Unendliches Wasser – endliche Tastatur
Fast wie gemacht für mobile Spielorte und Schulen feierte das Ein-Mann-Musical »Novecento – Die Legende vom Ozeanpianisten« am Montag seine Premiere an der Heinrich-von-Buz-Realschule.
Mit allen Ozeanwassern gewaschen schrieb der italienische Autor Allessandro Barrico 1994 eine durchaus poetische Erzählung über den fiktiven Ozean-Pianisten namens »Danny Boodman T.D. Lemon Novecento«. Das Talent wurde ihm zwar nicht in die berühmte Wiege gelegt, dennoch spielt der Ort, an dem ihn seine Eltern zurücklassen, die ganz wesentliche Rolle für sein späteres Dasein: Der Schiffsmaschinist Danny Boodman nämlich entdeckt das Findelkind ziemlich genau zu Beginn des Jahres 1900 in einem Zitronenkarton auf dem Deckel eines Klaviers auf der »Virginian«. Der Beginn eines wundersamen Pakts!
So wächst der fortan Novecento genannte Junge auf dem zwischen Europa und Amerika pendelnden Passagierschiff heran, das er zeitlebens nicht mehr verlassen wird. Autodidaktisch entwickelt er sein virtuoses Klavierspiel, dessen Magie sich kein Zuhörer je entziehen kann. Er wird Bandleader auf dem Schiff, beobachtet Leben und Leiden auf den Decks, fantasiert sich die weite Welt des Festlandes allein über die Erzählungen der Passagiere zusammen. Seine gute Menschenkenntnis ist geprägt von seiner Fähigkeit, in den Gesichtern zu lesen.
Der Unendlichkeit der Welt zieht der introvertierte Mann, der nicht selten als »wahnsinnig« deklariert wird, die Verlässlichkeit seiner Räume im Bauch des Schiffs vor. Voller kindlicher Freude tanzt er mit dem Klavier auf den Wellen des Meers, liebt die präzisen Maße, die er eben auch in den 88 Tasten seines ihm so vertrauten Instruments vorfindet, denn »…in diesen Tasten ist die Musik unendlich, die Du machen kannst!«. Sein einzigartiges pianistisches Können ruft einmal gar den legendären Jazz-Musiker Jelly Roll Morton auf den Plan, der sich mit Novecento in einem Klavierduell messen will, das er dann natürlich verliert. Als die »Virginian« ausgedient hat und nach dem 2. Weltkrieg in Plymouth gesprengt wird, scheint es konsequent, dass der Ozeanpianist gemeinsam mit seiner Heimat untergehen will. Soweit der Plot…
1998 wurde die Erzählung mit Tim Roth in der Rolle des Pianisten sehr berührend verfilmt. Jetzt brachte das Staatstheater die Bühnenadaption, die offiziell als »Ein-Mann-Musical« firmiert, als mobile Produktion heraus, um sie vornehmlich an Schulen zu präsentieren. Die Musik stammt von dem österreichischen Komponisten Charles Kálmán (1929-2015). Die Songs pendeln sich nicht wirklich zündend im Zwischenbereich von leicht angestaubter Jazz-Operette und Chanson-Musical ein, fordern dennoch ein hohes Maß an tenoraler Substanz und darstellerischem Charisma ein. Über beides verfügt der australische Tenor Pascal Herington, der neben dem Megapensum an deutschem Text auch die akustischen Konditionen der Schulaula meistern musste, in seiner Rolle als Tim Tooney, der als empathischer Freund und hymnischer Bewunderer rückblickend das wohl nur vermeintlich tragische Schicksal von Novecento für die Nachwelt weiterträgt.
Ihm zur Seite agierte als zunächst stumm am Klavier begleitender Novecento Volker Hiemeyer (alternierend besetzt mit Michael Wagner als musikalischem Leiter der Produktion), dem zur musikalisch glaubwürdigen Verkörperung des Klavierzauberers lediglich ein klanglich mäßiges E-Klavier in einer Flügelattrappe zur Verfügung stand. Beim jungen Publikum – sicher sinnvoll erst ab 8. Jahrgangstufe – kam die »Zwei-Mann-Show« gut an, in der Regisseur Tizian Lukas Olivieri gemeinsam mit den beiden Darstellern und seiner cleveren Bühnenbildnerin Amelie Ottmann schlüssig in die kleine und wunderbaren Welt des Ozeanpianisten eintauchte.
Bild: Szenenbild »Novecento« | Foto: Jan-Pieter Fuhr