Theater & Bühne

Bitte endlich Schluss mit Videotheater!

a3kultur-Autorin Renate Baumiller-Guggenberger reicht es!

Allmählich reicht es (mir)! Daher verzichte ich an dieser Stelle auch ganz bewusst auf eine »konventionelle« Opernpremierenkritik zur jüngsten Musiktheaterproduktion des Staatstheaters Augsburg »La clemenza di Tito«. Die Sänger*Innen und das Orchester unter Leitung von GMD Domonkos Héja waren – dies sei unbedingt angemerkt – einmal mehr ausgesprochen überzeugend! »Der Rest ist Schweigen«... (Hamlet, 5. Aufzug, 2.Szene)

Als Theaterwissenschaftlerin und Theaterliebhaberin, als Kritikerin und als »ganz normale« Theaterkonsumentin breche ich stattdessen entschieden und in der Tat ein wenig verzweifelt ob der seit Jahren herrschenden Redundanz von Videoprojektionen im Theater hier eine verbale Lanze für die »gute, alte« Kultur des puren, analogen und videobefreiten Theaters.

Sind wir denn nicht alle hinreichend in die Info-und Bilderfluten medial-digitaler Welten involviert? Es gibt sensationelle Kinofilme, ausgezeichnete Netflix & Co.-Serien, Videokunst im Museum, Fernsehen auf tausend Kanälen, Videogames, Youtube…etc. Alles gut und wichtig. Und genau daher kann das Theater, das sich schon immer schon über das einmalige und originäre LIVE-Erleben legitimierte – sein USP quasi -, sich damit auch von anderen Unterhaltungsformaten abhob, eine nötige mediale Auszeit sein. Es kann seinen Besuchern die Chance und den Raum öffnen, für einige wenige Stunden zu »Ruhe« und Besinnung zu kommen, die eigene Fantasie zu aktivieren, um das fortzuspinnen, weiter zu fühlen, was uns über die Dramentexte und/oder Opernpartituren im professionellen Spiel der Bühnenakteure vermittelt wird. Dazu brauche ich keinerlei weiteren »Video-Firlefanz«, keine Projektionswände, die permanent und penetrant verdoppeln, verzerren, mir weitere Meta-Bedeutungsebenen suggerieren, die Regisseur*Innen unbedingt neben dem »eigentlichen« Inhalt auch noch mitkommunizieren wollen. Assoziieren kann ich als mündiger Zuschauer auch mit meinem Kopf!  Wann also gibt es in Augsburg wieder Theater zu erleben, in dem die Macher auf dessen ureigene »Kernkompetenz« vertrauen? Live und »analog« ist gut gemacht alles andere als gestrig, fad oder konventionell. Gute Schauspieler*innen, gute Sänger*innen vermögen Dialoge und Stücke, Partituren, Opernrollen, Arien(texte) überzeugend und Spannung oder Nachdenken oder gar Vergnügen und Genuss erzeugend umsetzen in Sprache und Ton. Wozu gibt es denn den immensen Fundus alter und moderner Dramen? Allmählich sollten sich doch wirkliche alle ausgetobt haben, sollte jegliche Experimentierlust mit Projektion und Handkamera, mit Videoeinblendung auf, hinter, unter oder über der Bühne schon befriedigt sein. Bei allem Verständnis für das Interesse am Auf-und Ausbau der digitalen Sparte vor, während und nach Corona, bei allen »Ausreden« in Bezug auf das limitierte Bühnenbild-Möglichkeiten im Martini-Park: Bitte liebe Theatermacher*innen, vertraut auf die Wirkung und Qualität und die Zaubermacht der videofreien Guckkastenbühne, auf das Können der Dramatiker und Komponisten und Darstellenden in allen Sparten, erspart uns den Overkill unserer Sinne, lasst uns in Ruhe zuhören, hinhören, wahrnehmen. Es kann nicht sein, dass ich nach jedem Theaterbesuch in Augsburg erschöpft, gestresst nach Hause gehe und verärgert weit mehr denn angeregt bin. Wie oft wurde denn gerade in der Pandemie-Theaterpause das Defizit des LIVE-Erlebens moniert? Jetzt wäre das alles wieder möglich: Sinnliches Theater, Berührung durch die Kunst des Spiels und die Unmittelbarkeit des Erlebens.

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es bald eine TREND-Wende gibt, dass mich ein Theaterabend wieder staunen lässt über grandiose Figurengestaltung und raffiniert geschriebene und entsprechend inszenierte Werke! 

Mehr zur Premiere des Staatstheaters finden Sie hier: https://a3kultur.de/positionen/il-video-di-tito

 

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