Menschen im Hotel

26. April 2013 - 10:16 | Patrick Bellgardt

Ein ehemaliges Altenheim wird zum Flüchtlingsquartier, Atelier, Kulturzentrum und Hotel. Eine Handvoll Aktivisten errichtet im Domviertel eine »soziale Skulptur« und lädt die Stadt zur Besichtigung ein. Eine Reportage von Patrick Bellgardt.

Eine Person geht durch die Wand. Scheinbar furchtlos durchbricht sie Grenzen und Mauern. Die Installation von Peter Weismann steht symbolisch für Menschen, die sich aus ihren konventionellen Zusammenhängen bewegen und neues Terrain betreten. Wir sitzen in einem der zukünftigen Hotelzimmer im fünften Stock des Grandhotels Cosmopolis, dem der Künstler aus München gerade den letzten Schliff verpassen möchte. »Jeder Raum wird von einem anderen Künstler ehrenamtlich gestaltet und stellt jeweils eine ganz eigene Welt dar«, erklärt mir Weismann. Als er Anfang des vergangenen Jahres durch einen Radiobeitrag des Bayerischen Rundfunks auf das Augsburger Projekt aufmerksam wurde, entschloss er sich zu helfen. Begeistert von der Passion, dem enormen Engagement und der Gelassenheit der Hoteliers, bekam er wenig später das Angebot, einen der Räume zu gestalten, und sagte spontan zu. Weismanns Arbeit möchte eine Geschichte erzählen und dabei nicht zuletzt sichtbar machen, dass es sich hier um kein normales Hotel handelt. Wie die Person in seiner Installation beweisen die Aktivisten des Grandhotels den Mut, gewohnte Konventionen hinter sich zu lassen und Neues zu wagen. Trotz oder gerade wegen des momentanen Umbaus wirkt das Innere des Nachkriegsbaus schon jetzt unglaublich lebendig. Auf dem Weg zu meinem Termin mischen sich Baustellengeräusche mit Dancehall-Tunes und Stimmen aus der nahen Küche. Im ganzen Haus spürt man das Herzblut, das von jedem Einzelnen in dieses Projekt gesteckt wird.

Im Ansatz komplett neu

Seit Anfang September 2011 wächst im Augsburger Domviertel dieses Projekt, das inzwischen nicht nur für Deutschland Modellcharakter besitzt, sondern auch über die Landesgrenzen hinaus eine riesige Resonanz auf sich zieht – das Grandhotel Cosmopolis. Vor Kurzem war zum Beispiel ein holländisches Fernsehteam zu Gast. Diese Idee interessiert und begeistert die Menschen. Zum ersten Mal wird hier der Versuch gewagt, einer Asylbewerberunterkunft einen wirklich breiten und nachhaltigen soziokulturellen Mehrwert zu geben. Das leer stehende Paul-Gerhard-Haus, ein ehemaliges Altenheim der Diakonie, soll zu einer »sozialen Skulptur«, einer Kombination aus Flüchtlingsquartier, Atelier, Hotel und Kulturzentrum, umfunktioniert werden. Der Ansatz einer unabhängigen Gruppe von Künstlern und Aktivisten ist wohl komplett neu und stellt letztlich ein gewagtes, jedoch auch unglaublich mutiges Vorhaben dar. Über ein Jahr und mehrere Tausend Stunden ehrenamtlicher Vorbereitungsarbeit später konnte im Oktober vergangenen Jahres die offizielle Erlaubnis zum Umbau des Hauses vom Bauordnungsamt entgegengenommen werden.

