Ich bin gut, ich bin diszipliniert und ich arbeite

24. Dezember 2019 - 10:10 | Marion Buk-Kluger

Einige Tage nach der Premiere seiner neuen Dinnershow »Verführung« traf Marion Buk-Kluger den Star und Gastgeber des Abends Chris Kolonko in seiner Garderobe im Spiegelpalast auf dem Plärrergelände

Varietézeit auf dem Plärrergelände: Chris Kolonko präsentiert mit seiner Dinnershow »Verführung« eine wunderbare Mischung aus Artistik, Musik, Comedy und Kulinarik. Die Premiere war ein Triumph, auch wenn es für den Entertainer und Geschäftsmann ein Heimspiel war. Seit vielen Jahren bespielt er die größten und besten Kabarett- und Varietébühnen, nicht nur im deutschsprachigen Raum. Er entwickelt gefeierte Programme für die großen Touristik- und Unterhaltungsunternehmen. Auch das Konzept der Dinnershows, die gerade vor den Weihnachtsfeiertagen überall boomen, hat er bei den bekanntesten Namen der Branche gelernt, bevor er vor einigen Jahren den Sprung wagte, eine eigene zu entwickeln und umzusetzen. Vielleicht liegt genau in dieser Mischung aus mitreißendem Künstler und wohlkalkulierendem Geschäftsmann die größte Faszination des Chris Kolonko.

Im Scheinwerferlicht bewegt er sich bevorzugt in Damenkleidung. Er tanzt, singt und wickelt in seinen sehr speziellen Moderationen das Publikum gekonnt um seine perfekt manikürten Finger. Hinter der Bühne ist er Arbeitgeber für einige Dutzend Menschen, die alle gemeinsam die Abende im Spiegelpalast zu diesem besonderen Erlebnis machen.

Neben der Küchenbrigade, die unter André Kracht jeden Abend ein Dreigangmenü – in Variation auch für Vegetarier*innen – zaubert, und den Mitarbeiter*innen in Service und Technik stehen für die Gäste vor allem die Künstler*innen, Tänzer*innen und Akrobat*innen im Zentrum des Geschehens. Unter der Regie von Aleks Uvarov präsentiert Chris Kolonko die Dragqueen Colby Belmond und die großartige Sängerin Bridget Fogle. Marina Skulditskaya und die Messoudi Brothers zeigen zwischen den Gängen atemberaubende Artistik, flankiert von Hot Mr. C, Bubbles und den Collins Brothers, allesamt Meister ihres Fachs, der Clownerie. Optisch aufs Beste abgerundet wird das Programm von den Vegas-Showgirls Mariia, Lacey, Katrin und Sophie Louise. Die Stimmung bei der Premiere war großartig, das Publikum zufrieden. Eine erste Verlängerungswoche der Show im Spiegelpalast bis zum 19. Januar wurde kurz vor Redaktionsschluss bestätigt. Und wieder einmal stellt sich die Frage: Wie schafft der Mann das alles?


a3kultur: Wir wissen vom privaten Christian Kolonko, dass er Yoga macht, zwei Hunde hat, seine Zeit aber ansonsten von langen Arbeitstagen geprägt ist. Das Glas Wein zur Entspannung gibt es da oft erst weit nach Mitternacht. Ab frühmorgens heißt es schon wieder: Büroarbeit, Proben … Du bist schon sehr genau, perfektionistisch, allzeit im Business aktiv?

Chris Kolonko: Ja, bin ich, in einer gesunden Form. Das ist ein Anspruch, den auch mein Publikum an mich hat. Es ist nicht immer einfach, jedes Jahr etwas Neues zu bringen, Versprechen zu erfüllen, nicht nur dem Publikum, sondern auch Auftraggebern und Sponsoren gegenüber. Gleichzeitig muss man für die Zukunft vorsorgen. Wenn etwa Bernhard Paul vom Circus Roncalli am Vormittag drei Stunden mit einem sprechen möchte, dann macht man das, denn das bedeutet einen weiteren Job. Es ist manchmal nicht so einfach, zu sagen: Heute ist mal nichts. Da ist man schon froh, wenn an einem freien Tag zwei Stunden bleiben, an denen man in die Sauna gehen kann und nicht erreichbar ist. Doch danach erwarten einen schon wieder 50 Nachrichten auf dem Smartphone mit Fragen, die beantwortet sein wollen.

Du bist für alle der Spiegelpalast in Person. Ist es dein Traum, den du lebst?

Einen Traum zu leben und für einen Traum zu arbeiten sind zwei verschiedene Dinge. Es ist ein Traum, der Spaß macht, aber auch ein 24-Stunden-Job, der einen das ganze Jahr über in Anspruch nimmt. Zehn Monate für die Vorbereitung sind knapp, da darf nichts dazwischenkommen.

Wo ziehst du – auch in puncto optische Selbstoptimierung – deine Grenzen?

