Klassik

»Ich bin ja nicht aus der Welt!«

Renate Baumille...
21. November 2019

Ihr Kerngeschäft ist die Pflege hochkarätiger Musica sacra im Augsburger Dom. Mit ihren umjubelten Konzert- und Opernauftritten im In- und Ausland sowie zahlreichen CD-Einspielungen für namhafte Labels wie Deutsche Grammophon oder Deutsche Harmonia Mundi konnten sich die Augsburger Domsingknaben aber auch im professionellen Musikbetrieb etablieren. Sie begeistern die Hörerschaft mit exquisitem Klang, die Kritiker geraten ins Schwärmen, und so sind sie seit Jahrzehnten auch als klingende Botschafter der Stadt Augsburg weltweit unterwegs.

Mit Bach im Vatikan

Mit Bach »jauchzten und frohlockten« sie etwa vor Papst Benedikt in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan (2009) und überzeugen in Berlin unsere Bundespräsidenten regelmäßig von ihrem Virtuosentum. Dies alles scheint einem Mann geschuldet, ohne den man sich die Augsburger Domsingknaben eigentlich nicht vorstellen kann, der die Volksweisheit zu entkräften scheint, nach der jeder Erfolg mehrere Väter hat. Er gründete den Knabenchor noch zu Studienzeiten und freut sich heute, dass er dem vom damaligen Erzbischof Josef Stimpfle erhaltenen Vertrauensvorschuss im Laufe der rund 45 Jahre gerecht werden konnte. Und wie! Nicht von ungefähr erhielt er für die Verdienste um den Aufbau und die Pflege seiner »Buben« diverse Auszeichnungen, die neben dem Päpstlichen Silvesterorden das Bundesverdienstkreuz und erst kürzlich den Bayerischen Verdienstorden einschließen.

Wer den aktuellen Chorbericht 2019 oder eine Ausgabe des hauseigenen Magazins »Sing« durchblättert, staunt ungläubig angesichts der dort gelisteten Auftritte. Es ist ein enormes Pensum, das die derzeit 350 Sänger im Alter zwischen 5 und 25 Jahren absolvieren müssen, oder besser dürfen. Präzise ist die 1976 ins Leben gerufene Institution geführt und organisiert, die 1986 im neu erbauten Haus St. Ambrosius am Hohen Weg 30 lichte und bedarfsgerechte Räumlichkeiten bezog, in denen sich ein vorbildliches und umfassendes, ein zeitgemäßes und rundum funktionierendes Ausbildungskonzept, das Hausaufgabenbetreuung und Mittagstisch inkludiert, optimal entfalten und fortentwickeln konnte. Dort kommen die Gruppen zur zweijährig konzipierten musikalischen Früherziehung und später zu den beiden Vorchören, dem B- (=Nachwuchs-)Chor, dem Karl-Kraft-Chor genannten A-Chor, zum Kammerchor, zur sogenannten Mutantenklasse sowie zum Instrumentalunterricht (u.a. Klavier, Violine, Trompete, Gitarre) für zwei Nachmittage zusammen, um eine solide und ganzheitliche gesangstechnische Ausbildung nach bewährter »Kammler-Erfolgsmethode« zu absolvieren. Das Singen ist, wie Reinhard Kammler betont, ein Handwerk, das man wie jedes andere Musikinstrument üben und erlernen muss. Weil aber der Kehlkopfbereich ein sich konstant veränderndes Instrument ist, ist dabei acht- und sorgsam vorzugehen. Welcher Kinderstimme ist was »mental-musikalisch« zumutbar? Diese Frage hat Priorität, auch um ein fundamentales Anliegen Kammlers zu gewährleisten: Seine Buben sollten das Haus St. Ambrosius immer mit einem Erfolgserlebnis verlassen.

Oft wird Reinhard Kammler nach dem »USP«, dem Alleinstellungsmerkmal der Domsingknaben gefragt. Gibt es eigentlich einen ganz spezifischen Klang bzw. ein Klangideal, an dem er sich orientiert? »Meine Strategie ist die, dass der Gesamtklang von der möglichst optimal ausgebildeten Einzelstimme ausgeht, und zwar vom Obertonreichtum der Kopfstimme abwärts führend in die Brustresonanz, was man natürlich entsprechend mischen muss.« Prägend waren die ganz persönlichen Eindrücke, die er als Stipendiat des Deutschen Musikrats in Cambridge sammelte, wo die dort ausgebildeten Knabenchöre diesen silbrigen, schönen und obertonreichen Klang vollendet beherrschen. »Ein Ideal heißt ja bewusst auch so, weil man es nie gänzlich erreicht – aber die oben beschriebene Stimmschulung verhindert ein schädliches Forcieren und macht die Stimme trotzdem tragfähig«, ergänzt Kammler, an dessen Bürowänden ebenso wie in den Fluren großformatige Fotos die vielen, immer besonderen Konzerterlebnisse dokumentieren, lächelnd.

