aziz unterkommen. Während sich Aziz mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und an seinen Überzeugungen festhält, sucht Derya nach einem Ausweg, der sie finanziell unabhängig macht. Nach und nach vergrößert sich die Distanz zwischen ihnen und ihrer Tochter, bis sie sich zwischen ihren Wertvorstellungen und der gemeinsamen Zukunft als Familie entscheiden müssen.
Nach seinem Oscar-nominierten Erfolg mit »Das Lehrerzimmer« (2023) scheint Regisseur İlker Çatak ein neues Spezialgebiet für sich beansprucht zu haben: das Porträt von Menschen, die in den Mahlwerken unerbittlicher Systeme zerrieben werden. Schlägt man die Pressetexte auf und lässt den Trailer auf sich wirken, wird schnell klar: »Gelbe Briefe« (5. März, Liliom) ist kein leicht verdauliches Popcorn-Kino, sondern eine beklemmende Untersuchung von Existenzverlust und politischer Willkür mit kafkaesken Zügen. Özgü Namal und Tansu Biçer wirken in den kurzen Ausschnitten bereits so intensiv, dass man den Stresspegel förmlich im eigenen Nacken spüren kann.
»La Grazia« (19. März, Liliom) nimmt uns mit in ein anderes Land und auf die andere Seite der Politik: Mariano De Santis (Toni Servillo) ist scheidender Präsident Italiens. Während sich seine Amtszeit dem Ende zuneigt, begleiten ihn Themen wie Liebe, Zweifel, Verantwortung, Vaterschaft und Ethik. Er steht vor folgenschweren Entscheidungen – politischer wie persönlicher Natur. Inmitten moralischer Dilemmata muss er sich seinem Gewissen stellen und Rat bei den Menschen suchen, die ihm am nächsten stehen, darunter seine Tochter Dorotea (Anna Ferzetti). Gemeinsam stellen sie sich der zeitlosen Frage: Wem gehören unsere Tage?
Nachdem »Parthenope« (2024) von der Kritik teilweise als »zu bildverliebt« und inhaltlich etwas dünn wahrgenommen wurde, ist »La Grazia« Regisseur Paolo Sorrentinos Rückkehr zur Substanz. Er nutzt zwar immer noch seine typisch barocken Bilder, die seit »The Hand of God« (2021) Kamerafrau Daria D’Antonio für ihn einfängt, aber sie dienen hier einer klaren, fast klassischen Erzählstruktur. Der Film wirkt disziplinierter als seine experimentelleren Werke. Während Sorrentino in »Il Divo« (2008) über Andreotti eine comicartige, hyperstilisierte Groteske schuf und in »Loro« (2018) über Berlusconi die vulgäre Dekadenz feierte, ist »La Grazia« das stille, würdevolle Finale seiner inoffiziellen Politik-Trilogie. Toni Servillo, der bereits die beiden anderen Präsidenten Italiens verkörpert hatte, macht nun in dieser fiktiven Rolle abermals eine meisterhafte Figur. Viel spielt sich über seine Augen ab – in seinem Blick spiegelt sich der gesamte moralische Konflikt Italiens. In den Nuancen seiner Stimme hallt die Last der Verantwortung wider. Eine sehr physische Performance der Erschöpfung, die zu Recht mit dem »Coppa Volpi« für den besten Darsteller bei den Filmfestspielen von Venedig 2025 ausgezeichnet wurde.
Filmfigur des Monats: Toni Servillo
- Geboren 1959 in Afragola bei Neapel
- Beruf: Schauspieler
- 1970er: erste Schauspielerfahrung in Bertolt Brechts »Die Gesichte der Simone Machard« auf der Theaterbühne und Gründung des Avantgarde-Theaters »Teatro Studio«
- 1992: erste Filmrolle in »Morte di un matematico napoletano« von Mario Martone
- 2008: internationaler Durchbruch mit »Gomorrah« und »Il Divo« bei den Filmfestspielen in Cannes
- Neben dem Franzosen Daniel Auteuil der einzige Schauspieler, der zweimal von der Europäischen Filmakademie geehrt wurde – für »Il Divo« und »La Grande Bellezza«
- 2026: nominiert für eine dritte Ehrung der Europäischen Filmakademie für »La Grazia«
- In seiner Geburtsstadt steht der von Zaha Hadid entworfene, 60 Millionen Euro teure Bahnhof Neapel–Afragola der Schnellfahrstrecke Rom–Neapel
Kinostarts im März:
DO 5.03. CINEMAXX, CInESTAR, CINEPLEX – Hoppers | CINEMAXX, CINESTAR, LILIOM – The Bride! | LILIOM – Junge Mütter
DO 12.03. CINEMAXX, CINESTAR, CINEPLEX – Für immer ein Teil von Dir – Reminders of Him | CINESTAR – Das geheime Stockwerk | Good Luck, Have Fun, Don’t Die | LILIOM – The Testament of Anna Lee
DO 19.03. CINEMAXX, CINESTAR, LILIOM – Der Astronaut
Kinoevents im März:
DI 3.03. ALLE KINOS – Best of Cinema »Old Boy« | CINEMAXX, CINESTAR, CINEPLEX – »Giselle« live vom Royal Ballet London
SO 8.03. CINEPLEX – »Ein Tag ohne Frauen«
SA 14.03. CINEMAXX – »Der Herr der Ringe«-Trilogie
DI 17.03. LILIOM – »Achtundzwanzig – Der Weg entsteht im Gehen« mit Regisseurin Cornelia Grünberg
SA 21.03. CINEMAXX, CINEPLEX – Wagners »Tristan und Isolde« live aus der Metropolitan Opera New York
DI 31.03. CINEMAXX, CINEPLEX – Wagners »Siegfried« live aus dem Royal Opera House London
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