Kinder flüchten über Grenzen – und dann?

23. Juli 2019 - 11:32 | Dieter Ferdinand

Das Jüdische Museum Augsburg Schwaben zeigt bis 31. Oktober die Ausstellung »Über die Grenzen. Kinder auf der Flucht 1939/2015« in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber.

Geflüchtete Kinder stehen im Mittelpunkt. Ver­glichen werden Situationen und Erfahrungen jüdischer Kinder, die 1938/39 durch Kindertransporte aus Deutschland nach England entkamen, und die Situation von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten heute. Der Vergleich mit der Nazizeit stellt die Einmaligkeit der Shoa nicht infrage, es geht um eine Brücke in die Gegenwart. »Wenn es uns nicht gelingt, Kindern Sicherheit zu geben, sind wir verloren«, sagte Museumsleiterin Barbara Staudinger bei der Eröffnung.

Die Kuratorinnen Souzana Hazan und Monika Müller stellen Geflüchtete vor allem aus dem Raum Augsburg mit Fotos und Dokumenten vor. Die meisten wussten nicht, wo ihre Eltern sind, und waren traumatisiert. Dazu gehörte die 1925 in Fischach geborene Anita Heufeld, die 1939 nach England kam, dort 1945 den US-Soldaten Rudolf Fellner heiratete und erst spät erfuhr, dass ihre Eltern in Auschwitz ermordet wurden. Sie starb 2017 in Pittsburgh. Ihre Tochter Kim Fellner war nach Augsburg gekommen, erzählte von ihrer Mutter und wandte sich gegen jede Gewalt. Ernst und Rudolf Fahrnbacher aus Augsburg konnten die Unsicherheit über das Schicksal der Eltern nicht ertragen. Ernst erhängte sich 1941, Rudolf beging 1946 Selbstmord, nachdem er erfahren hatte, dass die Eltern in Auschwitz ermordet worden waren. Auch das Schicksal von Siegbert und Liese Einstein aus Kriegshaber wird dargestellt. Liese überlebte als Einzige ihrer Familie den Krieg und lebt in den USA.

Die meisten Geflüchteten von heute sind traumatisiert. Es bedurfte empathischen Einfühlungsvermögens, zu ihnen Vertrauen aufzubauen. Morteza Khavari aus dem Iran lebt in einer Augsburger Wohngruppe. Er malt, um wiederkehrende Erinnerungen an Kindheit und Flucht zu verarbeiten. Zohra S., geboren 1997 in Afghanistan, hat das Berufsziel Hotelkauffrau. Sie malt Bilder, in denen sie ihre Sehnsucht nach Freiheit und Ausbildung thematisiert. Ein junger Geflüchteter spricht über den Schmerz der Trennung von Familie und Freunden. Ali Sultani aus Afghanistan lebt heute als Schüler in Augsburg. Er errang 2015 den ersten Platz bei der Meisterschaft in Taekwondo und wurde von Landrat Martin Sailer ausgezeichnet.

Nach der Eröffnung startete eine Nachtaktion von Kriegshaber zum Rathausplatz. Die Wiener Künstlerin Starsky hatte einen lichtstarken Projektor auf einen Lastwagen montiert und projizierte Texte in alle Richtungen, etwa: »Sie gingen fort und kamen nie wieder zurück«, »Flucht, Flucht, Flucht«, »Weltweit sind 7 Millionen Menschen auf der Flucht«, »Es war schrecklich, ohne Liebe aufzuwachsen«.

Mit der empfehlenswerten Ausstellung begeht die ehemalige Synagoge Kriegshaber das fünfjährige Jubiläum ihrer Zugehörigkeit zum Jüdischen Museum Augsburg Schwaben. Sehr verdienstvoll ist der gut gelungene Brückenschlag zur Gegenwart.

www.jkmas.de/2019/06/ueber-die-grenzen-kinder-auf-der-flucht-1939-2015-3/

Abbildung oben (Klick hier zum Vergrößern): Jüdische Flüchtlingsmädchen aus dem Deutschen Reich, September 1939, Tynemouth, Großbritannien – 2. Reihe, ganz r.: Anita Heufeld, geb. 1925 in Fischach © United States Holocaust Memorial Museum, mit freundlicher Genehmigung von Alisa Tennenbaum


Fotostrecke zur »Guerilla-Aktion« der österreichischen Künstlerin Starsky zur Ausstellungseröffnung. Die Abbildungen können durch einen Klick vergrößert werden. (Fotos © Sascha Osaka)

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