Literatur

»Anfangen, die Kisten auszupacken«

Gudrun Glock
8. Dezember 2020

»Ich lass' die Dinge aufeinanderprallen. Das soll keine Provokation bedeuten, Provokation wäre trivial, sondern eher eine Art Erfrischung.«

Aino Laberenz, Ehefrau und Mitarbeiterin von Christoph Schlingensief, hat mit den Aufzeichnungen aus Gesprächen und Interviews mit Schlingensief, einen einzigartigen Einblick in dessen Leben
geschaffen. »Christoph wollte, dass man sich seine Arbeit möglichst unvoreingenommen ansieht und sich bis zum Ende darauf einlässt«, sagt Laberenz und fügt an: »Was er von sich selber eingefordert hat, erwartete er auch von seinem Gegenüber«. So ist ein sehr differenziertes, komplexes und nachvollziehbares Bild entstanden, von dem Mann, der vielen das Klischee vom abgefahrenen, verzottelten und wirren Provokateur gegeben hat.

In chronologischer Anordnung, von seinem Kinodebut »Tunguska – die Kisten sind da« von 1984 bis zu seinem letzten Interview mit Max Dax von der Musik- und Popkulturzeitschrift »spex« 2010, in dem er unumwunden erklärt, »ich habe geklaut«, wirft das Buch Streiflichter auf jedes Genre, das Schlingensief bedient hat, seine Intention und Motivation.

Wo die einen ihm eine bescheidene Jugend nachsagen, um sich die Düsternis seiner Filme zu erklären, winkt er ab. Er besteht darauf, dass es ausschließlich um Kraft, Energie und Rhythmus gehe, keineswegs um Provokation. »Ich will ja niemand reinigen, sondern mit Kräften spielen.« Das muss man auf sich wirken lassen und nicht jeder hat das verstanden. Sehr oft muss ich schmunzeln. Über die herrlichen Statements dieses Künstlers, der sich jeglicher Einordnung entzieht. Über seine Konzepte, die einzig dazu dienen keine zu sein. Und über mich, die Leserin, die aufgefordert ist einzusteigen, was Schlingensief ganz klar zum Ausdruck bringt: »Die Kisten sind da (…) und jetzt verlange ich vom Zuschauer, dass er mich als Regisseur endlich mal vergisst, als jemand der etwas über den Tisch reicht wie Zucker und Kaffee, sondern jetzt soll der Zuschauer anfangen, die Kisten auszupacken.«

Als er auf seine Krankheit angesprochen wird, sagt er: »Krebs, das merkt man sehr schnell, ist nicht universell. Er ist bei jedem anders.« Genau wie dein schaffen, denke ich mir. Und am Ende brauche ich eine ganze Weile bis ich wieder ganz aufgetaucht bin. Ich habe einem atemberaubenden Menschen näherkommen dürfen – atemberaubend schnell, atemberaubend ehrlich, atemberaubend facettenreich – unvergesslich!

Kein falsches Wort jetzt: Gespräche
Autor: Christoph Schlingensief
Herausgeberin: Aino Laberenz
Kiepenheuer & Wisch
Erscheinungstermin 20.08.2020
336 Seiten
ISBN: 978-3-462-05508-5

www.kiwi-verlag.de

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