Das Staatstheater Augsburg und das Sensemble Theater sind die wohl bekanntesten Theaterinstitutionen in Augsburg. Doch was gibt es darüber hinaus? Was macht die Theaterlandschaft in dieser Stadt vielfältig? Bei meiner Recherche bin ich auf das Utopia in Action-Kollektiv (UiA) gestoßen, das Theater handlungsorientierter denkt. Ich habe mich mit Nina Roob und Rosa Koeniger zum Gespräch getroffen und über einen mir bis dahin unbekannten, aber wertvollen Ansatz des Theatermachens gesprochen.
»Alles ist seltsam«
Was tun in den letzten Stunden vor dem im Traum angekündigten Weltuntergang? In Anwesenheit des katalanischen Komponisten Agustí Charles wurde die Kammeroper »The Last Night of the World« am Freitagabend vom Staatstheater Augsburg auf der Brechtbühne im Gaswerk uraufgeführt.
Eine aktuelle Kammeroper, die im Titel schon die letzte Nacht der Welt androht, kann wohl kaum anders als verstörend sein. Schnell wurde deutlich, dass und wie in dieser Hoffnungslosigkeit universell alles mit allem verbunden ist. Nach knapp zwei Stunden auditiver Irritation und unterdrücktem Fluchtinstinkt und einer Inszenierung (Jorinde Keesmaat), die das emotionale Chaos der involvierten Figuren gemeinsam mit Ausstatter Nico de Rooij ins Außen übertrug, kann man den theatereigenen Vorankündigungstext bestens verstehen: »Der Schein völliger Kontrolle wechselt sich mit einem Gefühl der Orientierungslosigkeit und des Ausgeliefertseins ab.« Dieser Satz bezieht sich ursprünglich auf das Kompositions-Konzept von Agusti Charles (*1960), der mit reichlich Elektronik, Verzerrung und Verfremdungen arbeitet. Zudem experimentiert er ausgiebig mit Stimmpotential und erweiterten instrumental-technischen Dimensionen.
Hochmotiviert und virtuos stellten sich neben Sopranistin Jihyun Cecilia Lee, Mezzo Luise von Garnier, Tenor Claudio Zazzaro sowie dem Bassbariton Isaac Tolley eine Violinistin, ein Cellist, eine Klarinettistin, eine Flötistin, zwei Schlagzeuger und eine Harfenistin in den künstlerischen Dienst dieses komplexen Soundscapes.
Präzise angeleitet konnten sie hier auf Sebastiaan van Yperen vertrauen, der angesichts dieser »irren« Partitur einen Hochleistungsakt vollzog. Gemeinsam generierten sie eine inhaltlich stimmige, weil alptraumähnliche, gefährlich schräge, nervös-überreizte Atmosphäre, die jedoch ein klassisch sozialisiertes Ohr bei aller Aufgeschlossenheit für zeitgenössisches Musiktheater extrem strapazierte. Dazwischen blitzten nahezu sakral anmutende Momente der Ruhe oder Besinnung auf, waren in den kurzen sängerischen Passagen durchaus spannende Melodiebögen zu entdecken. Meist dann, wenn die Todesgedanken der Protagonist*innen in vage Zitate von Johannes Brahms‘ »Deutsches Requiem« und anderer Komponisten wie etwas Henry Purcell mündeten oder die Zeilen des Refrain-artig auftauchenden Gedichts von »There Will Come soft Rains« aus dem Jahr 1918 vertont wurden.
Den Worten, die an einer Stelle im englischen Libretto auftauchten, konnte die Autorin irgendwann seufzend zustimmen: »Alles ist seltsam«, um sich dann mit ins Notizbuch gekritzelten Kommentaren wie »Klangtheater für Masochisten« oder »eso-hysterischer Klangschalen-Fantasien« abzulenken. Dabei ist die Basisidee der Kammeroper definitiv schlüssig und vielversprechend, geht es doch um nichts weniger als die Frage nach dem Sein oder Nicht- Sein von uns Menschen auf der Erde, die zu zerstören wir längst auf dem besten Weg sind.
Was tun, bzw. wie stellen sich sechs Paare der alarmierenden Hiobsbotschaft, dass ihnen nur noch wenige Stunden verbleiben, dass in dieser Nacht noch das Ende der Erde bevorsteht? Im minimalistischen Libretto von Marc Rosich, der sich von Kurzgeschichten von Ray Bradbury inspirieren ließ, bleiben die Figuren relativ unscharf konfiguriert, halten so auch den Zuschauenden auf Distanz. Parallel zu anderen Stress-Bewältigungsstrategien verleugnen und verdrängen sie, verkriechen sich, (ver)stricken sich weiterhin am vermeintlichen Lebenswerk, werden wütend oder freuen sich auf ein letztes gutes Dinner oder die lange für die besondere Gelegenheit aufbewahrte Flasche Wein oder sorgen sich um die Kinder. Sie scheinen sich mit dem Unausweichlichen nicht wirklich auseinandersetzen, die Kontrolle behalten zu wollen, auch wenn es immer wieder bedrohlich irrlichtert und flackert. Am Ende finden die Vier irgendwie doch zusammen, kauern gemeinsam am Boden, suchen aneinander Schutz und Zuflucht in Erwartung der Katastrophe.
Eine Punktlandung in puncto »Aberwitzig«-Spielzeitmotto – eine Kammeroper, die gewöhnungsbedürftig ist und als kreativer Beitrag zum menschengemachten Klimawandel ihre Berechtigung hat. Wie der Essay im lesenswerten Programmheft stellt sie die Frage nach dem Zeitpunkt, an dem der »symbolischen Tropfen die Weltmeere zum Überlaufen bringt«.
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