Kammler, und das gilt für sein ganzes Team, nimmt seine musikpädagogische Verantwortung sehr ernst und legt entsprechend viel Wert darauf, die musikalische Disposition jedes Einzelnen behutsam zu beobachten, um die individuell stimmige Leistung zu erreichen. »Überforderung ist genauso schädlich wie eine Unterforderung.«

»Ich wollte nie ein Internat«

Gemeinsam mit den Regensburger Domspatzen, den Tölzern und den Windsbachern zählen die Augsburger Domsingknaben fraglos zu den »Big Four« der in Bayern beheimateten Knabenchöre. Sie gerieten jedoch anders als andere niemals in Missbrauchsschlagzeilen. »Jeder einzelne Fall ist einer zu viel und grauenhaft«, kommentiert Kammler, »allerdings sollte man dieses Thema nicht allein auf den kirchlichen Bereich reduzieren, auch wenn die jetzt folgenden Präventionsmaßnahmen zu befürworten sind.« Ein Internat hat Reinhard Kammler weder je gewollt noch vermisst. »Mir war es immer wichtig, dass die Buben, die hier an maximal zwei Tagen ihre Nachmittage verbringen – und hier handelt es sich ja durchaus vergleichbar mit dem Sport um ein Hochleistungszentrum – in einem intakten familiären Umfeld leben. Ich empfand es immer als wohltuend, wenn sie etwa bei der Rückkehr von Tourneen von ihren Familien in Empfang genommen wurden und dann positiv von ihren Eindrücken erzählend nach Hause gingen.«

Ein Institut, das offen denkt

Die positiv-motivierende und langfristige Bindung der Chorsänger samt ihren kooperierenden Familien stellt das Institut mit seinem spezifischen Ausbildungskonzept, das unwillkürlich auch eine gesunde Gesamtentwicklung der Kinder prägt, sicher, und so ist auch das Thema »Nachwuchssorge« keines. Qualität bürgt für Quantität! Im Moment muss man sich trotz aller digitalen Eingriffe in die Lebenswelt der Kinder keine Sorgen machen, dass die Domsingknaben zum »Auslaufmodell« werden. Womöglich spielt da neben der weithin geschätzten und von Mund zu Mund weiterempfohlenen seriösen Stimmbildung ein besonderer Spirit im Haus St. Ambrosius eine Rolle. »Für uns alle ist es eine Bereicherung, dass wir zahlreiche mehrsprachig aufwachsende Buben mit Elternteilen aus verschiedenen Ländern haben, die sich bei uns sehr angenommen fühlen. Unseren Kindern weitet das im Zusammenleben ihren Horizont und ich glaube, es ist bei allen angekommen, dass wir eine Institution sind, die offen denkt.«

»Und jetzt, Herr Kammler?«

Ende des Jahres übergibt Reinhard Kammler seine Buben in die umfassend geschulten Hände von Wunschnachfolger Stefan Steinemann, der von Anfang an bei den Domsingknaben »sozialisiert« wurde, und weiß damit sein Lebenswerk im eigenen Sinn mit möglichen neuen Akzenten fortgeführt. Da Kammler, wie er sagt, auch im Ruhestand nicht aus der Welt sei, könne er ja, wenn gewünscht, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ihm sei es definitiv lieber, wenn die Leute »Was, Sie hören schon auf?« sagen als andersherum. Schön, dass er dennoch zugesteht, emotional »zu kämpfen«, denn der langjährige Umgang mit der Jugend habe ihn selber vital und jung gehalten. Und doch freut er sich nach dem 24/7-Berufsalltag auf die Entlastung, die es ihm erlaubt, vernachlässigten Leidenschaften wie dem Bücherlesen oder dem Klavierspielen zu frönen. Zudem kann Kammler gemeinsam mit der Familie angemessen die atemberaubende Sängerkarriere seines Sohnes Johannes, der nach dem Engagement im Opernstudio und Ensemble der Bayerischen Staatsoper jetzt in Stuttgart auf der Bühne steht, begleiten und genießen. Wir wünschen Reinhard Kammler einen erfüllten Ruhestand ab Januar und sagen voller Hochachtung jetzt schon: »Vielen Dank für alles!«

Am 15. Dezember sind die Augsburger Domsingknaben unter der Leitung von Stefan Steinemann mit Bachs Weihnachtsoratorium in Ev. Heilig Kreuz zu hören. Um 16 Uhr erklingen die Kantaten I bis III, um 19:30 Uhr folgen IV bis VI. Reinhard Kammler leitet die jungen Sänger nochmals am 21. und 22. Dezember im Rahmen der traditionellen Weihnachtskonzerte im Goldenen Saal.

www.augsburger-domsingknaben.de

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