Politik & Gesellschaft

Halb voll oder was?

Gastautor

Wie sieht die Zukunft aus? Und wie nachhaltig ist eigentlich Augsburg? Im zweiten Teil der Reihe »Nachhaltigkeitsmaschine« sind wir im Interview mit Wiebke Kieser und Dr. Norbert Stamm diesen und weiteren Fragen auf den Grund gegangen.

Eduardo Galeano, Journalist und Schriftsteller: »Utopia taucht am Horizont auf. Ich gehe zwei Schritte darauf zu, und es entfernt sich zwei Schritte. Ich gehe weitere zehn Schritte darauf zu, und der Horizont zieht sich zehn Schritte zurück. So weit ich auch gehe, ich werde ihn nie erreichen. Welchen Sinn hat dann die Utopie? Ganz einfach: dafür zu sorgen, dass wir weitergehen.« Ähnlich wie Galeano sehen es auch Dr. Norbert Stamm und Wiebke Kieser, die Teil des Nachhaltigkeitsbüros in Augsburg sind. Wir sprachen über die nachhaltige Entwicklung in Augsburg, von Gemeinschaft und Zusammenarbeit und warum die beiden positiv in die Zukunft blicken.
 
a3kultur: Glauben Sie, Augsburg ist beim Thema Nachhaltigkeit gut aufgestellt?

Norbert Stamm: Das ist wie mit dem halb vollen Glas … Der reine Nachhaltigkeitsprozess ist hier sicher weiter als in vielen anderen deutschen Städten. Wir haben den Anspruch, eine lokal und global sowohl umwelt- als auch menschengerechte Entwicklung zu schaffen. Wir sind zwar auf dem Weg, aber noch lange nicht am Ziel.
Wiebke Kieser: Augsburg hat die großen Vorteile, dass es so viele Initiativen gibt und die Vernetzung auch ziemlich gut funktioniert. Die Lokale Agenda bietet hierfür eine gute Plattform. Das ist eine besondere Stärke.
Norbert Stamm: Ja, die Vernetzung zwischen Stadtverwaltung, Zivilgesellschaft und engagierten Unternehmen funktioniert sehr gut und vor allem auf Augenhöhe. Wir möchten uns auf die Gemeinsamkeiten und die Stärken konzentrieren und so unser Ideal der kooperativen Stadt leben.

Zukunftsleitlinien für Augsburg

Als Grundlage des Nachhaltigkeitsprozesses in Augsburg dienen die Zukunftsleitlinien, diese sind jedoch sehr unkonkret formuliert – warum?

Wiebke Kieser: Wären sie konkreter, wären sie uferlos. Wir sehen sie wirklich nur als Leitlinien. Wir haben damit den Rahmen gespannt, die Fachbereiche, sollten diese vertiefen und sich konkrete Ziele und Maßnahmen überlegen. Wir möchten Maßnahmen in der Stadt sammeln und so auch besser transparent machen, was auf die Zukunftsleitlinien folgt.
Norbert Stamm: Sie sind motivierend und diskursfördernd. Das Gegenbild wäre absolutes Controlling.

Gibt es gar keine Kontrollpunkte?

