Am Samstag, 18. April um 19 Uhr gastiert das Kodály Quartett im Schloss Höchstädt
»Für alle möglich machen«
Zwischen Tradition und Öffnung: Wie die Augsburger Dommusik mit der Mädchenkantorei neue Wege geht und zugleich ihre gewachsene Identität bewahrt. Ein Interview von Renate Baumiller-Guggenberger
Die Augsburger Domsingknaben gehören seit ihrer Neugründung im Jahr 1976 zu den renommiertesten Knabenchören weltweit und feiern heuer 50 Jahre Erfolgsgeschichte mit vielen konzertanten Highlights sowie einer Tournee nach Guatemala. Im Gespräch mit Stefan Steinemann, der seit 2020 die musikalische Gesamtleitung der Augsburger Dommusik innehat, wurde auch die neu gegründete und von Andrea Hartinger geleitete Mädchenkantorei zum Thema.
a3kultur: Positive »Schlagzeilen« machte im Vorjahr die Gründung der Mädchenkantorei. Wie kam es dazu?
Stefan Steinemann: Die Gründung hing mit dem Wunsch zusammen, in der Dommusik ein umfassenderes Angebot zu schaffen. Was wir hier über das rein musikalische Ausbildungsangebot hinaus bereitstellen, sollte Mädchen nicht verwehrt sein. Zusätzlich zu den Knabenchören haben wir jetzt also ein Angebot auch für Mädchen. Die Mädchenkantorei ist ein eigenständiges Ensemble innerhalb der Dommusik. Wie andernorts, z. B. in Regensburg oder Windsbach, ging es nie darum, die traditionsreichen Knabenchöre zu einem gemischten Kinderchor zu machen. Perspektivisch lässt es sich nicht ausschließen, dass wir irgendwann auch ein großes Projekt haben, bei dem Jungs und Mädchen gemeinsam auftreten, was sich auch bei unserer Beteiligung an Opernproduktionen anbietet.
Gab es auch Bedenken oder kritische Stimmen?
Wir haben kritische Stimmen u. a. ehemaliger Mitglieder gehört, die den geschützten Raum für die Jungen in Gefahr sahen. Um solchen Befürchtungen vorzubeugen, haben wir Stundenpläne und Personalkapazitäten entsprechend angepasst, sodass die bisherigen Angebote vollständig erhalten bleiben und den Knaben durch die Veränderungen nichts verloren geht. Ich leite weiterhin den Kammerchor und bleibe als Gesamtleiter der Dommusik eine zentrale Bezugsperson und Identifikationsfigur für die Jungen.
Wie lange schätzen Sie die nötige Aufbauarbeit ein, die die Mädchenkantorei benötigt, um sich zu etablieren?
Das hängt auch von der Nachfrage ab – und die ist im Moment überwältigend. Seit September verzeichnen wir 90 Aufnahmen von Mädchen im Alter zwischen zwei und 13 Jahren. Zum neuen Schuljahr öffnen wir den Liturgie- und Konzertchor für Mädchen von 14 bis 20 Jahren. Ich möchte die Mädchenkantorei so früh wie möglich in die Dommusik einbinden. Die Mädchenkantorei entstand ja nicht aus einer gefürchteten (Nachwuchs-)Not heraus, sondern aus inhaltlicher Überzeugung. Perspektivisch und künstlerisch betrachtet haben wir jetzt ein zusätzliches Ensemble, das sich auch klanglich abhebt. Wir haben damit eine größere Vielfalt und können neue stilistische Akzente setzen. Ich hoffe sehr, dass sich rasch genauso viele Mädchen für das Singen und das Miteinander begeistern und sich die Mädchenkantorei ebenso erfolgreich durchsetzt wie die Augsburger Domsingknaben. Mit Andrea Hartinger haben wir eine Chorleiterin gefunden, die Erfahrung, Kompetenz und Begeisterung für die Arbeit mit den Nachwuchschören und der Mädchenkantorei mitbringt.
Wie kommt es eigentlich, dass bei Ihnen die Nachwuchssorge kein Thema ist?
Nachwuchsarbeit zählt zu unseren täglichen Aufgaben, und seit der Neugründung sind die Domsingknaben durch ihre musikalische Arbeit und ihre Auftritte in der Öffentlichkeit präsent geblieben. Unser Kooperationsprojekt mit Grundschulen oder unsere Social-Media-Aktivität helfen dabei, aber entscheidend ist, dass sich gute Arbeit herumspricht. Wir bieten kostenfrei ein umfassendes Angebot mit musikalischer Ausbildung einschließlich Stimmbildung, Mittagstisch, Hausaufgabenbetreuung und Freizeitgestaltung. Uns ist wichtig, dass dieses Angebot allen offensteht – egal, aus welchem Umfeld die Kinder kommen. Wir erleben, dass es dem Chor guttut, wenn verschiedene Lebensrealitäten zusammentreffen.
Perspektivisch betrachtet – was könnte sich geändert haben, wenn wir uns in 10 Jahren erneut treffen?
Ich würde mir wünschen, dass die hohe Nachfrage noch immer besteht und dass es auch weiterhin ein Publikum gibt, das uns hören möchte. Das bedingt sich gegenseitig und ist schon jetzt unsere Aufgabe. Wir bilden nicht nur junge Menschen aus, die vielleicht einmal eine professionelle Laufbahn als Musiker*innen einschlagen, sondern auch diejenigen, die später vor einem Konzertplakat stehen und wissen, dass sie diese Musik hören wollen. Dazu eine Anekdote: Vor drei Jahren kam ein Elfjähriger nach der Probe zu mir und meinte: »Wissen Sie, Herr Steinemann, der Monteverdi ist so ein geiler Komponist!« Das war einer dieser Momente, in denen ich dachte: Auftrag erfüllt. Wenn ich noch ein wenig träumen darf: viele weitere Orte und Kontinente, zu denen uns unsere Reisen führen, und einige Ideen für neue Konzertformate.
Sie blicken optimistisch in die Zukunft?
Ja. Denn wir bleiben dabei, die Kinder in der schönen Gemeinschaft, die wir hier haben und die wir als gesellschaftlich wertvollen Beitrag sehen, auf einen guten Weg zu bringen und mit unserer Arbeit auch einen Raum für Achtsamkeit zu schaffen: aufeinander achtgeben und aufeinander hören – gerade in Zeiten, in denen das Handy die Aufmerksamkeitsspanne beeinträchtigt.
Termine der Augsburger Domsingknaben und Mädchenkantorei:
Tag der offenen Tür der Augsburger Dommusik Samstag, 9. Mai (ab 10 Uhr) Ottmarsgäßchen 8, Augsburg
Serenade von Christopher Tambling mit Kammerchor und Karl-Kraft-Chor der Augsburger Domsingknaben sowie dem Aufbauchor der Augsburger Mädchenkantorei Donnerstag, 4. Juni (8 Uhr) Hoher Dom zu Augsburg
Übersinnliche Momente – Gregorianischer Choral, Motetten und Orgelmusik (Im Rahmen der Langen Kunstnacht Augsburg) mit Karl-Kraft-Chor der Augsburger Domsingknaben Samstag, 20. Juni (18 Uhr) Hoher Dom zu Augsburg
Chorjahresschlussgottesdienst mit allen Chören der Augsburger Domsingknaben und dem Aufbauchor der Augsburger Mädchenkantorei Samstag, 25. Juli (9:30 Uhr) Hoher Dom zu Augsburg
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