Theater & Bühne

Strenge und Disziplin

Lange mussten die Zuschauer*innen auf die Premiere von »In der Strafkolonie« warten – nun ging sie endlich über die Bühne.

Durchaus neugierig machte die musikdramatische Kombination aus Kafka und Philip Glass als einem der bekanntesten Vertreter der »minimal music« – nicht nur, weil die Premiere der Kammeroper »In der Strafkolonie« schon zweimal verschoben werden musste. Wie würde die Inszenierung zum Beispiel den in der literarischen Vorlage dezidiert beschriebenen Tötungsapparat um- bzw. einsetzen, wie ging Glass als Opernkomponist vor, um den »kafkaesken« Dialog über Schuld und Sühne zu vertonen? Der von (zu) hohen Erwartungen geprägte Premierenbesuch erforderte auf beiden Seiten hohe Konzentration und war somit durchaus anstrengend, was aber den starken Premierenbeifall nicht beeinträchtigte.

Wer darauf vertraute, dass die von den beiden Protagonisten gesungenen Librettotexte von Rudolph Wurlitzer, die vom Englischen ins Deutsche »zurückübersetzt« wurden, hinreichend Licht in die kafkaeske Düsternis der im Jahr 2000 in Seattle uraufgeführten Kammeroper bringen, hatte das Nachsehen. Es lohnt sich also, vor dem Premierenbesuch die Originalerzählung zu lesen, um die wesentlichen Details der grotesken Konfrontation zwischen »Offizier« und »Forschungsreisendem« in Gänze nachvollziehen zu können. (Auf Übertitelung wurde verzichtet!)

Neben der »Aufgabe«, das Kostümbild von Florian Parkitny als womöglich ironisierenden Beitrag zur Genderdebatte  zu dechiffrieren, forderte auch der typische Glass-Sound Geduld und Gehör heraus. Der Komponist selbst definierte seine für ein Streicherquintett geschriebene Partitur, die sich unter der energischen Leitung von Ivan Demidov verdichtete, als »Klangwetter, das sich dreht, umkehrt, umhüllt, entwickelt« und Herz und Motor des Folterapparats sein soll. Bald entwickelte dieses mit »hypnotisch« umschriebene,  atmosphärische Grundrauschen, das nur selten eine Verbindung zu den Sängerpartien herstellte, aber die Tendenz zur nervigen Monotonie. 

Die Handlung der 1919 erstmals veröffentlichten Erzählung »In der Strafkolonie« lässt sich kurz etwa so zusammenfassen: Ein Forschungsreisender wohnt den Vorbereitungen zu einer Hinrichtung bei und wird von dem dafür zuständigen Offizier mit den Foltermethoden und Abläufen der komplexen Exekutionsmaschinerie vertraut gemacht. Konstruiert wurde der »Apparat« vom einstigen Kommandanten, dessen Erbe sich der Offizier mit Leib und Seele verpflichtet. Da der Bestrafungsprozess beim neuen Kommandanten in Ungnade gefallen ist, hofft der Offizier jetzt auf die Fürsprache des Besuchers. Als dieser seine Unterstützung verweigert, will sich der Offizier selber »opfern«, der Apparat aber versagt. Der Forschungsreisende verlässt die Insel.

Als Glass seine Oper schrieb, interessierten ihn an der literarischen Vorlage insbesondere die »moralische Umkehrung« des Offiziers und damit ein immer wieder thematisiertes Täter-Opfer-Psychogramm. Aileen Schneider, die von 2017 bis 2020 als Regieassistentin am Staatstheater engagiert war und jetzt an der Oper Frankfurt arbeitet, fokussierte sich als Regisseurin im Zusammenwirken mit ihrem Ausstattungsteam auf ein pervertiertes System, das entsprechendes »Personal« voraussetzt, das Strenge mit Disziplin vorschützt. Dazu nutzte sie eine in Lachs- und Goldfarbe getauchte Bild- und Symbolsprache, die jedoch die psychologischen Abgründe zu plakativ machte. Der Apparat ist der der zweistöckige, nach vorn geöffnete  Bühnenturm, in dessen »Bauch« das Streicherquintett agiert. Oben deuten ein Mega-Karabinerhaken und ein paar Gummischläuche die Foltermöglichkeiten an. Schneider vertraute wie viele Kolleg*innen vor und sicher auch nach ihr auf den Einsatz einer Videokamera und damit auf die filmische Verdoppelung, Vergrößerung und Verzerrung, um ihre Sicht auf das (Unrechts)-System in dieser Strafkolonie und andernorts zu verdeutlichen. Die Obsession des Offiziers für die Maschine, die Schuld und Vergehen in die Haut ritzt, war sexuell aufgeladen und wurde von Wiard Witholt im bodenlangen Plissee-Offiziersrock (der manche Stolperfallen bereithielt) mit Gespür für das Doppelbödige seiner Figur sehr intensiv verkörpert.  Als Repräsentant einer stark ritualisierten Welt genießt er die gottgleiche Allmacht, die eben nur dann Bestand in der Zukunft hat, wenn er den smarten Forschungsreisenden für das unmenschliche Strafverfahren begeistern kann. Doch der versteckt sich aalglatt hinter Auftrag und Funktion, bleibt analytisch korrekt, ein wenig irritiert und letztlich doch lieber außen vor. Roman Poboinyi baute rasch Kontakt zum Publikum und knisternde Spannung auf und bewältigte den Spagat zwischen Faszination, Interesse und Abscheu mit eindringlicher tenoraler Schärfe und darstellerischer Intensität. Nicht minder eindrucksvoll agierte Thomas Berchtold in seiner stummen Rolle als Verurteilter, der sehr lange am großen Haken baumeln musste! 

www.staatstheater-augsburg.de

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