Norbert Stamm: Wir überlassen es den einzelnen Bereichen, die konkreten Ziele zu formulieren. In der Stadtpolitik ist das zum Beispiel der Stadtrat. Wir haben das gerade sehr gut am Thema Klimaschutz gesehen, da hatten wir schon ein Ziel. Das ist damals entstanden, als die Stadt Augsburg dem »Klima-Bündnis« vieler europäischer Kommunen mit den Bewohner*innen der Regenwälder beigetreten ist. Das europäische Klima-Bündnis hat ein klares Ziel: Reduzierung der CO2-Emission um 50 Prozent, gemessen am Ausgangsjahr 1990. Jetzt hat der Stadtrat auf Initiative des Klimacamps und des Nachhaltigkeitsbeirats dieses Ziel verschärft – konkret dürfen insgesamt 9,7 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen werden, ohne zeitliches Limit. So geht es im Idealfall. Nicht wir als zentrale Kontrollinstanz bestimmen das konkrete Ziel, sondern aus den Zukunftsleitlinien werden in verschiedenen Bereichen konkretere Ziele entwickelt. Allerdings haben wir 95 Indikatoren, wie zum Beispiel den Flächenverbrauch. Die Bundesregierung hat festgelegt, dass 30 Hektar pro Tag im Jahr das nationale Ziel ist. Das heißt für Augsburg, dass entsprechend seinem Anteil an der Fläche Deutschlands 4,5 Hektar im Jahr verbraucht werden dürfen.
Wiebke Kieser: Der Wunsch, dass die Ziele konkreter formuliert sind, wodurch sie dann messbarer werden, wird öfter an uns herangetragen. Ich glaube, das entspricht dem Wunsch zu messen, wie weit man noch von seinen Zielen entfernt ist. Aber man muss bedenken, dass unsere Aufgabe nicht darin besteht, ein hartes Nachhaltigkeitsmanagementsystem mit Kennzahlen für die Stadt Augsburg aufzuziehen, dafür müsste man eine eigene Stabstelle einrichten. Vielleicht kommt das mittelfristig. Aktuell arbeiten wir daran, Räume aufzumachen und Bildungsarbeit zu leisten, Diskussionen anzustoßen und die Leute draußen oder in der Stadtverwaltung und die Stadträte mit unserer Arbeit darauf hinzuweisen, wo es denn Handlungsbedarf gibt.
Norbert Stamm: Wir arbeiten stadtgesellschaftlich, Nachhaltigkeit wäre sonst für eine Verwaltung eine Überforderung. Die Zukunftsleitlinien wurden und werden ja auch nicht von der Verwaltung entwickelt, sondern in einem breiten stadtgesellschaftlichen Prozess.

Wie sieht die Zukunft aus?

Wenn Sie zurückblicken auf den bisherigen Nachhaltigkeitsprozess in Augsburg, welche Erfolge sehen Sie, auf was sind Sie stolz?

Norbert Stamm: Auf die Zukunftsleitlinien, die von relativ vielen Leuten getragen werden. Und dass wir im Augsburger Nachhaltigkeitsprozess die Zusammenhänge herausgearbeitet haben. Die Grundlage ist die Umwelt, die muss von der ganzen Gesellschaft geschützt werden, denn sie bietet für uns die Lebensgrundlage. Innerhalb unseres gesellschaftlichen Tuns ist Wirtschaften ein wichtiger Teil, aber eben nicht der alles umfassende. Um die Gesellschaft komplett abzubilden, dürfen die beiden Dimensionen Soziales und Kultur nicht vernachlässigt werden.
Wiebke Kieser: Ich finde es toll, dass die Akteur*innen sehr lange dabeibleiben. Sie stehen für ein Thema ein, sind offen für den Diskurs und organisieren Veranstaltungen. Immer wieder werden auch neue Themen aufgegriffen, die den Prozess in Bewegung halten.
Norbert Stamm: Dieses Engagement ist auch die Lebensversicherung des Nachhaltigkeitsprozesses.

Wie blicken Sie denn in die Zukunft, wenn Sie die Nachhaltigkeit in Augsburg betrachten?

