Schlafender Riese

13. Mai 2013 - 0:00 | Jürgen Kannler

Die Kultur- und Kreativwirtschaft gehört nicht nur in Deutschland längst zu den stabilsten und umsatzstärksten Branchen. Schade nur, dass kaum jemand davon notiz nimmt. Eine Reportage von Jürgen Kannler.

Die ungenügende oder falsche Wahrnehmung des Themas kommt uns alle nicht nur volkswirtschaftlich teuer zu stehen. Diese Ignoranz geht auch auf Kosten der Lebensqualität. Denn in Regionen, in denen die Kultur- und Kreativwirtschaft gut gedeiht, fühlen sich auch die Menschen wohl. Für unsere neue Serie »a3kultur-Wahlprüfsteine« untersuchen wir im Folgenden die Situation der Kultur- und Kreativwirtschaft in Augsburg.

Musikwirtschaft, Filmwirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Rundfunkwirtschaft, Markt für darstellende Künste, Designwirtschaft, Architekturmarkt, Pressemarkt, Werbemarkt, Software- und Gamesindustrie.

Aus diesen elf Teilbereichen setzt sich die Kultur- und Kreativwirtschaft (KuKW) zusammen. Rund 418.000 Menschen arbeiten allein in Bayern in Berufen, die zur KuKW gezählt werden (Abbildung oben). Sie entwerfen unsere Kleidung, Fahrzeuge und Städte. Sie machen Zeitungen, Bücher, Filme, Radiosendungen und Computerspiele. Sie schreiben Gedichte, machen Musik, spielen Theater und schaffen Skulpturen. Sie werben für neue Ideen, alte Marken oder Politik. Alle diese Menschen haben Arbeit und Einkommen, weil ein schöpferischer Akt durch sie Verbreitung findet. Dieser schöpferische Akt liegt ihrer Arbeit zugrunde und wird zum oft entscheidenden Gradmesser für Erfolg oder Misserfolg ihres Tuns. Und trotzdem tun sich die Szenen der KuKW schwer, Gemeinsamkeit zu demonstrieren, und verzichten damit auf bessere Bedingungen für alle Kreativarbeiter. Was steckt dahinter?

Im kulturellen Niemandsland will keiner leben.

Menschen, die in diesen Berufen arbeiten, sind zu 97 Prozent in Unternehmen tätig, die rein statistisch als Kleinstbetriebe gelten. Dazu zählen Kreative mit einem Jahreseinkommen unter dem Existenzminimum ebenso wie Firmen mit einem Jahresumsatz von bis zu zwei Millionen Euro. Der tatsächliche durchschnittliche Umsatz dieser Betriebe ist eher im unteren bis mittleren Segment dieser Spanne anzusiedeln. Diese Erhebung ist allerdings, ebenso wie die heterogene Struktur der Branche, kein Indiz für mangelnde gesamtwirtschaftliche Potenz oder wirtschaftliche Instabilität der Szenen. Das Gegenteil ist der Fall. Von dem 2009 in der bayerischen KuKW erzielten Gesamtumsatz von 29,4 Milliarden Euro (einer geschätzten Bruttowertschöpfung von 13,6 Milliarden Euro) entfiel rund ein Viertel auf diese sogenannten Kleinstbetriebe. Insgesamt rangiert die KuKW nach Umsatz und Wertschöpfung vor der Chemie, den Energieversorgern und der Automobilindustrie und wird im Ranking von 2009 nur knapp vom Maschinenbau geschlagen (Abbildung unten). Zudem sind diese Szenen wichtiger Bestandteil eines besonderen Reizklimas, das in Städten allgemein als belebend und als Trägerstoff von Lebensqualität empfunden wird. Sie bilden damit ein Umfeld, das auch von Vertretern anderer Branchen als überaus positiv wahrgenommen wird und längst mehr ist als ein weicher Standortfaktor. Die Lebendqualität und die kulturelle Identität einer Region bestimmen wesentlich den Zuzug hoch qualifizierter Fachkräfte. Im kulturellen Niemandsland will keiner leben. Somit haben kulturpolitische Entscheidungen wie Streichungen im Festivaloder Theaterbereich direkte Auswirkungen auf die wirtschaftliche Zukunft einer Region, und dies nicht nur im Kontext der KuKW.

Die genannten Zahlen stammen aus den Berichten von Michael Söndermann vom Büro für Kulturwirtschaftsforschung in Köln. Der Wissenschaftler stellte innerhalb nur weniger Monate zwei Untersuchungen zur KuKW in Bayern vor. Im Herbst vergangenen Jahres präsentierte er seinen Datenbericht zur Europäischen Metropolregion München (EMM) und vor wenigen Tagen folgte das Ergebnis des von Wirtschaftsminister Martin Zeil auf Antrag der bayerischen Landtagsgrünen in Auftrag gegebenen Gutachtens zur KuKW in Bayern.