Der Weg zu einem Hotel für Menschen »mit und ohne Asyl« war endlich frei. Seit Januar geht die Renovierung des Gebäudes dank vieler freiwillig helfender Hände in großen Schritten voran. Auf acht Etagen müssen Zimmer, Küchen, Bäder, Flure, Sanitär- und Elektroanlagen umgebaut und nutzbar gemacht werden. Dabei soll der ganz spezielle Charme des Nachkriegsbaus nicht verloren gehen. »Die Grobarbeiten sind bereits abgeschlossen, jetzt geht es vor allem um Fliesenarbeiten und die Gestaltung«, erklärt Peter Fliege, der von Anfang an am Projekt mitgewirkt hat und sich momentan vorrangig um den Umbau kümmert. Die Diakonie übernimmt als Besitzerin des Gebäudes die kalkulierten 300.000 Euro Sachkosten für die Renovierung der Immobilie. Darüber hinaus sind den Hoteliers Materialspenden von Privatleuten und Firmen immer willkommen. Durch die regelmäßige Mitarbeit von etwa 20 ehrenamtlichen Helfern wird versucht, die Kosten beim Umbau auf einem niedrigen Level zu halten. Verschiedene Baumaßnahmen müssen aber von Fachleuten durchgeführt werden. Das strapaziert den engen Etat. Nach der Fertigstellung sollen im Grandhotel Cosmopolis bis zu 60 Asylbewerber zusammen mit »Gästen ohne Asyl« und freischaffenden Künstlern zusammenleben und dadurch einen Ort der Begegnung schaffen. Ein genaues Datum, wann und zu welchen Zimmerpreisen die ersten Hotelgäste einziehen können, steht jedoch noch nicht fest.

Hotelführungen im April

Wer selbst einen Blick in das Grandhotel riskieren möchte, um sich einen Eindruck vom aktuellen Stand zu verschaffen, kann dies an mehreren Terminen von April bis Juli tun. In diesem Zeitraum bieten die Hoteliers für alle Interessierten insgesamt acht Führungen an. Vom Konzept der »sozialen Skulptur« bereits überzeugt ist Stavros, den ich auf seinem Balkon treffe. Er gehört zu den Köpfen, die nicht regelmäßig in den Medien zu Wort kommen, aber dennoch zum bunt gemischten Team gehören. Ohne das Grandhotel wäre der junge Grieche nach seiner Ankunft in Augsburg vermutlich auf der Straße gelandet. Durch Freunde kam er schließlich ins Springergässchen, wurde dort freundlich aufgenommen und hilft seitdem, wo er kann. Seiner Meinung nach müsste es angesichts zunehmender Migration viel mehr solcher Projekte in Europa geben. Die Staaten könnten nicht die komplette Verantwortung für diesen Bereich übernehmen, vielmehr müsse es auch aus der Gesellschaft heraus Impulse wie das Grandhotel Cosmopolis geben. Auch sein Bruder hat angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Perspektiven Griechenland verlassen und lebt derzeit als Journalist in Schweden. Während wir uns unterhalten, wirkt Stavros sehr nachdenklich. Wie es mit ihm persönlich weitergeht, weiß er noch nicht. Er vergleicht sein Leben mit einem Schachspiel, »in dem man immer versuchen muss, sich in die richtige Position zu bringen«. Wir bekommen Besuch. Eine junge Frau setzt sich zu uns. Auch für Fujiko ist das Grandhotel so etwas wie ihre zweite Heimat geworden. Die Japanerin, die im August nach Deutschland gekommen ist, wollte in einem anderen Land leben und einfach mal etwas Neues ausprobieren. Anfangs war sie durch ihre Mitbewohnerin zu dem Projekt gestoßen und begann an den kostenlos angebotenen Deutschstunden teilzunehmen. Inzwischen kommt sie fast jeden Tag, hilft bei den Umbauarbeiten und lernte im Laufe der Zeit eine Menge engagierter Menschen kennen, die für sie alle etwas gemeinsam haben – »ein gutes Herz«.

Bis Ende Juli gibt es an jeweils zwei Sonntagen im Monat die Chance, an einer kostenlosen Führung durch das Grandhotel teilzunehmen und sich darüber zu informieren, wie der Stand der Dinge ist und wie man sich am weiteren Wachstum beteiligen kann. Um eine vorherige Anmeldung per E-Mail wird gebeten. Termine: 12., 26. Mai, 9., 23. Juni, 14., 28. Juli, Beginn jeweils um 14 Uhr.

www.grandhotel-cosmopolis.org

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