Vollendet!
Spanisch-sinfonisches Temperament, Mozarts A-Dur-Klarinettenkonzert mit Nicola Boud und Spannungsvolles von Haydn – und das alles unter der glanzvollen Leitung von Maestro Sir John Eliot Gardiner in der ausverkauften Kirche Ev. St. Ulrich: Lässt sich das eigentlich noch toppen?
Simon Pickel würde vermutlich sagen: Wir bleiben beim Mozartfest Augsburg auch in Zukunft offen für alles!
Bereits am 10. Dezember steht mit Händels Oratorium »Messiah« ein Wiederhören mit dem RIAS Kammerchor Berlin und der Akademie für Alte Musik Berlin und damit ein weiteres Highlight auf dem Mozartstadt-Kalender fest. Viele treue und neue Fans des Mozartfests dürften traurig sein, dass die Jubiläums-Edition – mit einer Erfolgs- und Auslastungsbilanz von nahezu 100 % – jetzt beendet ist. Mehr als ein Trost mag sein, dass sie wahrlich vollendet ausklingen durfte. Am finalen Sonntagabend krönte und verwöhnte ein musikalisches Luxusprogramm der absoluten Extraklasse mit historisch informiertem Originalklang.
Das Publikum wusste das Privileg zu schätzen, mit Sir John Eliot Gardiner einen weltberühmten Musiker in Augsburg zu Gast zu haben. Der heute 83-jährige, überaus vital wirkende Brite gilt nicht zuletzt als die »Institution« für historisch informierte und akribisch erforschte Aufführungspraxis und damit für eine Spielweise, die versucht, sich an den Gepflogenheiten der Entstehungszeit der Kompositionen zu orientieren. Dazu zählte auch die Tatsache, dass die Solistin Nicola Boud auf einer Rekonstruktion des Instruments von Anton Stadler, dem Freund Mozarts, spielte. Diese so wundersam warm klingende Bassettklarinette hebt sich von der »normalen« Klarinette durch einen größeren Tonumfang im tiefen Register ab und ermöglicht die kontrastreiche Gegenüberstellung der Intervalle. Mit und ohne instrumententechnisches Fachwissen war man schlicht beglückt, wie virtuos und beseelt Boud – besonders im berühmten 2. Satz – ihr Instrument über dem Orchester zum Singen brachte. Das waren die Momente, in denen sich mit Mozarts – oft auch in Filmen genutzter – Melodie die Zeit aufzulösen schien, die innere Stimme pures Entzücken suggerierte.
Die erfrischende Theatralik, mit der Juan Crisóstomo Arriagas eher sehr selten gespielte Sinfonie in D-Dur zum Auftakt die Hörer*innen überraschte, bot reichlich Gelegenheit, um die markanten Charakteristika – u. a. rasche Tempi und hohe tänzerische Energie – von Gardiners Dirigierkunst zu bewundern, die spürbar auch die Mitglieder seines »Constellation Orchestra« – auffallend weiblich, auffallend jung besetzt! – inspirierte. Und vielleicht war man dann einfach schon zu überwältigt von derart unerhörtem Wohlklang, um auch noch Joseph Haydns im Jahr 1768 komponierte Sinfonie Nr. 49 f-Moll mit voller Aufmerksamkeit zu würdigen. Ihr Beiname »La passione« deutet eher auf die emotionalen Fliehkräfte hin, mit denen Haydn existentielle Schicksalsschläge musikalisch wendungsreich nachempfand, denn auf romantische Leidenschaft. Wie schön, dass das finale »Presto« so mitreißend intoniert wurde, dass es sich nach dem euphorischen Schlussbeifall auch als Zugabe bestens eignete!