»Das Thema Kultur ist mit einem positiven Image besetzt und die Politik zeigt sich angesichts solcher Fakten schnell begeistert. Allerdings haben nur die wenigsten mit einem so hervorragenden Ergebnis gerechnet«, so Söndermann. Da geht es den verblüfften Volksvertretern nicht viel anders als den Menschen, die durch ihre Arbeit Teil dieser BoomBranche sind. Von einem Wirgefühl ist in der KuKW noch wenig zu spüren. »Dieses fehlende Bewusstsein ist eine Schwachstelle, die es schnellstmöglich zu überwinden gilt«, rät Söndermann und fordert Respekt für die Branche ein, attestiert aber zugleich den Aktiven ein Defizit an Selbstvertrauen, wenn es darum geht, die Szenen als Ganzes zu präsentieren. Kein Branchenvertreter aus der Chemieoder Automobilindustrie müsste sich zum Beispiel vonseiten der Kommunen einen Umgang gefallen lassen, wie er im Bereich der KuKW heute noch oft genug Alltag ist.

Einzelkämpfertum überwinden

Michael Söndermann weiß, wovon er spricht. Seit 20 Jahren befasst er sich mit dem Thema und kennt wie kaum ein anderer Chancen und Bedeutung der KuKW. Vertretern der Kommunen, die seinen Rat suchen, empfiehlt er, es zur Chefsache zu machen, also ausdrücklich den Bürgermeistern, sich an die Spitze der KuKWPflege zu stellen. Mit solchen »Zugpferden« wird vom Start an die Verwaltung referatsübergreifend mit in den Entwicklungsprozess einbezogen. In seinem jüngsten Bericht nennt er beispielhaft die Arbeit des Münchner Kulturreferats und des Kulturamts in Fürth. Gleichzeitig betont er die Schlüsselposition der kommunalen Ansprechpartner vor Ort. Diese anspruchsvolle Aufgabe setzt voraus, dass alle elf Szenen der KuKW ins Blickfeld genommen werden: Die Ansprechpartner müssen das Einzelkämpfertum in der KuKW überwinden. Im konkreten Fall heißt das losziehen und eine Szene moderieren, die sich erst einmal nicht als Einheit sieht und einer Vernetzung oft negativ gegenübersteht – teils wegen der besonderen Spezifikationen der Teilbereiche, aber oft auch aus Angst vor der Konkurrenz.

In Augsburg war man relativ früh am Thema dran, allerdings von Beginn an nur halbherzig. Nach der letzten Kommunalwahl wurde die KuKW im Büro des Popbeauftragten geparkt, der seine nagelneue Stelle eben erst angetreten hatte. Ohne Etat und kompetentes Personal dämmerte die Beschäftigung mit ihr jedoch nur einige Jahre vor sich hin, statt nennenswerte Ergebnisse für die Szenen zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt war das Potenzial dieser Branche den Politikern wohl noch fremder als heute. Als der Popbeauftragte entnervt seinen Job an den Nagel hing und seine Stelle verwaiste, wurde die Angelegenheit KuKW gleich mit in den Dornröschenschlaf geschickt. Seitdem ist die Stadt ohne Popbeauftragten und ohne echte Anlaufstelle für die KuKW. Das soll sich »baldmöglichst« ändern.

Vor wenigen Wochen wurde im Rathaus mehrheitlich beschlossen, der Empfehlung einer Evaluierungsgruppe zu folgen und einen Beauftragten KuKW für das Wirtschaftsreferat und einen Beauftragten Pop für das Kulturreferat einzustellen. Nach dem Antragstext soll die Stelle des Popkulturbeauftragten schnellstmöglich, die des Beauftragten für die Förderung der KuKW baldmöglichst besetzt werden. Im Klartext: Die KuKW bekommt, wenn überhaupt, frühestens 2014 einen echten Ansprechpartner im Wirtschaftsreferat.

Augsburg ohne echten Ansprechpartner für KuKW

Die Augsburger Wirtschaftsreferentin Eva Weber nimmt das Thema wohl ernster als ihre Vorgänger. Also fragten wir bei ihr nach, welche Schlüsse sie aus den jüngsten Berichten zur KuKW zieht:

»Sowohl der Bericht der EMM als auch der bayerische Bericht belegen, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft schon jetzt einen hohen Stellenwert einnimmt. Mit rund zehn Prozent der Wirtschaftskraft bzw. der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten gibt es schon heute eine herausgehobene Präsenz. Diese Datenerhebungen sind wichtig, um darzustellen, dass wir hier über einen gewichtigen Wirtschaftsfaktor sprechen. Historisch liegt der Schwerpunkt im Wirtschaftsraum Augsburg im produzierenden Bereich – das Potenzial für weitere Schwerpunktbereiche wie die Kultur- und Kreativwirtschaft ist aber gegeben und es lohnt sich, genauer hinzuschauen und entsprechende Maßnahmen abzuleiten.«

Wie könnte diese Stelle neben dem Wirtschaftsreferat in die anderen relevanten Referate eingebunden werden?

