Jubilieren, tirilieren!
Schon zur »Halbzeit« steht fest, dass die hohen Erwartungen in puncto HERZENSSACHE mit Klang und Sang, mit Brillanz und Bravour erfüllt wurden.
Die Saxophonistin Jess Gillam, das Danish String Quartet und der RIAS Kammerchor Berlin präsentierten sich als außergewöhnliche »Herzens«-Künstler*innen im Jubiläumsfest. Im Sonderkonzert der Mozartgesellschaft erwiesen das »Alinde-Quartett« und Christoph Hammer im Schaezlerpalais W. A. Mozart ihre kammermusikalische Reverenz.
Wer erlebt, mit welch spieltechnischer Finesse und facettenreicher Gestaltungskraft die erst 27-jährige Britin Jess Gillam mit ihrem handverlesenen, siebenköpfigen Ensemble das Podium »rockt«, wirft jede Skepsis gegenüber dem (Tenor)-Saxophon in der Klassik über Bord! Vor vier Jahren zu Gast, überwältigten in diesem Jahr erneut ihr Charisma und ihr klanglich berückendes Spiel mit fantastischer Phrasierung. Eine Sensation war auch das Programm! Frisch, frech und nahtlos kombinierte es Epochen und Stile – Telemann, Milhaud und Boulanger standen gleichberechtigt neben Duke Ellington, Kate Bush oder David Bowie. Müsste man zwei Favoriten im Highlight-Konzert nennen, böten sich Alessandro Marcellos spätbarockes Oboenkonzert ebenso an wie Michael Nymans minimalistischer Coup »Chasing Sheep …«, den das Ensemble zum maximalen Rausch hochpuschte. Mit Rune Tonsgaard Sørensens (1. Violinist des Danish String Quartet) im Jahr 2017 komponierten Stück »Shine You No More« baute Gillam auch die perfekte Brücke zum Folgeabend.
Der brachte die Mozartfest-Fans aufs Land in die für Klassikevents bewährte Idylle des Herrenhauses Bannacker. Wo früher Polopferde gezüchtet wurden, tauchte man jetzt mit allen Sinnen und dem Blick aus dem großen Fenster über dem Podium in die warme, tief timbrierte Klangmagie ein, die das Danish String Quartet vom ersten Bogenstrich an herbeizauberte. Gern wäre man die ganze Nacht dortgeblieben! So beseelend und bewegend führte das zweiteilige – atmosphärisch passend mit »Nordic By Nature« überschriebene – Programm das Publikum in die (Seelen)-Landschaften. Die glasklar und dynamisch ausgefeilten Strawinsky-, Bach- und Beethoven-Interpretationen im ersten Teil, die aus Grönland, Irland und Dänemark importierten Tunes und Eigenkompositionen nach der Pause machten deutlich, wie und warum die vier Skandinavier international Furore machen. Wie schön, dass dies auf herrlich unprätentiöse, authentische Art gelingt! Pure Musizierfreude steht dem hochkarätigen Umgang mit den Instrumenten in nichts nach. Exakt ausbalanciert waren in jedem Moment die Expressivität und die radikale Intensität, mit der diese Musiker fokussiert die dramaturgischen Bögen und die melodische Schönheit der Kompositionen erforschten. Das Danish String Quartet macht ein in die Tiefe gehendes Zuhören leicht und zum kunstreichen Genuss. Fast schienen sich Zeit und Raum aufzulösen und so bleibt dieser inspirierende, naturnahe und vom Publikum umjubelte Ausflug in den hohen Norden als singuläres Musikereignis lange in Erinnerung.
Am Folgetag wurde das Parktheater zur faszinierenden Voliere, vielstimmig bevölkert von Turteltauben, der »süßen Suffolk-Eule«, dem silbernen Schwan, Glockenvögeln, Nachtigallen und manch anderem Paradiesvogel. Worüber sollte man am Ende des zweistündigen Programms mehr staunen oder schwärmen? Über das überirdisch kultivierte Klangbild der solistisch geführten Stimmen im renommierten RIAS Kammerchor Berlin unter der Leitung von Justin Doyle oder über das pointiert verpackte Fachwissen des Biologen und Vogelstimmen-Imitators Dr. Uwe Westphal? Als pfiffiges Gesamtpaket hielt das Programm »Mit den Vögeln singen« reichlich Überraschungen bereit. Ob Fabelwesen, Symbol, Glücks- und Unglücksbringer oder einfach als Vögel mit einem Gesangsrepertoire von über 200 Strophentypen wie die Nachtigall: Die gefiederten Luftwesen animierten seit jeher zu lautmalerischen, lyrischen, impressionistischen Vertonungen. Die hier kompilierten 15 Werke aus fünf Jahrhunderten legten den polyphonen Schatz virtuos frei. Kennenlernen durfte man die sogenannten »Partsongs« aus den Federn von Edward Elgar oder Gerald Finzi, bewundern kontemplative Madrigale oder sanft schwingende Chorwerke. Das spektakuläre vokale Potenzial und die Bühnenpräsenz der über 30 Chormitglieder, die immer wieder ihre Position änderten und so den Raumklang nutzten, zogen das Publikum in Bann. Das begeisterte Applaudieren und Jubilieren schloss auch das in allen Lagen meisterhafte Tirilieren von Uwe Westphal ein!
»Mozart A Quattro« oder schlicht »Mozart satt« hieß es am Dienstagabend im Festsaal des Schaezlerpalais. Einmal mehr konnte man sich auf die kuratorische und pianistische Expertise von Christoph Hammer verlassen. Für das diesjährige Sonderkonzert der Deutschen Mozartgesellschaft hatte er das Alinde Quartett zur künstlerischen Demonstration einer meisterhaften Arbeitsteilung eingeladen. Nach dem Auftakt mit dem vierten Streichquartett von Mozarts Zeitgenossen Joseph Bologne, Chevalier de Saint-George, begab sich das Quartett mit Tempo und Elan auf »Die Jagd«, um das Haydn gewidmete »Streichquartett Nr. 17 KV 458« zur leicht gefälligen Beute zu machen. Im Klavierquartett Nr. 1 in Mozarts persönlichster Tonart g-Moll und besonders im »Klavierkonzert Nr. 12 A-Dur«, das nicht allein mit sagenhaften Kadenzen als Höhepunkt im Programm glänzte, erfüllte sich die eingangs von Hammer betonte »Kongruenz der Ornamentik«. Die prachtvolle Verzierung im Raum, gespiegelt in der Partitur und reflektiert im funkelnden Zusammenspiel von »nur« vier Streichern mit dem Hammerflügel, entzückte das Publikum.
Das gesamte Programm des Mozartfest finden Sie unter: www.mozartstadt.de