Ergreifend!
Schlagkräftig war beim Herbstkonzert des Schwäbischen Jugendsinfonieorchesters (sjso) nicht allein der Übertitel »Kino für die Ohren«!
Die 80 jungen Musiker*innen unter der Leitung von Carolin Nordmeyer bewiesen im Kongress am Park überaus eindrucksvoll, dass sie solistisch brillieren und im »tutti« musikalische Spannungskurven von der ersten bis zur letzten Sekunde auf höchstem Niveau zu halten vermögen.
Nein, sie ritten eben nicht einfach mit auf der Welle der seit Jahren populären Filmmusik-Konzerte! Mit »Kino für die Ohren« traf die Headline des diesjährigen Herbstkonzerts dennoch ins Schwarze und damit mitten ins Herz des Publikums, das sich gerne berauschen und mitreißen ließ von der melodramatischen Wucht und den ganz großen Leidenschaften, die in den zwei Werken stecken. Nino Rotas ungemein bildkräftige, kurzweilige, mal melancholisch-süße, mal jazzig instrumentierte, mal folkloristisch zupackende Komposition basiert auf seiner für den berühmten Oscar-prämierten Filmklassiker »La Strada« (1954) geschriebenen Musik und wurde 12 Jahre später zu einer mehrsätzigen Konzertund Ballettsuite kompiliert. Rota selber beschrieb seine Musik als Mischung von »ein wenig Nostalgie, viel herzlichem Humor und Optimismus«. Sergei Rachmaninow (1873–1943) dagegen musste sich schon zu Lebzeiten gegen das (Vor-)Urteil von Kollegen und Kritikern zur Wehr setzen, die seine Musik als zu »Hollywood-like« verunglimpften. Richard Strauss ging gar so weit, sie als »gefühlvolle Jauche« zu bezeichnen. Seine zu Beginn des 20. Jahrhunderts komponierte 2. Sinfonie führte seine Hörer*innen schwelgerisch und ergreifend durch ein emotionales Hochgebirge – der betörend in Noten gefasste Spiegel seiner spätromantischen Seele. Leitmotivisch raffiniert und dank betörender Steigerungen in allen Instrumentengruppen wurden Leidenschaft, Schönheit, Verzweiflung und Erlösung sinnlich im Moment miterlebbar. Kein Wunder also, dass der Schlussbeifall »episch«, der Jubel euphorisch war. Einmal mehr hatte das sjso als »musikpädagogisches Exzellenz-Projekt des Bezirks Schwaben« deutlich gemacht, auf welch hohem spieltechnischen Niveau es inzwischen angekommen ist. Und welch fantastischen Job Carolin Nordmeyer seit 2018 am Pult macht, indem sie Anspruch und Ansporn auch in der Programmwahl klug und umsichtig ausbalanciert. An der Aufmerksamkeit, der Hochspannung, der Energie auf dem Podium, an der Qualität der Interpretation, die raumübergreifend war, ließ sich noch Wesentlicheres ablesen. Hörbar und sichtbar wurde insbesondere, wie intensiv sich diese 80 jungen Menschen, die im Rahmen der Probenphasen von Profimusiker*innen gecoacht werden, sowohl mit dem Klangkörper als auch mit den aufs Programm gesetzten Werken identifizieren. Hochmotiviert meisterten sie an diesem Abend nicht allein die Partituren. Sie gaben nicht nur im Miteinander des Tuttiklangs ihr Bestes, sondern meisterten auch virtuos die vielen prägenden Solo-Passagen – ob Violine, Trompete, Celesta bei Nino Rota, ob Klarinette im berückenden »Adagio« Rachmaninows, ob im Schlagwerk, wo in beiden Werken verlässlich rhythmische Impulse gesetzt wurden. Bravo und bis zum nächsten Jahr – wir freuen uns jetzt schon auf das Frühlingskonzert dieses so hochmotivierten sjso!
Weitere Informationen unter: www.sjso.bezirk-schwaben.de