»Dass Zusammenarbeit stattfindet, ist selbstverständlich. Wirtschaftsförderung arbeitet naturgemäß als Querschnittsfunktion. Insoweit ist es selbstverständlich, dass die Verbindung zu anderen Referatsbereichen hergestellt wird. Das kann die Bauverwaltung, wenn es um die Schaffung von Kreativquartieren geht, ebenso sein wie die Kulturverwaltung, wenn dort Anfragen auflaufen, die die Wirtschaftsförderung betreffen.«

Wie wird die Marschroute Kreativwirtschaft für Augsburg mit einer Wirtschaftsreferentin Eva Weber nach der Wahl 2014 aussehen?

»Die To Dos ergeben sich aus dem Ergebnispapier der Evaluierungskommission (als Download hier). Vor allem brauchen wir für Augsburg eine kleinräumige Datenbasis, um genauer zu wissen, von wem wir eigentlich sprechen und welche Erwartungen, Wünsche und Anregungen in Augsburg konkret bestehen. Ein von oben aufgesetzter Prozess ist meines Erachtens nicht zielführend, es wird hier entscheidend auf die konkreten Bedürfnisse der Branche ankommen. Auch die Vernetzung über Augsburg hinaus – vor allem im Hinblick auf das zu schaffende bayerische Kreativwirtschaftszentrum in Nürnberg – wird ein wichtiger Punkt sein. Denn Coachingangebote oder Fördermöglichkeiten werden keine Augsburger Lösungen sein.«

Den schlafenden Riesen wachkitzeln

Auf die Erstellung einer »kleinräumigen Datenbasis«, wie sie von der Wirtschaftsreferentin als Voraussetzung ins Feld geführt wird, um aktiv zu werden, will die IHK Schwaben nicht mehr warten. Schon im vergangenen November veranstaltete die Kammer in Kooperation mit dem Kulturpark West erfolgreich ein Kickoff Event unter dem Titel »Kultur- und Kreativwirtschaft in Schwaben – eine Branche im Aufwind«. Gestärkt durch die an diesem Abend spürbare Dynamik des Themas, plant die IHK spätestens nach abgeschlossener Bestandsaufnahme im Juli 2013 den Start des Arbeitskreises Kultur- und Kreativwirtschaft. Dieses Gremium wird unter dem Vorsitz des ehrenamtlich für die IHK agierenden Branchenkenners Bernd Böhme (Geschäftsführer von Böhme event Marketing) mit Unternehmern aus allen Teilbranchen der KuKW besetzt werden.

Ziel des »überzeugten Netzwerkers« Böhme ist es unter anderem, einen ersten Brückenschlag zwischen den Teilbereichen der KuKW und Vertretern relevanter Institutionen in Schwaben zu vollziehen. Als weiteren Punkt auf seiner Todo-Liste führt er an, »die Netzwerkbildung zur Interessenvertretung gegenüber Kommunal- und Landespolitik zu forcieren«. Außerdem fordert Böhme bei IHK-Hauptgeschäftsführer Peter Saalfrank einen KuKW-Etat für Marketingaufgaben, Informationsveranstaltungen, Weiterbildung und Beratung. Als mögliche Beratungsleistungen der IHK Schwaben sieht er zum Beispiel die Ausarbeitung individueller Hilfestellungen etwa bei Fragen der Firmengründung oder Finanzierung und die Beteiligung der Kammer an der branchenbezogenen Pressearbeit.

Am meisten Erfahrung in diesem Bereich bündelt sich in Augsburg zurzeit weder bei der IHK noch bei der Stadt, sondern im Kulturpark West. Schon seit Längerem gelten die Geschäftsführer dieser gemeinnützigen GmbH, Thomas Lindner und Peter Bommas, in dieser Hinsicht auch überregional als gesuchte Ansprechpartner. So bat sie der Ausschuss für Bundes- und Europaangelegenheiten beim Thema »Die Kultur- und Kreativwirtschaft als Motor für Wachstum und Beschäftigung« um ihre Mitarbeit. Im März 2012 folgte die Einladung, als einziges BottomupProjekt aaus Süddeutschland an der europäischen CUREKonferenz in Essen teilzunehmen. Auf regionaler Ebene laufen Kooperationen beispielsweise mit dem Wirtschaftsreferat bei Fragen des temporären Leerstandsmanagement und mit der IHK (siehe oben).

Im Rahmen ihrer Aufgaben beim Kulturpark West, wo sie neben anderem Unternehmen aus den KuKW-Szenen Räume in ihren Dependancen zu günstigen Bedingungen anbieten, fanden Lindner und Bommas schnell Zugang zum Thema. Über eigene Projekte wie die temporäre Leerstandsumnutzung »Kommerz Macht Kunst« im Schwabencenter oder die Vorbereitung der europäischen Fachtagung »Kreativquartiere als Impulsgeber für kulturelle Stadtentwicklung« diesen Oktober im Gaswerk nehmen sie auch einen aktiven Part am Gestaltungsprozess rund um das Themenfeld KuKW ein. Das Engagement des Kulturparks West und seiner Kooperationspartner zeigt einen möglichen Weg auf, wie der schlafende Riese wachgekitzelt werden könnte. Auch in Augsburg. (Jürgen Kannler)

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