Die Frauen und Brecht

28. Februar 2021 - 13:58 | Anna Hahn

Der zweite Abend des Brechtfestivals präsentierte unter anderem ein Konzert der »Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot«, Stefanie Reinsperger mit »Ich bin ein Dreck«, Corinna Harfouchs Kurzfilm »Fabriktagebuch/Die Mutter« und einen Beitrag von L-Twills zu Inge Müller.

Gespenstisch still sind die Straßen Augsburgs im Winter 2021. Bis die Musiker*innen der »Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot« die Stadt mit ihrer Musik wiederbeleben. Als ersten Beitrag des gestrigen Abends zeigte das Brechtfestival Bert Zanders Kurzfilm »In diesem Lande und in dieser Zeit…«. Zander projizierte das Konzert auf zum Teil wohl bekannte Wände, Häuserfassaden oder Innenräume der Stadt, und brachte so die Kapelle ins Zentrum von Augsburg. Ein beschwingter, stimmungsvoller Auftakt in einen vielseitigen Kulturabend.  

Suse Wächters »Helden des 20. Jahrhunderts singen Brecht« sind fantastische Kurzbeiträge, die wie schon am ersten Festivaltag das Programm bereicherten. Dieses Mal zu Gast im Hysterienspiel der Puppen: Helmut Kohl und Erich Honecker. Sie waren zwei der wenigen Männer des Abends, schließlich wurde der zweite Festivaltag vor allem von Frauen geprägt!

Eine dieser Frauen ist Margarete Steffin, die einst als »wertvollste Mitarbeiterin Brechts« beschrieben wurde. Ihre Forderung »Bert, stell Dir vor, es kämen alle Frauen, die du jemals hattest, an dein Bett« inspirierten die österreichische Schauspielerin Stefanie Reinsperger zu ihrem Kurzfilm »Ich bin ein Dreck« (Foto © Hamdemir & Isletme). Der Film beeindruckt vor allem durch die unglaubliche Schauspielkunst von Reinsperger, die die vielen Frauenrollen in dem Film selbst übernahm und grandios darstellte.

Festivalleiter Jürgen Kutter machte im vorab stattgefundenen Studiotalk deutlich, dass alle Künstler*innen freie Hand bei der Entwicklung ihrer Werke für das Festival hatten. Die herausragende Schauspielerin Corinna Harfouch, die bereits 2020 beim Festival zu Gast war, entschied sich für eine Lesung und Theaterdarstellung besonderer Art. Harfouch las abwechselnd aus Simone Weils »Fabriktagebuch« und spielte Szenen aus Brechts »Die Mutter« vor. Hierfür verwendete sie kleine weiße Flachfiguren aus Papier, die vor schwarzer Kulisse agierten. Aus zwei Werken machte Harfouch kurzerhand einen besonderen, aufwühlenden Kurzfilm.

Als letzte Premiere des Abends stand L-Twills’ »Rhythm Imprint 04: Inge, raise us from the dead!« auf dem Programm. Die Künstlerin widmete sich in ihrem beeindruckenden Werk der Dichterin Inge Müller, Ehefrau des Dramatikers Heiner Müller, die sich 1966 das Leben nahm. Im Film wird Inge Müller interviewt, inmitten einer surrealen Welt mit einer einzigartigen Klangkulisse. Unheimlich berührend und sehenswert – wie alle Beiträge an diesem Abend!

www.brechtfesitval.de

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