Alte weiße Frau
Mit ihrem feministischen Liederabend im Alten Rock Café macht sich die Schauspielerin Natalie Hünig auf umwerfende Art »nackig«. Als »Alte weiße Frau« ist sie viel zu stark, um diese Produktion nicht auch andernorts und damit noch viel öfter zu zeigen!
Bislang wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, Natalie Hünig als »alte weiße Frau« zu bezeichnen. Auch dass sie Jahrgang 1974 ist und damit rein biologisch mit dem Phänomen rund um die leidige Menopause konfrontiert ist, mag man kaum glauben. Sie sprüht vor Energie und kann es sich bestens leisten, sich »nackig« zu machen – selbst wenn das Thema körperlicher Diskriminierungserfahrungen sehr zu Recht seinen Platz im Programm bekommt. Hünig hat Kolleginnen gebeten, ihr dazu kurze Erlebnisberichte zu schicken – einige davon werden vorgelesen, andere hängen an der Säule im voll besetzten Alten Rock Café, wo in einem großen Glasbehälter auch mikrofeministische Interventionen zum Mitnehmen im Angebot sind. Beispiel gefällig: »Im Meeting zuerst Frauen nach ihrer Meinung fragen oder die Männer unterbrechen, die besonders gerne Manterrupting betreiben.« Danke – wird demnächst gerne angewendet!
Während wir vielfach dazu neigen, die »alten weißen Männer« zu meiden oder zumindest mit Vorsicht zu genießen, dürfen wir uns getrost auf die Erkenntnisse und Erfahrungen verlassen, die in einem engagierten Leben als Schauspielerin und zweifacher Mutter gesammelt wurden. Wir dürfen staunen, lachen, den Kopf schütteln, berührt oder bewegt sein von all den geistreichen, tiefgründigen, nachdenklich stimmenden Weisheiten, die in Liedern oder kurzen Prosatexten kompiliert und überzeugend zum Ausdruck gebracht werden. Wir dürfen uns ein Beispiel nehmen an ihrem fraulichen Selbstbewusstsein und der Kunst, die längst selbstverständliche Gleichheit von Frau und Mann in einer intimen Performance köstlich auch zu »Mambo-isieren«!
Somit hätte man eigentlich nur das »ß« im Adjektiv weiß mit einem »s« ersetzen müssen, um diesen starken Liederabend korrekt zu überschreiben! Großartig, dass sich Natalie Hünig dazu entschieden hat, die auf dem Presseball entdeckte Band von Vicky Leandros mitzunehmen (Spaß!) und sich musikalisch auf den männlichen Elan, den Groove und die rhythmische Finesse des Part-Time-Trios Tilmann Herpichböhm, Stefan Leibold und Philipp Heuermann einzulassen. Die begleiten sie gekonnt, die fantastisch flexibel und ausdrucksstark – wo nötig auch persiflierend – zur Gitarre singt. In rasend-absurde Kostümwechsel gepackt, lädt Hünig ihr nicht rein weibliches Publikum auf die rockige Abenteuerreise ihrer eigenen feministischen Sozialisation ein. Legendäre Singer-Songwriter-Hits wie »Like The Way I Do« von Melissa Etheridge, Tori Amos’ »Cornflake Girl« oder Alanis Morissettes »Ironic« geben Ton und Richtung vor, aber auch Bonnie Tylers »Holding Out for a Hero«, das am Ende berührend intensiv interpretierte Lied von Alin Coen »Ich war hier« sowie »Keren Or« der israelischen Sängerin Noa Kirel steuern wertvolle Facetten und Farben bei.