Norbert Stamm: Ich schaue optimistisch in die Zukunft, aber es gibt auch keine Alternative, wir müssen das machen. In unserer globalen Verantwortung liegen nicht nur die Klimakrise und der Frieden, sondern auch die Frage der gerechten Verteilung von Wohlstand und Lebenschancen und von funktionierender Demokratie. Diese Herausforderung treibt mich an. Es macht mir Mut, die Veränderung zu sehen. Früher waren wir eine kleine Gruppe, fast avantgardistisch, und jetzt steigt das Bewusstsein immer mehr. Vor allem auch in der jüngeren Generation gibt es nicht mehr so ein starkes Streben nach wachsendem materiellen Wohlstand, es werden andere Prioritäten gesetzt.
Wiebke Kieser: Es kann einem schon mal angst und bange werden. Ich denke, das geht uns allen so. Aber das ist ja kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Wir können in unserem Wirkungskreis aktiv werden. Manchmal hat man zwar nur einen gewissen Einfluss, aber wir versuchen immer das Bestmögliche einzubringen, was wir mit unserer Arbeitskraft schaffen können. Ich denke, der Absolutheitsanspruch beim eigenen Handeln, mit dem man manchmal an die Sache herangeht, ist gefährlich.

Haben Sie ein konkretes Ziel, das Sie in den nächsten Jahren noch umsetzen möchten?

Norbert Stamm: Ich möchte, dass noch mehr Leute im Nachhaltigkeitsprozess aktiv sind, denn der Prozess ist umso wirkungsmächtiger, je mehr Leute mitmachen. Das Motto für Augsburg lautet: Wo Nachhaltigkeit gemeinsame Sache ist.
Wiebke Kieser: Die meisten Akteur*innen des Augsburger Nachhaltigkeitsprozesses kommen aus einem bestimmten Bereich der vier Dimensionen Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Ich würde mir wünschen, dass sie diese noch ganzheitlicher denken und neben ihrem Fokus auch die drei anderen Dimensionen berücksichtigen. Ich wünsche mir, dass wir noch stärker in den Diskurs gehen, das Netzwerk noch weiter ausbauen und so noch mehr Leute für das Thema sensibilisieren.
Norbert Stamm: Alles, was jede:r Einzelne tut, hat mit Nachhaltigkeit zu tun. Deshalb geht es darum zu reflektieren, wie man das, was man macht, bei diesen vier Aspekten noch verbessern kann.
Wiebke Kieser: Das ist auch unser Ansatz für die Nachhaltigkeitseinschätzung der Beschlussvorlagen des Stadtrats: dass die ausführenden Kolleg*innen angehalten werden, sich über die anderen Dimensionen ebenfalls Gedanken zu machen. Es ist wichtig, dass man hinterfragt: Was hat meine Beschlussvorlage eigentlich für Auswirkungen auf die anderen Dimensionen?

Weitermachen – es gibt keine Alternative

Wie schafft man es, beim Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit aktiv und positiv zu bleiben?

Wiebke Kieser: Ich bin Optimistin und glaube an das Gute.
Norbert Stamm: Einfach immer weitermachen. Es gibt keine Alternative! Es ist auch bereichernd, dass man es zusammen mit anderen macht. Wenn man es allein machen würde, dann würde man das wahrscheinlich nicht aushalten. Für Impulse, Tipps und Mut machende Beispiele empfehle ich allen die Plattform lifeguide-augsburg.de. Hier gibt es sehr viele Infos zum Thema »nachhaltig leben in und um Augsburg«.

Wenn Sie einen Wunsch an die Bürger*innen äußern könnten, wie sie sich am besten nachhaltig verhalten, wie würde dieser lauten?

Norbert Stamm: Ich fände es schön, wenn die Augsburger*innen sich die Zukunftsleitlinien einmal ansähen.

Und wie blicken wir mit dieser Dokumentation in die Zukunft? Der nächste Beitrag der Reihe »Nachhaltigkeitsmaschine« widmet sich einer der vier Dimensionen der Augsburger Zukunftsleitlinien: Wirtschaft. Gemeinsam mit drei Unternehmen aus der Region sprechen wir über die Umsetzung eines nachhaltigen Konzepts in einem ökonomieorientierten Betrieb: Wie kann man die beiden Aspekte sinnvoll vereinen, welche Schritte muss man gehen und wo gibt es Grenzen?

 

Sehen Sie hierzu auch unsere anderen Beiträge zu diesem Thema:

Die Nachhaltigkeitsmaschine – Teil 1

Die Nachhaltigkeitsmaschine

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