Es gibt natürliche Grenzen, die einem der Körper signalisiert. An einem Montag nach einer intensiven Woche kann ich schon mal feststellen, dass gar nichts mehr geht. Beim Thema Schönheitschirurgie ist es wichtig, schon noch der Mensch zu bleiben, der man ist. Was man tatsächlich ganz schnell übersehen kann, denn man lebt irgendwann nur noch in seiner Maske. In solch einer Situation bleibt wenig Zeit für die Person Christian. Ich bin im Arbeitsfluss und gleichzeitig versuche ich, etwas immer noch besser, schöner zu machen, um sich abzusetzen. Der eigene Körper setzt einem aber zwangsläufig Grenzen.

Wie wirst du persönlich als Christian akzeptiert? Merkst du etwas von einer wieder verstärkt auftretenden Homophobie?

Ich denke, es kommt erst einmal darauf an, wie man sich präsentiert. Ich bin seit 30 Jahren in Augsburg unterwegs und bekannt und habe schon Aufgaben bekommen, die ich sicher nicht erhalten hätte, wenn ich provozierend durch die Stadt laufen würde.

Ist die Situation in der Showbranche einfacher?

Wir sind hier in Deutschland sehr liberal, darüber bin ich froh. Aber es ist nicht so, dass man in der Artistenwelt automatisch eine offene Denkweise vorfindet. Da herrscht auch Homophobie! Seit ich auf der Bühne stehe, versuche ich, Vorurteilen entgegenzuwirken. Die Menschen nehmen mich als Manager, Produzenten, Geschäftsmann wahr – dann bin ich auch nicht auf der Bühne. Dort wiederum verkaufe ich meine Illusion, die nie unter der Gürtellinie und ordinär ist. Sie ist frech, reizend, aber es ist Theater. Und selbst wenn es kein Theater mehr wäre und ich mich als Frau fühlen würde: Die Akzeptanz ist hier so groß, das würde keine Rolle mehr spielen.

Der aktuelle Bundesgesundheitsminister Jens Spahn steht öffentlich zu seiner Homosexualität. Würdest du jemanden wählen, von dem du weißt, dass er sich nicht offen bekennt?

Ja, denn mich interessiert nicht, ob er sich outet, sondern sein politischer Hintergrund, seine Anschauung. Ich kenne viele Manager und Menschen in Führungspositionen, auch aus anderen Ländern, die nur im Urlaub offen homosexuell leben. Ich finde es für die Menschen schlimm, aber sie müssen sich ganz individuell entscheiden, ob sie sich damit auseinandersetzen oder nicht. Ich finde Menschen mutig, wenn sie verrückt leben. Jeder Mensch, der zu sich steht, wird Probleme haben und angefeindet werden. Einer Frau, die etwas provokanter angezogen ist, geht es doch genauso, oder? Jeder Mensch hat eine Wertigkeit, die nicht von einem Outing oder seiner Neigung abhängt.

Jeder muss seinen Lebensweg finden, das tun, was für ihn gut ist, und womöglich kann er dadurch auch anderen Gutes tun. Ich habe in meinem Beruf immer kämpfen müssen, damit man mich akzeptiert, aber das muss jeder Schauspieler, jeder Sänger, letztendlich jeder Mensch. Und heutzutage gebe ich hier immerhin 40 Leuten eine Arbeit.

Kannst du dir vorstellen, ein festes Haus in Augsburg zu bespielen?

In einigen Jahren könnte ja die brechtbühne im Gaswerk frei werden ... Im Moment bin ich mit so vielem beschäftigt, dass ich es mir nicht vorstellen könnte, ein solches Projekt auch noch zu bewältigen.

Welche Projekte stehen bei dir in Zukunft an?

Mit dem Spiegelpalast habe ich Paris, den Lido und das Crazy Horse, Las Vegas, New York – diese spezielle Showkultur – nach Augsburg geholt. Ich mache nicht nur Varieté, wir bieten nicht nur Akrobatik, wir haben Clowns, Freaks, verrückte Menschen. In der nächsten Spielzeit wird es dann noch Burlesque geben. Da laufen die Planungen schon. Ich möchte diese Form von Entertainment hier etablieren. 2020 werde ich in einer Operette im Hofspielhaus in München die Hauptrolle spielen, die dann auch auf Tour geht. Ansonsten: keine Ahnung, vielleicht verliebe ich mich und ziehe nach Thailand. Ich würde auch gerne einmal auf Gran Canaria leben. Dort habe ich viele Freunde und fühle mich sehr wohl. Im Sommer geht es für ein paar Monate nach Düsseldorf. Ich bin jemand, der nicht gern von Dingen festgehalten wird, was ich übrigens gerade mit all dem Equipment für den Spiegelpalast erlebe. Ich muss und will frei sein. Doch natürlich muss ich dafür sorgen, dass es auch nach der Spielzeit weitergeht. Ich halte es da mit Marlene Dietrich, die sagte: Ich bin gut, ich bin diszipliniert und ich arbeite.

Weitere Infos zu Chris Kolonko und zum Spiegelpalast unter:
www.spiegelpalast-augsburg.de und www.chris-kolonko.de

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